Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Sesshin

Rohatsu

Unser erster Rohatsu-Sesshin in Kaiko-An - ein überstandener Orkan, eine wunderbare Gemeinschaft - und am Schluss lauter glückliche Bodhisattvas!

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Shikantaza

Während des diesjährigen Rohatsu-Sesshins haben wir uns mit Dogens Fukanzazengi etwas näher beschäftigt. Dieses relativ zugängliche Kapitel Dogens befasst sich mit den Grundzügen unserer Übung. Im Mittelpunkt steht: Zazen.
Zazen, das bedeutet auch: nichts extra. Einfach hinsetzen. Unsere Arbeit tun. Zazen, das ist: „Ja!“ und es ist: „Punkt!“. Zazen ist vollkommen genug, wir brauchen weder zu hinterfragen, noch zu vergleichen. Es gibt kein Geheimnis. Wenn wir unserer inneren Stimme direkt zuhören, direkt, selbst ohne den willentlichen Versuch, ihr zuzuhören, befinden wir uns bereits mitten auf dem Weg. Das ist die Stimme Buddhas.

Daher: höre auf damit, Worte zu studieren und Schriften zu folgen. Übe Dich im Rückzug, wende das Licht nach innen und beleuchte das Selbst.
Dogen


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Rohatsu-Sesshin bedeutet auch, mit vielen, bekannt oder unbekannt, gemeinsam zu sitzen, durch alle Zeitzonen hindurch. Mitten auf dem einen Weg.

Sesshin, bedeutet „Herz und Geist zusammentragen“, zusammenbringen.
Es hat etwas Besonderes und Einzigartiges, sich in diesen Tagen nur der Übung zu widmen.
Obschon die Bedeutung von Sesshin manchmal überschätzt wird und das alleinige Besuchen von Sesshins ohne tägliche Übung nicht das ist, wovon Dogen, zum Beispiel in „Gyoji- fortwährende Übung“ sprach - ein Sesshin bildet die Verdichtung unserer Übung auf eine Weise, wie es kein noch so regelmäßiges Sitzen vermag.
Während eines Sesshin wird ein Mikrokosmos geschaffen, der es mir erlaubt, meine gesamte Energie auf mein Kissen zu konzentrieren. Indem wir alles andere beiseite legen, indem eine Struktur uns hält, die einen geschützen Raum garantiert, können wir uns vollkommen, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, der wichtigste Sache der Welt widmen.
Wir können hier sein. Wir haben Zeit. Jetzt. Wir können ankommen und sehen, wie gut es ist. Wie heimisch sich das anfühlt und wie natürlich und gesund. Das macht diese Tage des Jahres so einzigartig.

Das Zazen, von dem ich spreche, ist keine Meditationstechnik.
Es ist ganz einfach das Dharma-Tor der großen Leichtigkeit und Freude. Es ist die Übung-Erleuchtung des vollkommenen Erwachens. Im Zazen wird das Wesentliche verwirklicht, frei von Verstrickungen und Gefangensein.
Wenn Du dies erfährst, so bist Du wie ein schwimmender Drache oder ein Tiger in den Bergen.

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Das Tor zu Leichtigkeit und Freude macht es uns allerdings nicht immer leicht! Schmerzen, körperliche und seelische können hervorkommen. Es ist aber nicht so, dass sie aus dem Nichts hervortreten. Sie sind immer schon vorhanden und viele von uns tragen schwer daran. Was im Sesshin passiert, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was wir sonst in unserem Leben mit uns tragen. Wir können nur nicht aus. Das macht vielen Angst. Aber es ist eine Illusion, dass wir außerhalb des Zendos wirklich fliehen können! Wir tragen schwer an der Last, die wir zu verbergen versuchen. Letztendlich ist das nicht möglich und auch deswegen sagen wir im Zen: es gibt keine Geheimnisse. Indem wir ans Licht tragen, was ohnehin bereits darauf wartet, beleuchtet zu werden, tun wir einen guten Dienst, verabreichen wir uns eine gute Medizin. In diesem Sinne sind wir uns Arzt und Patient zugleich und genau darum geht es: uns selbst zu geben, was nötig ist. Uns zu nehmen, was unnötig und oft genug auch schädlich ist.
Wollen wir frei werden, müssen wir durch das große Tor. Es steht weit offen, hindurchgehen müssen wir schon selbst.

Diese einfache, schlichte Übung besteht darin, gegenwärtig zu sein, radikal gegenwärtig. Leer. Voll mit allem.
Ohne willentliche Wahrnehmung, ohne verschobene Wahrnehmung, ohne nicht-willentliche Wahrnehmung, ohne Vernichten der Wahrnehmung - einfach sitzen, aushalten und die Türen sich langsam öffnen lassen.

Nichts zurückhalten. Nicht zurückhalten. Nicht versuchen, etwas davon zu bekommen, nicht versuchen, nichts zu bekommen. Nicht zurückhalten vom gegenwärtigen Augenblick inklusive aller unserer herumschwirrender Gedanken, nicht zurückhalten vor der Ganzheit der gegenwärtigen Erfahrung - ob sie gut ist oder schlecht, angenehm oder unangenehm oder keines von alledem. Das ist das Herz unserer Übung - zumindest in der Tradition Dogens.

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Da der Sesshin eine so einfache und klare Form hat, da so vieles vorgegeben ist und uns die meisten der herkömmlichen Verantwortungen abgenommen wurde, bekommen wir die Gelegenheit, unser Leben klarer zu sehen, zu erden, neu auszurichten.
Sich in den Fluss entspannen. Die Zeit verschwinden lassen, den Signalen folgen. Lauschen. Spüren, wie einfach das Leben sein kann. Wie tief zufrieden wir sein können. Merken, wer wir sind, was uns ausmacht. Wie wir sein und wie wir leben möchten.
Deswegen ist Sesshin so wichtig. Nicht als Flucht, sondern als Grundlage für unser gesamtes Leben, Alltagsleben. In diesem sind wir vollkommen gleich.
Gleichzeitig werden in der Stille, in dem für alle gleichen Ablauf, die Unterschiede zwischen uns noch deutlicher als sonst.

Nichts Tun. Für ein paar wenige Tage im Jahr einfach nicht Tun. Nur sitzen und sein. Nichts von mir selbst zurückhalten. Schauen und sehen. Leichtigkeit und Freude kommen von selbst, so wie wir Bergtigern und schwimmenden Drachen meist ganz zufällig begegnen.

Gassho, Juen

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11 = 6 = 12: Frühling!

Obschon es richtig ist, dass wir im Zen kein spezielles Ziel verfolgen, an dessen Erlangen wir uns zum Beispiel messen können: ohne Vision wird unsere Praxis grau werden und schließlich welken.

Unser erster Frühlings-Sesshin entstand aus der „Luft“ des gemeinsamen Frühstücks nach Rohatsu. „Es wäre schön, wenn wir nicht nur im Dezember“, - „man könnte darüber nachdenken, ob ...“. Dann folgte ein ungeplanter Umzug, eine neue Arbeit - und die zehntausend Gründe, die es immer geben wird, etwas nicht zu tun. Jedenfalls nicht ... jetzt.

Doch wenn wir einfach dabei bleiben, die Idee im Raum halten, sie immer mal wieder abgeben, wenn Dinge wie Logik oder Vernunft Oberhand zu gewinnen scheinen, dann können wir angstfrei vorwärts gehen in alle zehn Richtungen.

Wir werden immer nur auf den einen Körper treffen. Er gehört zu uns wie Goldregen, Fliederpracht und Maiglöckchen in diesem wunderbaren Frühling im Norden.

Changsha ließ einen Mönch den Meister Hui fragen: „Wie war es, bevor Du Nanquan gesehen hast?“
Hui blieb stumm.
Der Mönch fragte: „Wie war es, nachdem Du ihn gesehen hast?“
Hui sprach: „Da konnte nichts anderes sein“.
Der Mönch kehrte zurück und überbrachte dies Changsha.

Dieser sprach:
„Ein Mann, der an der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange sitzt:
obschon er Einlass erhalten hat, ist es noch nicht das Wirkliche.
An der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange sollte er vorwärts gehen:
das Universum in allen zehn Richtungen ist der gesamte Körper.“

Der Mönch sagte: „An der Spitze einer hundert Fuß hohen Stange, wie kannst Du vorwärts gehen?“
Changsha sagte: „Die Berge von Lang, die Flüsse von Li“.
Der Mönch sagte: „Ich verstehe nicht.“
Changsha sagte: „Das ganze Land steht unter kaiserlicher Herrschaft“.


aus: Thomas Cleary, Book of Serenity

walk

bdhi


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Rohatsu 2010

Unter dem windigen Fenster
nahe am Runenmeer
nascht Süden
goldene Sterne
zu Kletzenbrot
leiser Schneefall
von der Milchstraße.



Diesen Rohatsu-Sesshin werden wir so schnell nicht vergessen. Erstens, weil er beinahe nicht zustande kam. Zweitens, weil bereits für die Ankunft in Lindau Anstrengungen unternommen werden mussten, die der Willenskraft eines durchlebten Sesshins durchaus vergleichbar sind. Drittens, weil er doch noch zustande kommen konnte. Viertens, weil er unser bisher bester war und überwiegend als „zu kurz“ beurteilt wurde.


Donnerstagmittag. Es schneit und schneit und schneit. Aus anfänglicher Winterromantik wird langsame Sorge, schließlich die wachsende Erkenntnis, dass eine Reise hierher zu beschwerlich bis unmöglich sein wird.
Traurig stapeln sich fortan die vielen Töpfe, der Kühlschrank schmollt zum Bersten, überall im Haus hängen Zettel mit dem Tagesplan in froher Erwartung auf ein Studium, im Zendo wartet die überarbeitete Rezitation auf ihre Erprobung - und jetzt - sollen sie nicht zum Einsatz kommen?
Während wir beide überlegen, wie viel Personen ein Sesshin ausmacht - zwei, vielleicht drei- oder ... - klingelt es plötzlich - welch eine Freude!
Später wieder und dann noch ein paar Mal und auf einmal sitzen wir in vertrauter Runde über warmer Suppe und können beginnen, wie geplant. Hiermit ging bereits ein Sesshin zu Ende - habt Ihr es gemerkt?
Nachdem wir bis dahin alle schon ein beträchtliches Stück an innerer Arbeit geleistet hatten - was konnte uns dann eine Stunde mehr oder weniger auf dem Kissen noch anhaben?

Es liegt eine wunderbare Magie in Tagen geregelter, übertragener Abfolge, in ihrer Verlangsamung und in der Nachfolge eines Rhythmus, der seit Hunderten von Jahren von den Suchenden so vieler Traditionen befolgt wird.


Wir begeben uns, jedes Mal aufs Neue, auf die immer anders geartete Reise nach innen - und hierbei ist jeder für sich, einzeln und vollkommen allein. Keiner kann unser Zazen sitzen. Niemand kann unsere Koans lösen, unsere Berge erklimmen. Wir müssen sie selbst gehen, unsere Schritte, treppauf, treppab - von Anfang bis Ende.
„Andere sind nicht ich“. Wir müssen sie leben, unsere Fünf Skandhas, das ist eine Seite unserer Übung. Sie gerät oftmals in den Hintergrund durch die Betonung des anderen Aspektes: Indra‘s Netz, denn diese Fünf Skandhas sind eins mit allem und daher müssen und möchten wir uns allem annehmen. Wir brauchen beide Seiten. Wenn wir eine davon verlieren, geraten wir in Schwierigkeiten.


Der Zauber einer Sangha, die heilende Kraft einer spirituellen Gemeinschaft ist kaum so deutlich spürbar und selten tragfähiger als während eines Sesshins.
Wenn Dogen in den „Regelungen für die Klostergemeinschaft“ (Eihei Shingi) schreibt: „Diese große Versammlung ist eine Soheit“ - so meint er genau dies. Das ist gerade im Soto-Zen ein wichtiger Aspekt. Wir arbeiten, rezitieren, essen und sitzen zusammen, „gleich in der Speise, gleich unter dem einen Gesetze“. Wenn andere schlafen, so tun wir dies auch. Wenn andere arbeiten, ebenso - gemeinsam mit allen Wesen als ein Körper.
Hat jemand Schmerzen, haben alle Schmerzen. Wackelt die eine Ecke, wackelt der ganze Raum. Schlägt jemand einen guten Gong, freuen wir uns. Versingt sich jemand, gehen wir mit einem Schritt beim Kinhin - alles fließt ein in diese Weite, welche uns eine Ruhe und Tiefe erfahren lässt wie es die wöchentliche gemeinsame Meditation nur selten vermag. Selbst der dornenreichste Sesshin hat solche Augenblicke. Sie sind, irgendwo im Fluss des schier endlos erscheinenden Tages, welcher so nahtlos in die Nacht überzugehen scheint, fast immer enthalten.


Der Juwel ist kein Schatz, der irgendwo innerhalb unserer selbst verborgen ist.
Gemeinsam mit anderen leben und sitzen, üben - in Frieden und in Harmonie - ist der Juwel.

So wurden es Stunden in wachsender Vertrautheit und Freundschaft mit dem Klang der Stille, welcher umso deutlicher hervortrat, je ruhiger und entrückter die Landschaft um uns herum sich malte. Es hatte auch etwas von den Alten, die oft erhebliche Anstrengungen unternommen haben, um zu ihrem Zendo zu gelangen. Heute noch sprechen wir von ihnen, noch immer kommen sie an - ob sie das gewusst haben?
Eine derartige Reise ist gut, um unser Gepäck zu erleichtern - dauerhaft.
Auch das ein Weg, den Buddha in uns zum Leben zu erwecken: dem folgen, was uns zutiefst berührt; gleich einer Schneeflocke im Vertrauen auf eine gute Landung, werden wir wach zu den Klängen der Welt, den Rufen des Dunkels, den Rufen des Lichtes.




Wann immer
ich lausche
atmet es
plötzlich
tupfen einander
Flocken um Flocken
hinter der Amaryllis
an Buddhas Schulter
im Kerzenlicht.


J.

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