Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Über die Soto Zen-Praxis


Innerhalb des Buddhismus gibt es zahlreiche Traditionen und jede hat ihren eigenen Ansatz bezüglich der Meditation.
Vieles wird uns anfangs ungewohnt, eventuell auch befremdlich vorkommen, denn es sind Traditionen eines außereuropäischen Kulturkreises. Die uns in allen Aspekten von Anfang an rundum sympathische Übung werden wir wahrscheinlich nie finden. Aber wir können eine bestmögliche Annäherung versuchen. Das Wichtigste ist, sich irgendwann für eine Richtung zu entscheiden und: dabei zu bleiben.

Wem die Art und Weise wie wir üben, als unannehmbar erscheint, der sollte sein Suchen unbedingt fortsetzen. Es gibt viele ernsthafte spirituelle Wege, Zen ist einer davon.

Wir üben in der Tradition des Soto-Zen und nennen unsere Meditation „Zazen“, was wörtlich „sitzendes Meditieren“ bedeutet.
Hierbei bringen wir Körper, Atem und unseren Geist in Einklang miteinander.
Zunächst versuchen wir, unseren Körper in eine möglichst stabile Position zu bringen, so dass der Atem frei fließen kann. 

Da Zen aus Asien kommt, ist die traditionelle Form des Meditierens durch das Sitzen im Schneidersitz gekennzeichnet. Wir können hierbei beide Füße auf dem Boden liegen lassen (Burmesischer Sitz), einen Fuß auf den gegenüberliegenden Oberschenkel legen (halber Lotussitz) oder beide Füße auf der Innenseite unserer Oberschenkel ablegen (voller Lotussitz).
Das Wichtige bei allen Haltungen besteht darin, dass die Knie den Boden berühren und wir unser Gesäß solide mit dem Untergrund verbunden fühlen.
Diese Haltung ist zwar sehr stabil, aber für uns aus dem Westen oftmals auch lange schmerzhaft. Es kann dauern, bis unsere Bänder so weit gedehnt sind, dass die Knie den Boden berühren können. Hier können „Hilfsmittel“ – wie Stützkissen hilfreich sein.

Eine ebenso gute Haltung kann oftmals gerade am Anfang „Seiza“ sein, der traditionelle Sitz für den Tee oder das Einzelgespräch. Hierbei zeigen beide Knie nach vorne, wir sitzen rittlings auf dem Kissen und die Unterschenkel kommen seitwärts zum Liegen.

Für den Zen-Weg ist das Sitzen auf dem Boden keine Bedingung, wenngleich dieser Eindruck oftmals entsteht. Ein Bänkchen oder ein Stuhl sind ebenso gut möglich. Gerade wenn wir uns anfänglich schwer tun oder körperlich nicht dazu in der Lage sind, auf dem Boden zu sitzen, sollten wir keineswegs diesen Umstand als Ausrede nehmen, um gar nicht zu sitzen! Die Qualität unseres Sitzens hängt nicht davon ab, ob wir auf dem Boden sitzen können oder nicht. Beim Sitzen auf Bänkchen oder Stuhl ist das Becken leicht nach vorne gekippt, so dass sich die untere Wirbelsäule aufrichten kann. Beide Füße sollten entspannt auf dem Boden ruhen, die Knie sind in 90 Grad abgewinkelt.

Von Dogen Zenji stammt die Empfehlung, den Körper vor Beginn einer Meditationseinheit leicht hin und her zu schwingen, mit kleiner werdenden Bewegungen, um unsere Muskeln zu entspannen und um uns ins Lot zu bringen.
Das Kinn ist leicht nach hinten geneigt, so dass die Halswirbelsäule sich aufrichtet. Die Mitte von unserem Gesäß und der Scheitelpunkt des Kopfes sollten eine Linie bilden. Weiterhin sollten die horizontalen Linien zwischen unseren Ohren und Schultern parallel verlaufen. Es ist wichtig, dass wir nicht nach einer Seite lehnen, weder nach vorne oder hinten, weder nach rechts oder links.

Es gibt eine Haltung, in der wir gerade sitzen, und sich die Muskeln in einem gesunden Gleichgewicht von Spannkraft und Entspannung befinden. Je besser unsere Haltung ist, umso leichter wird unser Atem fließen können, und umso einfacher können wir unsere Gedanken ziehen lassen.
Eine gute Körperhaltung bildet die Grundlage für jede Meditation. Daher ist es ratsam, auch während der Meditationseinheit unsere Haltung zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Die Hände halten wir im kosmischen Mudra. Hierbei kommt die Außenseite der linken Hand auf der Innenseite der rechten Hand zu liegen, wobei sich die Daumenspitzen leicht berühren und ein Oval bilden. Die Außenseitenkanten der kleinen Finger kommen einige Zentimeter unterhalb des Nabels zu liegen. Sie liegen fest, aber nicht verkrampft dem Unterbauch, Zentrum des Chi, auch "Hara" genannt, an. Diese Handhaltung sollte keine Schmerzen in den Schultern verursachen. Treten diese auf, so halten wir eventuell die Hände zu weit oben oder unten oder die Ellenbogen zu weit vom Körper abgespreizt.

Im Soto-Zen sitzen wir zur Wand gerichtet und halten unsere Augen offen. Dabei entspannen wir die Oberlider und lassen sie soweit herunter, dass wir noch gut einen Punkt in etwa 2 m Abstand fixieren können und genügend Licht ins Auge fällt. Wir halten den Blick nicht auf ein bestimmtes Objekt gerichtet.
Die Augen werden mit der Zeit eine halbgeöffnete und eine halbgeschlossene Position einnehmen. Wir möchten uns nicht von der Welt abwenden (die Augen schließen), diese aber auch nicht aktiv beobachten (die Augen ganz öffnen).

Die Zunge liegt der Rückseite der Schneidezähne an. Wir atmen leise, so lautlos wie irgend möglich, und in der uns eigenen Atemfrequenz. Ist unser Atem nicht leise, sausen unsere Gedanken. Eine Atmung, wie wir sie zum Beispiel im Yoga praktizieren, bei der forciert Energien mobilisiert werden, ist nicht erwünscht. Der Atem sollte vollkommen geräuschlos fließen.
Am Anfang wird unser Einatem länger sein als unser Ausatem. Mit der Zeit wird sich dieses Verhältnis ändern, eventuell auch umkehren: wir geben mehr und leichter ab, als wir behalten und aufnehmen.

Es kann hilfreich sein, zunächst vollkommen auszuatmen und dann leise den Atem durch die Nase wieder einströmen zu lassen. Der Schwerpunkt des Atems liegt die ganze Zeit im Unterbauchbereich (Hara).  
Das mag gerade am Anfang ungewohnt erscheinen, denn wir sind es nicht gewohnt, "mit dem Bauch" zu atmen. Über die Jahre wird sich unser Schwerpunkt langsam vom Kopf- oder Brustbereich in Richtung Unterbauch verlagern. Dieser bewegt sich beim Ein- und Ausatem.
Es ist nicht nötig, beim Atmen besondere Anstrengung aufzuwenden. Wir lassen einfach natürlich, sanft und liebevoll den Atem durch die Nase einströmen und genauso weich und liebevoll wieder lautlos durch die Nase ausstreichen.
Je natürlicher wir atmen, desto mehr werden wir unseren Atem vergessen.

Selbst wenn wir ganz leise atmen, werden Dinge in unserem Kopf geschehen. Vielleicht sind wir erstaunt, wie viel darin passiert, vielleicht denken wir uns, das „gehört sich nicht“ beim Meditieren und wir versuchen, es abzustellen. Das führt meist zu noch größerer Unruhe.

Unser Kopf ist dazu da, um zu denken. Das ist seine Aufgabe.
Wir sitzen nicht, um unsere Gedanken abzuschneiden, zu verbessern oder um sie zu unterdrücken. Wir sitzen auch nicht, um ihnen eine besondere Bedeutung beizumessen - in dem wir sie weiterspinnen, zum Beispiel.
Wir sitzen ebensowenig, um Gedanken aktiv hervorzubringen, wie Phantasien oder Filme.
Wir sitzen einfach nur und beobachten, was geschieht.
Gedanken kommen. Gefühle, Erinnerungen, alle möglichen Arten von Sinnesempfindungen treten ans Licht. Nichts davon wird für immer bleiben, so unangenehm und oft schmerzhaft manches davon auch sein mag.

Wenn wir uns in die Position des Beobachters begeben, wenn wir selbst zu Aufmerksamkeit werden anstatt unsere Gedanken zu sein, können wir feststellen, dass alles kommen und gehen wird.
Wir spüren, wie unsere See sich über die Jahre hinweg etwas beruhigt. Wir merken, wie es uns zunehmend besser gelingt, die Dinge, die sich an unserem Himmel bewegen, durch uns hindurch strömen zu lassen, ohne dass unsere Oberfläche wesentlich in Bewegung geraten würde.

Sobald wir feststellen, dass wir mit unseren Gedanken in Beziehung treten, sei es in dem wir uns von ihnen völlig hinweg tragen lassen, oder durch leisere Ausschläge, kehren wir zum Atem zurück.
Diese Rückkehr, immer wieder, Millionen von Malen, dieses Loslassen, dieses Nichtstun, bildet den Kern unseres Zazen.
Wir kommen zurück, hierher, zum gegenwärtigen Augenblick, zu dem, was jetzt gerade ist. 
Hier und nirgendwo sonst findet unser Leben statt.

Unsere Praxis besteht darin, in allen möglichen Arten von Umständen und Bedingungen eine aufrechte Haltung einzunehmen, einen offenen Blick, für das, was gerade ist.
Daher wird diese Übung auch „Shikantaza“ genannt – nur sitzen.

Es ist eine einfache Praxis, die wir üben. Sie ist schmucklos und sie ist geradeheraus. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie leicht wäre.
Indem wir loslassen, indem wir die Verbindung zwischen uns und unseren Gedanken lockern und lösen, werden wir frei – frei von unseren Wertvorstellungen, Vorlieben, Denkmustern, Gewohnheitsenergien.
Es ist eine sehr kreative Art der Freiheit, die uns langsam beherbergen wird.
Sie erlaubt uns, in unserem Alltag einen Handlungs- und Gefühlsspielraum, eine Ausgeglichenheit und Festigkeit zu schaffen, die unser Leben zu einem freudigen und angstfreien Abenteuer machen wird, Augenblick für Augenblick und noch weit darüber hinaus.



"Die Faust der Gedanken öffnen"



Kosho Uchiyama Roshi, Abt des Klosters Antaiji und Lehrer von Shohaku Okumura Roshi, der uns im Sommer 2009 besuchte, prägte diesen Ausdruck als Bild für unser Zazen, für das, was wir in unserem Zazen anstreben: die Verbindung zwischen uns und unseren Gedanken zu lösen.

Die Welt, in der wir leben, ist nicht etwas, das unabhängig von unseren Gedanken oder Vorstellungen existiert. Unsere Welt und diese Gedanken oder Ideen erscheinen uns als vereintes Ganzes. Abhängig davon wird uns unsere Welt auf die verschiedenste Art und Weise erscheinen. Das macht unsere Tagesform aus.
Diese setzt sich zusammen aus unserem psychologischem und körperlichen Befinden und, zu einem geringen Teil, aus den “äußeren” Bedingungen.

Ersterem zugrunde liegend sind die uns oft lange unsichtbaren Handlungen unserer Vergangenheit und Vor-Vergangenheit.
Je nachdem, wie sich alles in uns zusammenfügt, werden wir eine bestimmte Sichtweise haben, welche bestimmte Handlungen hervorbringen wird.
Der Buddha nannte dies “gewöhnliche Wahrnehmung”. 
Die meisten Menschen leben danach.

Die Zen-Menschen versuchen etwas anderes.
Warum?
Weil dies ein Leben der Reaktion und Antwort ist, ein Leben nach dem Diktat unseres Karmas. Es ist ein Dasein unserem eigenen, persönlichen Rahmen folgend, nur auf unsere Umstände im Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen bedacht. Sehr junge Bedürfnisse meist.
Wie wir dies erkennen? “Ich” steht immer und überall im Mittelpunkt. Es ist der einzige, alles bestimmende Spieler.

Mit dieser Haltung können wir nicht sitzen. Sie kann nicht unser Streben auf dem Kissen sein. Das ist kein Zazen, sondern “Denken” im Schneidersitz. Es wird irgendwann unweigerlich das Ende unserer Übung bewirken.

Kaum jemand hat das so prägnant formuliert wie Dogen Zenji. Er bezeichnete Menschen mit dieser Einstellung als “elende Hunde” oder “unwissende Tölpel”.
Schlimmer noch, sprach er ihnen ihren Anspruch ab, sich überhaupt auf dem Weg zu befinden, ungeachtet der Tatsache, dass es Mönche im Kloster waren, die er meinte.

Wenn wir mit dem Sitzen beginnen, stoßen wir sofort darauf. Ich habe, ich will, ich kann nicht, ich werde nie,…
Wie gesagt: junge Bedürfnisse. Dieses ich will alles mögliche. Sitzen möchte es meistens nie.

Wenn wir etwas üben, begegnen wir häufig zunächst weniger "schönen" Dingen, wie körperlichen Schmerzen oder Trauer und Angst.
Der “gewöhnliche Wahrnehmung” folgend, was ein Verfolgen von Wunsch oder Verlangen bedeutet, bewegen wir uns daraufhin in eine bestimmte Richtung: die uns Erleichterung verschafft.

Unser Streben nach Erwachen jedoch ist unabhängig davon, welche Bedingungen gerade vorherrschend sind.
Es ist unmöglich, mittels diesem kleinen “ich” das Wetter zu bestimmen.
Das einzige, was passieren wird, ist eine noch tiefere Verstrickung in “Samsara”, der auf Unwissenheit, Gier und Wut beruhendem Drehmühle zwischen unserem Haben wollen und unserem Davonrennen.  
Dieses “Samsara” dreht sich nicht nur Leben für Leben, sondern Augenblick um Augenblick.
In einem Moment fühlen wir uns wie himmlische Wesen, so glücklich, im nächsten sind wir hungrige Geister.
Unser Auf und Ab geschieht mehrfach auch innerhalb einer Sitzperiode. Es gibt wesentlich mehr als die “Sechs Welten” innerhalb dieses Samsara.

Einem Bodhisattva, der nach Gelöbnis lebt und das Wohlergehen aller als Richtung für sein Leben betrachtet, wird sich wie von selbst eine andere Art der Wahrnehmung erschließen.
Gewöhnliche Wahrnehmung ist in ihr oder in ihm und damit all das, was wir für die richtige oder falsche Sichtweise erachten. Wir glauben, dass die Dinge tatsächlich so sind, wie sie uns erscheinen.
Verkehrte Wahrnehmung findet sich ebenso in uns, als Fantasie oder Illusion zum Beispiel, welche nichts mit dem Objekt zu tun hat.
Auch Verleugnung der Wahrnehmung ist in einem Bodhisattva. Wir versuchen, “nichts zu denken” oder “das Denken abzuschneiden”.
Keine Wahrnehmung ist ebenso vorhanden. Das heißt, wir sehen dies alles, aber die Verbindung zwischen dem Objekt und unserer Wahrnehmung wurde gelöst.

Das ist es, was “shikantaza” bedeutet - nur sitzen.
Die Gedanken sind da und wir fangen sie nicht.
Da es keinen Kontakt zwischen unserem Objekt und unserer Wahrnehmung gibt, können gute und schlechte Empfindungen nicht auftreten.
Wir brauchen weder davon zu laufen noch uns etwas unbedingt anzueignen. Wir sind frei.
Das ist es, was in Fukanzazengi “denken nicht denken” bedeutet.

“Manchmal scheint die Sonne, manchmal regnet es. Nichts bleibt für immer. Zeige Dich, andauernd und immer wieder und weiche auch vor Hindernissen nicht zurück. Sitze zehn Jahre, dann nochmals zehn Jahre und dann abermals zehn Jahre.” Kosho Uchiyama Roshi.



Wir behalten diese aufrechte Stellung, wir atmen leise ein und aus, wir sitzen einfach weiter, inmitten von allem.
Verbunden mit der Fülle eines Sommers, in dem das Abschied nehmen vom Licht immer schon mit enthalten ist oder eines Winters, der um unsere langen Hochsommertage weiß.

Unser Sturm, er findet nur auf einer kleinen Wolke statt, einer sehr dünnen Schicht im gesamten Universum.
Wir können sie getrost weiterziehen lassen. Darüber scheint die Sonne, darüber leuchtet der Mond. Sie scheinen umso mehr, desto weiter wir die Faust der Gedanken öffnen.
Wir müssen dafür noch nicht einmal Ausschau halten.


Sieben Aspekte der Übung