Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Sangha

Listen

Obgleich wir es gerne ordentlich und übersichtlich hätten – für tausende von Kilometern: nichts hält.
Warte innerhalb des Tores nicht auf die Klarheit anderer.
Ohne Dein Kümmern ist es sehr leicht, den Pfad lebendiger Übung zu verlassen.
Selbst jene, die schwerhörig sind, werden berührt vom Klang des abendlichen Regens.
 
Dogen Zenji

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Nicht nur zu Jahresbeginn, wo wir gelegentlich Listen erstellen und versuchen, einen Überblick zu gewinnen und „strukturiert“ in das neue Jahr zu starten, hätten wir es zuweilen gerne „ordentlich und übersichtlich“. Ob wir im Zen versuchen, zwischen „Rinzai“ und „Soto“ oder zwischen „Nicht-Zen“ und „Zen“ zu unterscheiden oder ob wir uns darum bemühen, die Überraschungsereignisse unseres Alltags mit einer paraten Formel einzugrenzen – die Sehnsucht nach Überschaubarem ist eine zutiefst menschliche.

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Nichts ist falsch an Listen, an Verunsicherung im Anblick von Neuem.
Dennoch tun wir gut daran, wenn uns wieder einmal vor Augen geführt wird, dass unser Leben sich nicht an unsere Pläne hält, auch dies ähnlich „kontrolliert“ und vielleicht sogar freudig zur Kenntnis zu nehmen wie die innere Zuversicht, die uns überkommt, wenn wir meinen, alles gut im Griff zu haben.

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In der nächsten Zeile werden wir an ein weiteres menschliches Dilemma erinnert: wir befinden uns, insbesondere, wenn wir uns innerhalb der Tore einer Sangha bewegen, in freundschaftlicher Gemeinschaft. Das ist unschätzbar.
Dennoch müssen wir alleine üben, die Verantwortung tragen für unsere Praxis, die nicht mit der von irgendjemand anderem vergleichbar sein kann. Wir müssen uns kümmern, alleine, jeder für sich sollte sich anstrengen wie mit den „Haaren in Feuer“ – was wiederum die „große Versammlung“ bewegen und beleben wird und somit jeden einzelnen von uns.

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Hierfür müssen wir nicht notwendigerweise jeden Tag viele Stunden in Zazen verbringen, uns jahrelang in ein Kloster zurückziehen oder monatlich Sesshin sitzen. Das alles ist hilfreich. Aber es passt vielleicht nicht immer in meine jeweilige Lebenslage. Vielleicht hat Dogen das Dilemma unserer heutigen Zeit ein wenig geahnt oder vielleicht ist dieses Dilemma so alt wie Menschengedenken.

Er bietet im letzten Satz etwas an, wofür wir nur wenig bis gar nichts an unserer Alltagsstruktur verändern müssen: wir können immer hören, lauschen, aufnehmen.
Es bedeutet nicht, dass wir sofort etwas unternehmen, eine Meinung haben oder etwas sagen müssen.
Es kann jedoch bedeuten, dass wir innehalten und dem Ton erlauben, ein Echo zu erzeugen. Avalokiteshvara beginnt als schweigende Gastgeberin.

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Friedliches Zazen, lächelndes Mitgefühl, soziale Handlung haben hier ihren Ursprung.

Gassho,
Juen

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Friedliches Verweilen

Wir hatten es schon lange im Sinn.
Nun schien der richtige Zeitpunkt gekommen: unsere erste Übungszeit, ein Versuch zunächst über vier Wochen.
Dank der regen Teilnahme wurden es reiche Wochen mit allmorgendlichem Zazen, einer Email-Klasse, zwei Sanghatagen zu den Paramitas, Formentraining, einem Sanghagarteneinsatz sowie schönen Gesprächs- und Diskussionsrunden und zweimaligem Sonntags-Zazen.

Mutig geworden, werden wir das nächste "Friedliche Verweilen" im kommenden Herbst anbieten, dieses Mal etwas länger.

Wir danken allen, die teilgenommen haben - für Euren Eifer und Eure Neugierde - allen, die uns durch wöchentliches Zazen in Musanji unterstützt haben und auch jenen, die diese Zeilen aus der Ferne lesen.
Denn für die wichtigste Aufgabe der Welt können wir jede Unterstützung gut brauchen!

Gassho,
Juen


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Einfach üben

Von der aus Bangladesh stammenden Vipassana-Lehrerin Dipa Ma (1911-1989) ist eine Episode überliefert, in der sie ihre durch Flugturbulenzen zutiefst erschreckte Schülerin unter anderem mit den Worten tröstet: „ … hab keine Angst. Die Töchter des Buddhas sind furchtlos“.

Was zunächst klingt wie ein paar nette Worte, die auch als ein Verharmlosen der erlebten Furcht ihrer Schülerin bewertet werden könnten, kann auch so  verstanden werden:

Obgleich der Buddha nach einigem Zögern der Ordination von Frauen zustimmte, ist der frühe Buddhismus im Bezug auf das weibliche Geschlecht eindeutig: Frauen war es unter anderem unmöglich, ein Brahmane, ein das Dharma-Rad-drehender König oder ein Buddha zu werden. Auch in späteren Jahrhunderten sprach man neben den allgemeinen Fünf Hindernissen für Erwachen (Geistige Unruhe, ständige Sinnesverlangen, Übelwollen, Beharren im Gewohnten, Zweifel/Daseinssorge) von fünf weiteren Hindernissen, die speziell für Frauen galten: die Verpflichtung, auf einen Ehemann zu warten, die Verpflichtung, die eigene Familie zu verlassen, um in die des Mannes zu ziehen, Menstruation, Geburt und Schwangerschaft. Die weibliche Biologie - ein Hindernis schlechthin. 
Das galt auch für Dipa Ma, die mit 12 Jahren an ihren Ehemann verheiratet wurde und in jungen Jahren keine Schule besuchen durfte. 

Heute, ca. 50 Jahre nachdem Dipa Ma in Kalkutta zu lehren begann, finden wir an dem Ausdruck „Töchter des Buddhas“ nichts Besonderes. 
Das Zen im Westen, wie alle die meisten anderen spirituellen Wege,  zeichnet sich unter anderem durch das Überwiegen der Laienpraxis und die Tatsache aus, dass Frauen inzwischen gleichwertige Mitglieder jeder Sangha sind.
Das klösterliche Leben, in unserer Tradition stark japanisch geprägt, neigt dazu, die „männlichen Eigenschaften“ zu betonen und vielleicht manchmal auch die hier geschaffene Ausnahmewelt in ein zu sonniges Licht zu setzen. Das Leben dort ist jedoch nicht „besser“. In vieler Hinsicht ist es einfacher - ein geregelter Tagesablauf, für Essen und Unterbringung ist gesorgt, die zu verrichtenden Arbeiten sind zwar oft körperlich anstrengend, aber meistens überschaubar. Und sie haben mit dem Gong ein klares Ende.

Meistens gibt es keinen Zugang zu Medien, was schon allein damit zu tun hat, dass diese Orte an sehr entlegenen Plätzen zu Hause sind. Die amerikanische Zen-Lehrerin Cheri Huber sagte manchmal, wenn jemand von einem Ungeschick während der Woche berichtete: „Keine Sorge. Ist nicht das Schlimmste, was Euch hier geschehen kann, dass Ihr Euren Wäschezeitpunkt verpasst?“ Die private Wäsche konnte wegen steter Wasserknappheit nur ein Mal alle 8-12 Tage erledigt werden. Hatte man seinen Einsatz verpasst, was in einem scheinbar zeitlosen Schweigekloster durchaus vorkommen konnte, musste man eine weitere Woche mit verstaubter und verschwitzter Kleidung verbringen. Das tat damals schrecklich weh! 
Im Vergleich zu den Herausforderungen, die uns in der Laienpraxis begegnen, ist es ziemlich nebensächlich:

Wir sausen von der Arbeit nach Hause. Müde und hungrig. Der Kühlschrank ist leer. 
Im Kloster kauft der Koch ein. Es gibt immer gutes Essen, drei Mal am Tag.

Das Bett ist nicht gemacht. 
Der Schlafsack sieht immer hübsch aus.

Auf dem Küchentisch stehen Frühstücksreste. 
Wir haben immer alle gemeinsam abgeräumt.

Es ist gerade noch Zeit zum Umziehen. Was lesen wir heute? 
Im Kloster gehen alle ruhigen Schrittes gemeinsam zum Zazen, wenn der Han erklingt. 

Die Klosterwelt ist wunderbar. Alles ist darauf ausgerichtet, dass wir uns um nichts anderes kümmern als um unsere eigene Praxis. Die Rahmenbedingungen sind „für“ uns. Und alle eint die eine gemeinsame Angelegenheit.

Die Welt, in der ich während des Telefonats jemandem mit Gesten etwas mitteile, während ich gerade mit einer anderen Handreichung beschäftigt bin, ist eine vollkommen andere. 
Hier werden wir andauernd hin- und hergeschoben, wir werden ausgenutzt und manchmal respektlos behandelt. Von uns werden hohe Geschwindigkeiten und viel Flexibilität verlangt - dazu die Fähigkeit, stets mit guter Laune das Beste geben zu wollen. Mitarbeitermotivation ist überwiegend immer noch ein Fremdwort. Positive Rückmeldungen sind selten, kleine Versäumnisse werden hingegen sofort ausgebreitet und nicht immer erfahren wir selbst davon. Wir werden zum Objekt von Machtgebärden, die meistens persönliche Defizite zu kaschieren versuchen. 

Kurzum: wir sind umgeben von Menschen, die außerhalb des Dharmas leben. Und nicht selten sind wir von ihnen abhängig.

Oder: wir sind umgeben von Ignoranz. Von Ignoranz und - buddhistisch gesprochen - von unglaublichem Leiden.

Das ist zumindest sehr häufig unser Erleben. Gleichzeitig könnten wir genauso berechtigt sagen, dass es nur eine Unwissenheit gibt: die unsrige. Und nur ein Leiden: unser eigenes. Und sich niemand außerhalb des Dharma befinden kann.
Die Arbeit, die wir hier tun können - ist die eines Bodhisattvas. Katagiri Roshi nannte es „mit den Lücken üben“. Ganz natürlich wird aus unserer Praxis und der Erfahrung, dass es durchaus einen fließenden Übergang zwischen mir und den anderen, zwischen "mein" und "Dein" gibt, Mitgefühl erwachsen. Wir möchten uns kümmern: nicht nur um uns. Zumindest möchten wir versuchen, inmitten des alltäglichen Samsaras der Gegensätze , diese zu verbinden: Subjekt und Objekt in eine Handlung fließen lassen.
Wir können es üben: beim Tanz zwischen „ich will heute nicht sitzen, sondern fernsehen!“
Und: "Kann sie nicht einmal ..."
Und: “Heute ist Zazen. Warum sollte ich nicht hingehen? Was habe ich Besseres zu tun?“

Wir üben es, wenn wir morgens für unsere Familie Brötchen holen, Brote schmieren, den Tisch decken, Zettel schreiben, Aufmunterungen verteilen und dennoch pünktlich zur Arbeit fahren. 

Wir üben es, wenn wir den Abfall im Teeraum leeren und die Blumen richten. 
Und wir üben es, wenn wir hinter der Verletzung, die uns gerade zugefügt wurde, die Ängste „der anderen“ sehen können. 

Wir müssen diese weder erklären, bekämpfen, reparieren, minimieren. Wir müssen gar nicht tun. Nur diese einatmen, mit unserer Verwundung, mit unserem Leiden und dies in uns verteilen, es schmerzen lassen, betrachten - bis es irgendwann verklingt.

Dogens „nur Sitzen“ bedeutet, mich der jeweiligen Situation vollkommen auszusetzen. Es ist radikales Bleiben. Was extrem klingt, ist doch nichts anderes als die einzig gesunde Antwort auf unser Hiersein. Kein Verhandeln, kein Ausweichen, kein Abschirmen. Kein Dünner oder Schöner. Kein Hierhin, kein Dorthin. Kein Höher oder Weiter, kein Wichtiger oder Besser. 
Wenn wir in Zazen sitzen, gibt es keine Vergleiche. Wir sitzen: hier. Jetzt. Mit diesem Körper. In diesem Moment. Und erwachen zu dem, was ist.

Nirvana ist kein verzückter Daseinszustand, der einigen Auserwählten vorbehalten ist. Nirvana ist auch kein Land, das sich außerhalb von Samsara befinden würde. Wenn wir „Nirvana“ nicht innerhalb von „Samsara“ erleben, werden wir keinen Frieden finden. Weder in „männlicher“ noch in „weiblicher“ Form. Weder im Kloster noch im Alltagsleben. 
Denn die Töchter des Buddhas sind vollkommen furchtlos.

Gassho, Juen

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BZC

Ende Januar bis Anfang Februar haben fünf von uns einen Ausflug in das Berkeley Zen-Zentrum in Kalifornien unternommen. Es war in den 51-jährigem Bestehen des BZC der erste Besuch einer affiliierten Sangha. Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und es boten sich zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch mit den etwa zehn „Residents“ (die ständig dort wohnen). Wir alle haben das tägliche Zazen in diesem schönen holzgetäfelten Raum besonders genossen, dessen stille Energie sich sofort beim ersten Hinsetzen bemerkbar macht. Das Zazen „geschieht“ dort einfach. 
Da wir alle im Zentrum wohnen konnten, war es möglich, viele alltägliche Dinge gemeinsam zu organisieren und zu unternehmen, was uns unter anderem auch einander näher gebracht hat - denn auf Reisen lernt man sich bekanntlich gut kennen! 
Unser großer Dank gilt Hozan Alan Senauke, der sein Haus für uns geöffnet hat, auch sein Büro als Schlafplatz zur Verfügung stellte und alles Erdenkliche tat, um uns nicht nur das Zen von Shunryu Suzuki, sondern auch die Lebensweise im BZC sowie die Sehenswürdigkeiten der Umgebung näher zu bringen.
Gassho,
Juen

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Neujahresfeier Kaiko-An

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Einfach warten

Wirf eine Münze in den Fluss und suche nach ihr.
Dogen Zenji


Eine schöne Woche mit Alan Hozan Senauke liegt hinter uns, die ihren Abschluss in einem Sesshin mit anschließender Jukai-Zeremonie fand. Es war gleichzeitig auch die Gelegenheit, unser Zendo samt dem fast fertigen Teeraum durch viele Bodhisattva-Füße einzuweihen und auch ein guter Anlass, fast alle verfügbaren, wunderschönen Oryoki-Bänkchen zu benutzen.
Vielen Dank für Euer Kommen!

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Hozan sprach unter anderem über Shunryu Suzuki Roshis Satz „Unsere Probleme sind unsere wahren Schätze“.
Auf die Frage einer Teilnehmerin hin, was denn zu tun sei, wenn gerade keine Probleme bestünden, antwortete Hozan: „Dann warte einfach ein bisschen.“
Das war keineswegs ironisch gemeint, obgleich es meistens nicht allzu lange dauert, bis nach einer Phase des ruhigen Fahrwassers neue Wogen erscheinen.
Viel an unserer Praxis besteht aus Warten. Geduld, das dritte Paramita nach Großzügigkeit und den Grundsätzen für ethisches Handeln, steht nicht ohne Grund in der Mitte der „sechs Vollkommenheiten“ - vor den eher aktiven Tugenden wie „freudige Anstrengung“, „Konzentration“ und „Weisheit“.


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Warten bedeutet: aushalten. Nicht Ausschau halten und auf etwas „Besseres“ hoffen, nicht hinwegträumen zu „Schönerem“, nicht aufstehen und davonrennen, sondern dabeibleiben. Bleiben und schauen. Sein, mit dem, was gerade ist. Auch wenn wir kalte Füße bekommen. Weiterschauen. Warten. Lauschen. Das ist Zazen.
Und zwar, ob es jenem Teil in uns, der es gerne ein bisschen anders hätte, gefällt oder nicht. Es wird ihm nie gefallen.
Hier setzt unsere Übung an - jene Orte zu besuchen, die wir scheuen und lieber verdecken möchten. Dieser Versuch an sich ist Illusion und Bumerang zugleich. Illusion, weil nichts in unserer Übung „privat“ bleibt. Bumerang, weil jene Manöver des Wegschauens nur von kurzer Wirkung sind und wir immer stärkere Anstrengungen unternehmen müssen, um hinweg zu fegen, was wir tunlichst übersehen möchten.

Wenn wir in einer Sangha üben, wird das ohnehin nicht gelingen, denn so sehr wir uns auch anstrengen und Umwege in Kauf nehmen: wir werden gesehen.
Alles in uns kommt hier zu Tage. Das ist nicht enthüllend oder peinlich, sondern es bedeutet unsere große Chance. Die Chance, „nicht länger zurückzuhalten“, sondern diese Energie für etwas gesünderes zu benutzen: alles an uns miteinzuschließen und bereit sein, die Gebiete jenseits unserer Vorlieben und Befindlichkeiten zu betreten.


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Unsere Probleme und Schwächen, unsere Schwierigkeiten, werden durch unser Zazen nicht völlig verschwinden. Einige vielleicht. Neue werden hinzukommen. Es kann gar nicht das Ziel der Praxis sein, ein Leben ohne sie zu führen. Vielmehr ist es unser Ziel, nicht länger vorzugeben oder zurückzuhalten, nicht länger zu verbergen. Auf Dauer ist dies enorm anstrengend. Viel besser können wir lernen, wie wir mit all dem üben.
Selbst die dunkelsten Ecken werden etwas heller, wenn wir sie unter die Lupe nehmen. Selbst die unangenehmsten Eigenschaften unserer selbst sehen etwas freundlicher aus, wenn wir dahinter zu blicken wagen - auf ihre Ursachen, auf die Ängste, die ihnen zugrunde liegen.

In diesem Sangha-Juwel wird uns in einem geschützten Rahmen die Gelegenheit gegeben, zu sein, wie wir sind - sofern wir dies erlauben. Das ist Erleichterung und Arbeitspensum zugleich. Erleichterung, weil wir in Ruhe gelassen werden - im Unterschied zur Arbeits- oder Familienwelt.

Arbeitspensum, weil wir zwar innerhalb einer Sangha üben, aber über lange Strecken hinweg mit uns alleine sind. Wir, die Wand - wenig dazwischen. Ich komme nicht umhin, wenn ich denn irgendwann des Träumens müde geworden bin, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Für viele von uns zum ersten Mal.
Es ist eines der schwersten Dinge, mit mir alleine zu sein und zu erkennen, dass die meisten unserer inneren Berge von uns selbst errichtet wurden.

Auch hierin besteht unser Warten, unser Verweilen, unser Aushalten. Dann wird die Münze ganz von selbst zu uns kommen. Und der Fluss, er wird gar nicht so bitterkalt und gefährlich sein, wie wir es von unserem Versteck aus immer vermutet haben.

Wenn ihr geduldig genug seid, wenn ihr stark genug seid, eure Probleme anzunehmen, dann könnt ihr ruhig und friedlich sitzen, im Vertrauen auf Buddha und im Vertrauen auf euer eigenes Sein...
Shunryu Suzuki

Gassho,
Juen



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Nicht mit mir

Wo ist der Weg der Befreiung?

Im Buddhismus wird nicht unterschieden zwischen der objektiven Welt und unserem Geist. Diese Welt IST unser Geist. Nichts ist außerhalb von dem, was „uns“ ausmacht - was dies eigentlich ist, wird zugegeben immer schwieriger, je länger wir uns damit beschäftigen.

Objektive Welt und unser Geist sind wechselseitig voneinander abhängig, aufeinander angewiesen, werden voneinander definiert. Der Buddha verglich dies mit Gold von Schmuck oder einem Atom und einem Lehmklumpen: er wäre kein Klumpen geworden, würde er nicht aus Staubatomen entstehen. Der Buddha bezeichnete den ursprünglichen Zustand unseres Geistes als den der „Täuschungslosigkeit“.

In zahllosen Gleichnissen spricht er von einem wesentlichen Merkmal unseres Geistes: der Fähigkeit, zu unterscheiden - Form, Gefühl, Wahrnehmung, Willenstätigkeit. Sie münden in das, was wir unser Bewusstsein, unser „Ich“ benennen: wir sind so und nicht so und mittels diverser Merkmale unterscheiden wir uns von anderen. Buddhistisch gesprochen, ist dies die Welt des Samsara, der Dualität.
Sie hat an sich nichts Unrühmliches - wenn wir sie als solche erkennen und wenn wir sehen, dass auch Samsara nicht unabhängig existiert von Nicht-Samsara, das wir Nirvana nennen.
Nun würde dies ein erstaunliches, zweitausendjähriges Denkkonstrukt bleiben, wenn wir es dabei beließen und uns fortan den Kopf darüber zermartern, wie wir es nur fertigbringen können, zwei Dinge gleichzeitig zu „sehen“.

Das galt auch damals schon und daher ist die Empfehlung des Buddha schlicht und knapp:
„... deshalb ... sollst Du Dich üben in Leerheit, Nichtentstehen, Nichteigennatur und Nichtdualität.“
Offensichtlich führt unser duales Denken und Handeln zu Leiden. Das war der Ansatz des Buddha. Unsere Geschichte bietet vielfältige Beispiele. Nicht nur die Geschichte unserer Erde, sondern auch unsere eigene. Wann leide ich? Wann leiste ich Widerstand? Meistens dann, wenn es einen klaren Unterschied gibt zwischen „mir“ und „anderen“, dem was ich „habe“ und was ich „nicht habe“, zwischen „drinnen“ und „draußen.“

Daher betrachtet unsere Übung die Lehre vom Selbst, von dem, was mich ausmacht, auch aus einem anderen Blickwinkel: wenn es mich nicht dauerhaft glücklich macht, mich mittels meiner erfundenen Merkmale von anderen zu unterscheiden - dann könnte ich versuchen, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen.

Sobald ich dies auch nur ein wenig getestet habe - und das Kissen ist ein idealer Ort hierfür - sein Übungsfeld heißt Sangha - werde ich nach einer Weile nicht mehr so klar sagen können, wo ich aufhöre und wo der andere anfängt.
Sich Selbst studieren ist sich Selbst vergessen.
Dieses Selbst wird nicht „vergessen“, das ist unmöglich. Es wird nicht beachtet, es bleibt a-reaktiv.
Es hat, vielleicht nur kurz, keine Meinung. Es ist weder alt noch jung, weder geizig noch großzügig, weder hier noch dort, weder reich gefüllt noch ausgestorben. Es ist. Hat den Raum verlassen. Wir sehen es gerade nicht. Wir suchen nicht danach. Wenn wir denken könnten, ohne wieder wir selbst zu werden, würden wir feststellen, dass wir es kein bisschen vermissen. So bleibt uns nur seufzend, dies im Nachhinein festzustellen. Und den riesigen Unterschied, den dieser Augenblick bewirkt. Er ist es letztendlich, der uns zu einem Stromeinkehrer, zu einem Zen-Menschen macht.
Wir können uns wieder finden in einer Schneeflocke, einem Ton, einer spontanen Handlung, einem Lächeln, einer Abfalldose, einer Falte. Wir müssen nicht immer „ich“ sein. Wir dürfen einfach sein.

Robert Aitken Roshi bezeichnete diese Fähigkeit des menschlichen Geistes als etwas „einzigartig individuelles“ - es ist das Gegenteil dessen, was wir gemeinhin dafür halten.
Erstaunlicherweise entsteht aus diesem Zustand, was einen Bodhisattva ausmacht:
grenzenloses Mitgefühl und eine selbstvergessene Handlung, die das Große Ganze niemals aus den Augen verliert. Die Familie der Shakyas bietet uns seit Jahrhunderten täglich an, eine der schönsten und individuellsten Ausdrucksmöglichkeiten unseres Menschseins auch in unser Haus einzuladen.

Meine Lehre besteht aus dem Aufhören des Leidens, das aus der Unterscheidung der dreifachen Welt entsteht: das Aufhören von Nichtwissen, Begehren und Verursachung.
Shakyamuni Buddha



Gassho,
J.


Hockenhorn 2013 014


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vom Mond in einem Tautropfen

Unerlässlich ist es, nicht aus dem Heim anderer zu borgen. Um unser Haus bewirtschaften zu können, musst Du es klar und innig für Dich selbst erfahren.
Honghzi


Wir borgen andauernd von anderen. Ohne Hilfe „von außen“ , nur für uns alleine, könnten wir nicht überleben. Daran kann zum Beispiel unser Oryoki erinnern: „...zahllose Arbeiten brachten uns dieses Speise, wir sollten wissen, wie sie zu uns kommt“.
Unser Körper, unsere Kleidung, unsere Bildung, unsere Werkzeuge, unsere Kultur - all dies haben wir von anderen „geborgt“.
Wir kommen zusammen als Sangha - und gemeinsam sind wir größer, als jeder für sich genommen und zusammengezählt. Wir ermutigen und bestärken einander andauernd.

Und doch ist jeder, ist jede - nahezu unerbittlich alleine - niemand kann unsere Arbeit tun. Niemand weiß letztlich so genau wie wir selbst, worin sie speziell besteht.
In diesem fortwährenden Wechselspiel bewegen wir uns. Das wird innerhalb eines Zendos besonders deutlich - jeder hat sein eigenes Kissen und begibt sich auf seine ganz individuelle Reise. Kurze Zeit später singen wir gemeinsam und - wenn wir Glück haben - klingt es wie ein Ton.
Form und Leere: Gemeinschaft und Individuum, die Fäden, welche Indras Knoten zusammenhalten, und der Knoten selbst: Absolutes und Relatives - unter dem Aspekt der Übung besteht kein Unterschied. Unendliches Leben und der gegenwärtige Augenblick sind eins.
Wenn wir dies einmal erfahren haben, ist unser Weg nicht mehr so überwältigend lang. Nichts ist die Stufe für etwas anderes - alles eine Abfolge von vollkommen gelebten einzelnen Momenten. Wir können uns komplett in ihn hinein entspannen, immer nur einen Schritt nach dem nächsten tun - und niemals, niemals aufhören.

Du solltest Dich in diese Arbeit vertiefen und sie mit dem Gelübde ausführen, ein- oder zehntausend Leben an einem Tag oder zu gleicher Zeit mit einzubeziehen.
Dogen Zenji

Gassho, Juen
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Gegebenes


Herumwandernd auf diesem Bergpfad,
erfüllen die Veilchen mein Herz
mit unermesslicher Dankbarkeit.

- Matsuo Basho -


Scheinbar unbeachtet blühen die Blumen am Wegesrand und geben ihr Bestes. Sie fragen nicht danach, wer sie sieht oder wie viel sie dafür zurückbekommen oder ob sie nicht etwas Blüte aufsparen sollten für kommende Jahre oder ob ihr Nachbar vielleicht weniger blüht oder mehr, so dass man sich selbst nicht so anstrengen muss. Sie fragen nicht, ob sie vielleicht heute schon genug geblüht haben und andere den Vorrang haben sollten. Sie blühen einfach, alle gemeinsam. Sie schenken, frei und sorglos, alles, was sie haben. Weil sie nur so bezaubernd blühen können, da sie sich keine Sorgen um sich selbst machen. Weil sie wissen, dass letzteres nur zu verdorrten Zweigen und stacheligen Ästen führt. Sie aber möchten gesehen werden und erfreuen. Sich und andere. Weil Blühen ihr Wesen ist. Weil Blühen den intimsten Ausdruck dessen darstellt, was sie in jenem Moment sind. Weil sie nur durch ihr Blühen ihre Natur sprechen lassen können.
Ihre Natur: Dankbarkeit und Lebensfreude, Lebensfreude und Dankbarkeit.


Der Buddha hat zeit seines Lebens immer wieder die hohe Bedeutung des ersten Paramitas, der Freigiebigkeit erwähnt.

Freies Geben, das bedeutet ein Geben, das nicht dem Verstand folgt, sondern unserem Herzen. Unser Herz hat die Fähigkeit zur grenzenlosen Freigiebigkeit, woraus grenzenlose Freude entstehen kann. Denn das war einer der Gründe, es immer wieder zu erwähnen: nicht der kleine Aspekt, welcher die konkrete Unterstützung seiner Mönche im Sinn hatte. Sondern unsere Zufriedenheit, unsere Angstfreiheit gegenüber völlig unbegründeten Verarmungsängsten, unser Glück.
Nichts weniger sind wir uns selbst und diesem fortwährend geschenkten Leben schuldig.


Echte Wohltätigkeit entsteht nur dann, wenn es keine Vorstellung gibt von Gebenden, Gegebenem oder Geschenktem.

- Der Buddha -


Gassho,
Juen

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Ankunft und Weiterreise

Wir, Juen und Nanzan, durften unsere Sangha bei der diesjährigen Mitgliederversammlung der DBU vertreten. Nach dreijähriger Zeit im Wartestatus freuen wir uns sehr über die hierbei erfolgte Aufnahme unserer Gemeinschaft als Vollmitglied der Deutschen Buddhistischen Union. Wir haben ab sofort eine Wahlstimme und sind bis auf Weiteres die „am höchsten“ plazierte Gemeinschaft - rein geografisch natürlich!
Wir sind glücklich, hiermit klar und deutlich unsere Zugehörigkeit zur Sangha Buddhas zu bezeugen.

Die Mitgliederversammlung fand im buddhistischen Zentrum Pauenhof am Niederrhein nahe der holländischen Grenze statt.
Wie auch in den Jahren zuvor, lag ein Hauptaugenmerk in der Diskussion um die innere Struktur und äußere Zielsetzung dieser Dachorganisation der buddhistischen Gemeinschaften Deutschlands. Wir fanden es sehr anregend und inspirierend, uns in einem hellen Raum unter dem großen Buddha an der Stirnseite mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Traditionen und Übungsarten auszutauschen. Der Samstag dauerte, unterbrochen nur von kurzen Pausen, von morgens bis tief in die Nacht - Konsensfindung ist anstrengend!

Die DBU bietet auf vielfältige Weise Gelegenheit zur ehrenamtlichen Mitarbeit - ob im Rahmen diverser, themenzentrierter Arbeitsgruppen, redaktioneller Vorschläge für „Buddhismus aktuell“, konstruktiver Teilnahme an den Mitgliederversammlungen oder ...
Jeder ist eingeladen und willkommen sich einzubringen, um dazu beizutragen, dem Buddhismus in Deutschland eine Stimme zu verleihen, die in vielen relevanten Bereichen in unserem Land einen bedeutenden und heilsamen Beitrag inmitten unserer Gesellschaft leisten kann.

Gassho, Eure Juen und Nanzan


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Neujahr

Wieder ist ein Jahr vergangen und abermals hat uns das gemeinsame Band des Dharmas durch schöne und traurige Augenblicke verbunden und begleitet. 
Wir danken allen, die mit uns den Raum zum Zazen geteilt haben, allen, die unsere Sangha unterstützt haben, allen, die diese Seiten besucht haben - bekannt und unbekannt, für Euer Kommen, Euren Beistand und Euer Interesse.
Hoffen wir, dass wir weiterhin zusammen üben dürfen. Hoffen wir, gesund zu bleiben -  in der Übung und zu Diensten!

Gassho,
Juen und Nanzan

WWS 2012


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Vom Glück der Namenlosen

Schon oft haben wir uns in der Sangha über den Grund unterhalten, warum wir zusammenkommen, warum wir üben. Es ist gut, sich ab und an diese Frage zu stellen. Gründe ändern sich. Warum ich heute noch dabei bin, mag ganz andere Gründe haben, als die, wegen derer ich mich damals auf die Suche begeben habe. Wie lauteten diese damals, wie heute?

Erfüllt mein Sitzen, allein und in Gemeinschaft, noch meine aktuellen Beweggründe und wenn nicht, warum?
Macht mich meine Übung glücklich? Natürlich nicht. Zu zerstreut, zu steif, zu schmerzhaft, zu selten, zu unauffällig, zu schwer, zu laut, zu langweilig.
Machen mich meine Dharma-Schwestern und Brüder glücklich? Naja. Wäre ich lieber in einer anderen Sangha, an einem anderen Ort? Mit vielen Mitübenden, einem großen Zendo, neunzig Leuten für Rohatsu?

Und doch und doch. Vom Glück der Stille. Vom Glück des allwöchentlichen Wiedersehens zum Zazen. Vom Glück, unser aller Füße zu kennen. Vom Glück eines windstillen Abends im Herbst. Vom Glück einer schmerzfreien Viertelstunde Zazen. Vom Glück, auf mich selbst zu treffen. Vom Glück als der Erfahrung eines Zustandes, welcher immer dann eintritt, wenn ich vergesse habe, wer das ist, der ihn erfährt, wie dies jetzt heißt und wer wen glücklich machen soll.
Auch deswegen üben wir.

Gassho,
Juen

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Hier, wo das Herz sitzt

Schau Dir jeden Weg ganz genau und sorgfältig an.
Versuche es mit ihm so oft, wie Du es für nötig hältst.
Dann stelle Dir selbst - und nur Dir allein - eine Frage.
Ich sage Dir, wie Sie lautet: "Hat dieser Weg ein Herz?"
Wenn ja, dann ist es ein guter Weg.
Wenn nicht, ist er nutzlos.


Jack Kornfield, „A Path With Heart“


Das ist eine interessante Frage. Sie wird sich jedem stellen, der sich auf eine spirituelle Reise begibt, früher oder später. Manchmal tritt sie auf, wenn wir in Schwierigkeiten geraten, es für uns ein wenig ungemütlich wird.
Es wird für uns oft dann unbequem, wenn wir innere Arbeit leisten. Dann zweifeln wir, suchen. Zunächst außen. Ist das, was ich hier tue, denn überhaupt gut für mich? Woher kann Hilfe kommen?
Von der Essenz des Weges.
Das Herz des Weges, einmal gefunden, kann uns immer weiterhelfen.

Die Frage kann sich auch stellen, wenn wir Dinge in der Sangha bemerken, die uns „herzlos“ erscheinen. Nun gibt es im Zen oft klare Worte, die uns zunächst herzlos vorkommen, aber, bei tiefem Schauen, voller Mitgefühl und Fürsorge sind.
Und es gibt Worte, die „bar des Herzens“ sind, welche nur um ihrer selbst willen wiederholt zu werden scheinen. Dann hat unser empfundener Herzensmangel weniger mit den Inhalten unserer Übung als mit ihrem Ausdruck, z.B. in bestimmten Formen oder im Verhalten seiner Praktizierenden zu tun.

Unser Weg muss ein Herz haben, sonst ist er nutzlos.

Hat dieser Weg überhaupt ein Herz?
Wir können seine Ikonographie betrachten, zum Beispiel an Hand von Abbildungen seines Gründers.
Wir können uns mit seinen Grundlagen beschäftigen: Vier Edle Wahrheiten, Achtfacher Pfad, Vier Grundlagen der Achtsamkeit, Sechs Paramitas, Sieben Faktoren des Erwachens, Sechzehn Richtlinien Ethischen Handelns.
Das ist hilfreich und oftmals bietet es eine ausreichende Gewissheit.
Aber wenn mich gerade tiefe Zweifel an meiner eigenen Übung und vielleicht sogar meiner Sangha insgesamt umtreiben, ist dies nur von begrenzter Wirksamkeit.
Wo ist dieses Herz der Schriften, das 2500 Jahre alte, JETZT?
Wie kommt es zu mir? Wir müssen es finden. Dem Weg muss Ausdruck verliehen werden, sonst bleibt er Geschichte.
Durch, mit, dem Herzen.
Wessen? Unserem.
Der Weg hat kein Herz, es gibt weder Herz noch Weg.
Unser Herz ist der Weg.

Darum bittet uns unsere Übung. Mit jedem Atemzug, mit jedem Zazen.
Mit jedem Wort. Mit jeder Tat. Andauernd.
Sonst war unsere gesamte Reise vergebens.

Welcher Wanderer
kann den reinsten Mond
in der Stille seines Herzens
spiegeln?


Ryokan


Gassho, Juen

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Heute: Gassho

Bestimmte Dinge können wir nicht oft genug erklären. Erst durch Worte, selbst formuliert und aus eigener Erfahrung entstanden, bekommt unsere Praxis ein Gesicht.

Gassho, wörtlich „gatsu-sho“ bedeutet „Hände zusammen“. Es wird manchmal auch als das reine Mantra der drei Karmas von Körper, Geist und Mund bezeichnet. Ein japanischer Zen-Lehrer spricht von Gassho als den „Drei Schätzen, die sich selbst in allen Dingen erkennen“.
Von den vielen Formen, die es im Zen gibt, ist das Gassho vielleicht die wichtigste. Es gibt mehrere Arten des Gassho und zahlreiche Gebräuche - wie Respekt zollen oder Achtsamkeit üben, zum Beispiel.
Im Gassho fügen wir zusammen - linke und rechte Seite - absolut und relativ, gut und schlecht, oben und unten. Dies ist ein aktiver Vorgang, denn nur durch uns kann der Wirklichkeit Ausdruck verliehen, können Einheit und Vielfalt zusammengefügt und verwandelt werden.
Ein Gassho, trotz aller „Vorschriften“ - s.u. - ist daher in höchstem Maße kreativ: wir erschaffen es, wir drücken aus. Übung und Erwachen in einem.
Die einfache Geste das Gassho bedeutet Anerkennung dieser wesentlichen Einheit: Übung ist Erwachen, relativ ist absolut. Absolut ist relativ. Das Selbst ist das Nicht-Selbst.
Es findet seinen Ausdruck in unserem Körper, in der Zeit, in der wir leben.
Das Verwobensein aller Dualitäten, unsere Verbindungen innerhalb unserer selbst und zueinander sind alle enthalten in diesem Gassho.

Anleitungen für ein Gassho gibt es viele, manche davon sind sehr detailliert. Wir bringen unsere Handinnenflächen zusammen, erlauben dabei kein Überkreuzen der Finger und auch keinen Zwischenraum zwischen den Fingern. Beim stehenden Gassho zeigen die Unterarme parallel zum Fußboden. Wir blicken auf unsere Fingerspitzen und konzentrieren uns auf die Mulde in der Handinnenfläche.
Wir bringen unseren Körper und Geist zur Ruhe, lassen ihn einspitzig werden und friedvoll.
Würden wir jedes Mal, wenn wir unsere Hände in Gassho zusammenfügen, dies tun, so hätte dieses kleine Gassho immense Auswirkungen nicht nur auf unser Leben sondern auf das jener, denen wir unser Gassho entgegenbringen, belebten und unbelebten Wesen.

Gassho bedeutet: Verbundensein. Auch mit unserer Tradition, die aus Japan stammt. Verbundenheit mit einem Land, das dem unsrigen in seiner Kultur und Ästhetik so fern ist, in seiner Nachkriegsgeschichte und seinem Karma so verwandt.
In einer Welt, in der wir, nicht zuletzt durch die Medien, die uns auch diesen Blog erlauben, immer enger zusammenrücken, in der Lebensweisen - zumindest im „Westen“ - sich immer mehr ähneln, berührt uns das Schicksal derer, die uns diese Übung weitergereicht haben, ganz besonders.
Niho Roshi und seine Familie, die Klosteranlagen von Entsuji, unser Freund Masahiro Miyake und die seinen sind unversehrt.
Sie sind in großer Sorge.
Wir denken viel an unsere japanischen Freundinnen und Freunde.

Gassho.

Juen



Bis wann 
soll ich trauern?
Wie auch immer ich trauere -
kein Ende -
mein Kopf ganz verloren.

Ryokan


stone

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Kommen und Gehen

Stern am Morgen, Kräuseln im Fluss,
zuckender Blitz in einem Sommersturm,
flackerndes Licht, Schatten und Traum -
so ist diese flüchtige Welt.
(aus dem Diamant-Sutra)

Während des Sanghatages im Pari-Nirvana Monat Februar haben wir uns
mit den „Fünf Erinnerungen“ beschäftigt:

1. Es ist mir gegeben, alt zu werden. Es gibt keinen Weg, dem Altwerden zu entrinnen
2. Es ist mir gegeben, krank zu werden. Es gibt keinen Weg, dem Krankwerden zu entrinnen.
3. Es ist mir gegeben, zu sterben. Es gibt keinen Weg, meinem Tod zu entrinnen.
4. Alle, die mir nahe stehen und alle, die ich liebe, sind Veränderungen unterworfen.
5. Meine Handlungen sind mein einziger Besitz. Sie bilden den Boden, auf dem ich stehe.

Die ersten vier Erinnerungen handeln von dem, was wir nur allzu oft nicht gerne sehen möchten: nichts bleibt. Alles, alles ist Veränderungen unterworfen:

Blütenblätter welken, obschon wir sie mögen. Unkraut sprießt, obschon wir es nicht mögen.
Genjokoan

Ob es uns gefällt oder nicht, irgendwann kommen sie: Fältchen, Lesebrille, Hörtest. Wechseljahre. Jemand bietet uns im Bus den Platz an. Die Aussicht, Oma, Opa zu werden, ist keine ganz so ferne Phantasie mehr. Unsere eigenen Eltern werden sichtbar fragiler. Unsere Kleine, eben noch im Kindersitz, besteht die Führerscheinprüfung. Wir haben Geburtstag und zählen nach: die Hälfte oder vielleicht die (statistisch betrachtet) längste Zeit ist bereits vergangen. Unser Chef geht in Rente. Wir schauen uns in der Arbeit um und stellen fest: manche könnten unsere Kinder sein.

Jemand stirbt. Nicht im Fernsehen. Hier, heute. Jemand, den wir kennen. Der eben noch unter uns war. Den wir geliebt haben.
Es ist: in unserem Gesicht. Täglich.

Dennoch schaffen wir es, unter oft erheblichem Kraftaufwand, diese uralte Weisheit, eine Grundlage unserer buddhistischen Übung, schlichtweg zu übersehen. Und wenn uns das Leben jäh damit konfrontiert, halten die meisten von uns allenfalls kurz inne.
Wenn es anders wäre, gäbe es Zen-Zentren wie Sportvereine.

Was, so haben sich Übende vieler Traditionen schon lange gefragt, was bleibt?

Obschon es wahr ist, dass nichts von bleibender Substanz ist und sich selbst unser hochgeschätztes Ich aus einer Vielzahl von Zyklen des Werdens und Vergehens zusammensetzt, die einer steten Veränderung bis hin zum Verlöschen unterworfen sind - etwas von alledem bleibt. Oder?

Zen hat darauf eine sowohl pragmatische wie - immer so! - unbequeme Antwort: unsere Handlungen.
Was wir denken.
Was wir tun.
Hier, heute.
Jetzt: solange wir noch hier sind.

Dafür gibt es ein ganz einfaches Maß:
Führen unsere Handlungen zu mehr Frieden - für uns und andere? Oder bewirken sie, dass diese sich regelmäßig über uns aufregen, Rache hegen und letztendlich auf Distanz gehen?
Bereiten wir anderen mit unserer Anwesenheit Freude?
Jeden Augenblick treffen wir eine Wahl, wie wir jemand anderem gegenübertreten; welches Karma wir hervorrufen.

Eine Sangha kann uns auch hierin wunderbares Übungsfeld und Spiegel zugleich sein. Es gibt nur wenig andere Orte, an denen wir gleichzeitig so liebevoll aufgenommen werden, immer wieder, und uns alles - a-l-l-e-s verziehen wird, immer wieder.

Die Zeit, sie läuft...
Denn: auch die schönste Sangha währt nicht für immer.
Sie ist, wie so vieles auf unserem Weg, ein Geschenk.

Es gibt auch nicht so viele Orte, an denen unsere Handlungen, bewusste wie insbesondere unbewusste, eine derart sicht- und spürbare Auswirkung haben. Für alle. Was die oben beschriebenen Handlungen natürlich beeinflusst ... und genau das ist erwünscht.

Der Buddha gab uns die ethischen Richtlinien als Handlungshilfe.
Es braucht nicht mehr als diese Richtlinien und unsere Absicht. Wir können unser gesamtes Leben mit ihnen verbringen.
Diese Übung ist nie zu Ende. Wir können sie niemals erschöpfen. Es gibt nicht so viele Dinge im Leben, die wir gerne tun und bis zuletzt ausüben können.

Wir können Dankbarkeit, Neugierde und Verwunderung darüber empfinden, wie es kommt, das wir hier... im idyllischen SH, fernab der großen Zentren, völlig überraschend ein so großes, nie zu verdienendes Geschenk bekommen haben.

Purpurrot
die sieben Schätze -
mit beiden Händen halte ich
Granatäpfel hoch -
ein Geschenk.

Ryokan

Gassho, Juen


eis


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Neujahresfeier 2011

Unsere Neujahresfeier zeichnete sich aus durch die Teilnahme von zwölf sitzenden und einem im Haus ruhenden Bodhi auf vier Beinen.
Nach dem Zazen folgte wie immer die Rezitation - mit einem großen Unterschied: erstmalig auf den von Angelika so professionell wie kunstvoll gebundenen Einbänden! Vielen Dank hierfür. Wir hoffen, die blauen Bände mit unserem Logo noch möglichst lange mit Euch benutzen zu können!
Die Rezitation an den Sanghatagen wird ab jetzt in der Regel die Rezitation der Ahnenlinie beinhalten, wir haben gerade damit begonnen.

Wie immer, ließen wir im Rahmen der anschließenden Feier das vergangene Jahr Revue passieren. Während wir in 2008, dem Einzug in unser erstes Zendo, viele Veränderungen vor allen in unseren Formen einführen mussten, war 2009 ein Jahr der Konsolidierung. 2010 könnte als „Sanghajahr“ beschrieben werden.

Es zeichnete sich aus durch eine sehr stabile Teilnahme und vermehrte Hilfsbereitschaft, eine deutlich mehr spürbare Zuversicht im Ablauf an den Sanghatagen, sowie die vermehrte Abgabe von Aufgaben, die den Ablauf im Zendo betreffen. Letzteres ist ein eindeutiges Zeichen für Tragfähigkeit und Konstanz - bei aller Pflege und Zuwendung, welche die unverändert zarte Pflanze Wind und Wolken unvermindert benötigt.

Wiederum schier unerschütterlich unser Donnerstagstermin in Lindau, der in diesem Jahr zum ersten Mal nahezu durchgehend stattfand und in der letzten Hälfte noch ein wenig personell verstärkt wurde. Das bedeutet für einige zwei Mal pro Woche gemeinsames Zazen!

Unser Pari-Nirvana Sanghatag musste wegen Schneeverwehungen ausfallen, wir hatten insgesamt zehn Sanghatage. Im März haben wir uns mit Dogen‘s „Frühling malen“ beschäftigt, kurz davor fand die erste Zen-Einführung in Eckernförde statt.
Der April hielt einen Sangha-Tag über die Richtlinien für ethisches Handeln bereit, als Vorbereitung für den Aufenthalt von Eido-san Anfang Juni, an dem wir bei herrlichem Wetter zu einem Wochenend-Sesshin mit Jukai-Zeremonie zusammen kamen. Kurz darauf traf Kazuaki Tanahashi Sensei ein und übte mit uns, neben japanischer Aussprache bei der Rezitation, den Zugang zu Ryokan‘s Gedichten an einem weiteren Sangha-Tag.
Im Juli konnten wir endlich den lange geplanten Tag über Geh-Meditation halten, der so inspirierend war, dass wir dies gleich im Rahmen des Rohatsu-Sesshins fortgesetzt haben.
Nach der Sommerpause folgte ein Tag über „Arbeit als spirituelle Übung“. Im September fand auch eine Vorstellung des Soto-Zen im Rahmen eines Kongresses in Eckernförde statt. Kinhin in einem mittelgroßen Raum mit etwa vierzig Neulingen, das wird noch lange in Erinnerung bleiben!
Im Oktober hatten wir, neben einem erneuten Besuch von Kaz Tanahashi, einer Einführung in die Rezitation auch noch eine Zen-Einführung in Schleswig sowie einen Sangha-Tag zu „die gesamte Welt ist Medizin“.
Wir haben sie in diesem Monat ausreichend gekostet. Vielen Dank!
Der November war geprägt von den vielen Eindrücken während des Dogen-Forums in San Francisco, bevor es dann in Rohatsu ging mit seinen nicht unerheblichen logistischen Herausforderungen, wetterbedingt. Unbedingt noch zu erwähnen sind drei Besuche von Euch in ZenRiver, welche den unvermindert guten Kontakt weiter vertiefen konnten.
Die vorhersehbaren Herausforderungen und Neuigkeiten, welche uns in der ersten Hälfte dieses Jahres begegnen werden, haben wir im Rahmen der Neujahresfeier angesprochen.
Es ist von heute aus betrachtet, schwer zu sagen, welche Überschrift dieses Jahr für unsere Sangha tragen wird. Räumliche Veränderungen, gewollt oder ungewollt, sind immer auch eine Chance: für Wachstum, Verbesserung und verstärkten Zusammenhalt.
Das Wichtigste ist und bleibt unsere Übung, alleine und gemeinsam, gemeinsam und alleine. Jeder Raum entsteht von dort.
Und: überall gibt es eine Wand, gibt es ein Nickerchen!

Wir freuen uns auf gutes Zazen, auf ein weiteres Jahr mit Euch,

Gassho, Juen und Nanzan

folder

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Zeitenwende

Ein gutes Sangha-Jahr neigt sich dem Ende. Es war unser bislang bestes. Vielen Dank für Eure Unterstützung, Euer Kommen, Euer Sitzen. Im Rahmen der Neujahresfeier werden wir, wie immer, das letzte Jahr noch einmal Revue passieren lassen und einen Ausblick auf das kommende gemeinsame Jahr versuchen.

Ganz besonders möchten wir uns bei allen bedanken, die unseren Blog lesen oder auf der Webpage stöbern und die nicht zu uns kommen können oder möchten - dabei sind wir ganz nett! Aber nicht jeder darf im schönen Norden wohnen, so ist es leider. Sonst hätten wir schon ganz viel Zen hier! Eure virtuellen Besuche sind uns Ermutigung und Ansporn. Ab und an können auch wir beides gut gebrauchen.

Wir wünschen allen, bekannt und unbekannt, einen guten Jahresabschluss, harmonische (Familien)-Tage und ein rund-gesundes Neues Jahr!

Gassho, Eure Juen und Nanzan

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Hörst Du, wie es singt?

In der Stadt -
Klänge von Flöten und Trommeln.
Aber auf diesem hohen Berg
nur das Knistern von Kiefernnadeln.

Ryokan


Im zweiten Halbjahr haben wir begonnen, die Aufgaben des Kokyo, Ino und des Zeitgebers (Zazen, Han, Rezitationsglocke) auf mehr Schultern zu verteilen als bisher.
Bestimmte Aufgaben innerhalb einer Sangha zu übernehmen, ist eine gute Übung. Das ist in den meisten Gruppen so. Bei uns werden diese Aufgaben erst nach einer Weile vergeben, das sind in der Zählweise des Zen einige Jahre. Das Sitzen sollte solide sein und die Verankerung innerhalb der Sangha stabil.
Es gibt es noch weitere Besonderheiten: Oft sind es Dinge, die wir nicht besonders mögen und -zumindest zunächst- nicht sonderlich gerne ausführen. Vorzugsweise werden uns sogar Aufgaben gegeben, von denen wir überzeugt sind, absolut ungeeignet dafür zu sein. Das ist die Sache mit dem Können und unseren Vorzügen!
Nicht genug damit, erhalten wir für eine proper ausgefüllte Aufgabe selten Lob, oft nicht einmal die Rückmeldung, dass sie überhaupt wahrgenommen wurde. Dafür aber scheint es fast immer jemanden zu geben, der die von uns längst bemerkten Fehler auch gesehen oder gehört hat - vor allem natürlich am Anfang, das bedeutet: in den ersten Jahren. Das ist manchmal ein bisschen schwierig.
Vielleicht hilft es, sich an das häufige Ende der Geschichten über Chinesische Zen-Schüler und Meister zu erinnern, wenn es da heißt: „Der Mönch verbeugte sich.“ Er hat die Anleitung gehört. Er hat sie in sich aufgenommen. Er hat sie nicht persönlich genommen. Er ist dankbar dafür. Das ist alles.
Nach ein paar solcher Aufgaben innerhalb des geschützten Rahmens einer Sangha können wir uns vielleicht auch gegenüber unserem Chef „verbeugen“, dem ollen Nachbarn, den ganz speziellen Situationen mit den Eltern, den schrecklichen Politikern...

Nun, da einige von Euch sich in die subtile Welt des Zusammenspiels während einer Rezitation begeben, ein paar Hinweise hierzu:
Erstens: alle unsere Rezitationen sind Ausdruck von Dankbarkeit. Zweitens und drittens: siehe erstens.

Die erste Widmung geht an Shakyamuni Buddha - es ist unsere Identifikation mit der Buddha-Natur in uns. Sie ist auch an den historischen Buddha gerichtet, der sich nach seinem Erwachen nicht einfach in die schönen Berge zurückgezogen hat, sondern siebenundvierzig Jahre lang keine Mühen scheute, um sie zu vermitteln, um sie zu lehren. Nur hierdurch war es möglich, dass das Dharma über Indien, China und Japan zu uns gelangen konnte. Es gibt für unsere Ahnen keine grössere Freude, als die, uns das Dharma praktizieren, respektieren und weitertragen zu sehen.
Allein der Ausdruck von Dankbarkeit verändert. Er kann unsere gesamte Weltsicht verwandeln; eine Sicht, in der wir uns nur allzu oft auf die 5% konzentrieren, die gerade nicht ganz so rund laufen - für uns.

Die zweite Widmung ist an die Linie der Lehrer gerichtet. Wir singen die Namen der indischen, chinesischen und japanischen Lehrer. Damit bedanken wir uns für ihre Leben, für die Lehre, welche sie an uns weitergereicht haben und: für unser Leben, welches seither ein Leben im Dharma geworden ist.
Rezitation handelt auch von Energie - der Energie unserer Stimme im Raum, unserer Gemeinschaftsenergie, sowie der Stimmen von so vielen, die vor uns diesen Weg besungen haben.

Das Dharma lehrt auf vielen Wegen, einer davon besteht in Worten, die auf diese Weise einen anderen, oftmals direkteren Zugang zu uns finden als es gesprochene Sätze vermögen.
Ein Sutra wie das Maka Hannya Haramita Shingyo oder das Daihishin Dharani wird sich zunächst einen Weg ins Unterbewusste bahnen und von hier aus seine Wirkung in uns entfalten.
Irgendwann werden wir dann Sätze hieraus „denken“. Sie werden von dort zahllose Wesen erreichen - sichtbar oder unsichtbar, noch lebend oder bereits verstorben.
Wenn wir andere Zentren oder Klöster besuchen, werden wir feststellen, dass nahezu jeder Ort ein wenig anders rezitiert. Das ist vielleicht am Anfang etwas verwirrend. Es macht aber auch deutlich: worauf es ankommt, ist die Rezitation des Dharmas.
Dieses kann nur von Angesicht zu Angesicht übertragen werden, denn nur so bleibt es lebendig.
Der Buddha hat frühzeitig seine Mönche angewiesen, das Dharma in ihre jeweiligen Regionen zu tragen und an die dortigen Gegebenheiten anzupassen. Dafür sind wir bis heute ein gutes Beispiel: eine Übung, die aus dem fernen Ostasien kommt und dabei ist, sich in einem völlig anderen Kulturkreis zu etablieren, kann nur überleben, wenn sie sich an die Umstände, an ihre Gesellschaft und deren Fragen anpassen kann.

Die zweite Widmung ist an unsere Umgebung gerichtet: unter anderem an unsere Eltern, unsere Lehrer, an die Gegend, in der wir wohnen. Die Einbeziehung unserer Eltern ist hierbei besonders wichtig. Das wird auch im Rahmen der Jukai-Zeremonie deutlich. Im Laufe unserer Übung vermengen sich unsere genetische Herkunft und die von Angesicht zu Angesicht übertragene Linie des Buddha-Dharma. Daher sollten wir uns genauso mit unseren Eltern und deren Eltern bis hin zu „Buddhas Zeiten“ verbunden und verpflichtet fühlen wie wenn wir von unseren Dharma-Ahnen sprechen. Deswegen ist der Friedensschluss mit unseren Eltern -egal, wer sie sein mögen und wie sehr sie uns enttäuscht haben mögen - von hoher Bedeutung für unseren eigenen spirituellen Weg.

Des weiteren richten wir uns an Kranke und Verstorbene - als Geste der Fürsorge - und der Erinnerung. Irgendwann, irgendwo, wird auch unser Name an dieser Stelle gesungen werden.

Ein weiterer Aspekt unserer Rezitation besteht in seinem Ausdruck unserer Verbundenheit mit allem. Sie beginnt mit Gassho - oder den vollen Verbeugungen. Diese Geste allein bedeutet ein Zusammenführen von verschiedenen Teilen und seine Umsetzung in eine Handlung. Während der Rezitation werden wir „Buddha“, werden wir „die anderen“. Yuibutsu Yobutsu - ein Buddha und ein Buddha.

Wir rezitieren die ersten Sutren auf Japanisch, als Hinweis auf unsere Tradition. Gleichzeitig gelingt uns in einer für die meisten fremden Sprache - das Herzsutra wird zudem auf altjapanisch rezitiert - leichter: Einspitzigkeit. Wir verstehen nichts. Wir brauchen nicht zu denken. Wir können einfach nur singen und Klang werden. Wenn wir auf diese Weise rezitieren, gibt es keinen Unterschied zwischen unserem Zazen und unserer Rezitation.

Gassho, Juen


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