Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Dogen

Listen

Obgleich wir es gerne ordentlich und übersichtlich hätten – für tausende von Kilometern: nichts hält.
Warte innerhalb des Tores nicht auf die Klarheit anderer.
Ohne Dein Kümmern ist es sehr leicht, den Pfad lebendiger Übung zu verlassen.
Selbst jene, die schwerhörig sind, werden berührt vom Klang des abendlichen Regens.
 
Dogen Zenji

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Nicht nur zu Jahresbeginn, wo wir gelegentlich Listen erstellen und versuchen, einen Überblick zu gewinnen und „strukturiert“ in das neue Jahr zu starten, hätten wir es zuweilen gerne „ordentlich und übersichtlich“. Ob wir im Zen versuchen, zwischen „Rinzai“ und „Soto“ oder zwischen „Nicht-Zen“ und „Zen“ zu unterscheiden oder ob wir uns darum bemühen, die Überraschungsereignisse unseres Alltags mit einer paraten Formel einzugrenzen – die Sehnsucht nach Überschaubarem ist eine zutiefst menschliche.

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Nichts ist falsch an Listen, an Verunsicherung im Anblick von Neuem.
Dennoch tun wir gut daran, wenn uns wieder einmal vor Augen geführt wird, dass unser Leben sich nicht an unsere Pläne hält, auch dies ähnlich „kontrolliert“ und vielleicht sogar freudig zur Kenntnis zu nehmen wie die innere Zuversicht, die uns überkommt, wenn wir meinen, alles gut im Griff zu haben.

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In der nächsten Zeile werden wir an ein weiteres menschliches Dilemma erinnert: wir befinden uns, insbesondere, wenn wir uns innerhalb der Tore einer Sangha bewegen, in freundschaftlicher Gemeinschaft. Das ist unschätzbar.
Dennoch müssen wir alleine üben, die Verantwortung tragen für unsere Praxis, die nicht mit der von irgendjemand anderem vergleichbar sein kann. Wir müssen uns kümmern, alleine, jeder für sich sollte sich anstrengen wie mit den „Haaren in Feuer“ – was wiederum die „große Versammlung“ bewegen und beleben wird und somit jeden einzelnen von uns.

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Hierfür müssen wir nicht notwendigerweise jeden Tag viele Stunden in Zazen verbringen, uns jahrelang in ein Kloster zurückziehen oder monatlich Sesshin sitzen. Das alles ist hilfreich. Aber es passt vielleicht nicht immer in meine jeweilige Lebenslage. Vielleicht hat Dogen das Dilemma unserer heutigen Zeit ein wenig geahnt oder vielleicht ist dieses Dilemma so alt wie Menschengedenken.

Er bietet im letzten Satz etwas an, wofür wir nur wenig bis gar nichts an unserer Alltagsstruktur verändern müssen: wir können immer hören, lauschen, aufnehmen.
Es bedeutet nicht, dass wir sofort etwas unternehmen, eine Meinung haben oder etwas sagen müssen.
Es kann jedoch bedeuten, dass wir innehalten und dem Ton erlauben, ein Echo zu erzeugen. Avalokiteshvara beginnt als schweigende Gastgeberin.

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Friedliches Zazen, lächelndes Mitgefühl, soziale Handlung haben hier ihren Ursprung.

Gassho,
Juen

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Raum – Koku

Wir denken selten daran und sind doch immer mittendrin. Er beeinflusst uns in unserem Wohlbefinden, unserer Körperhaltung, unserem Atem, unseren Gedanken und doch nehmen wir ihn meist nicht wahr. In welcher Beziehung wir zu ihm stehen, hat auf uns großen Einfluss. Ohne ihn könnten wir nicht sein und dennoch beachten wir ihn kaum: Raum.

Dogens Kapitel aus dem Shobogenzo beginnt mit der Geschichte zweier Brüder, Shigong Huizang (jap. Shakkyo Ezo), und sein jüngerer Dharmabruder Xitang Zhizang (jap. Seido Chizo 735-814):

„Weißt Du, wie man Raum packen kann?“
Zhizang: „Klar“.
Shigong: „Na, wie denn?“
Zhizang streicht mit seiner Hand durch die Luft.
Shigong: „Nein, Du weißt es eben nicht.“
Zhizang: “Wie machst Du es denn, älterer Bruder?“
Shigong zieht kräftig am Nasenloch seines Bruders.
Zhizang schreit auf vor Schmerz: „Willst Du mich umbringen?“
Shigong sagt: „Jetzt kannst Du ihn packen!“

Etwas später sagt er: „Raum ist ein Stück, aber er kann in einem Streich geteilt werden. Sobald geteilt, ist der Raum zu Boden gefallen“.

Für Dogen ist Raum nicht nur die Luft zwischen zwei Dingen, sondern etwas ganz Lebendiges - belebte Form. Die Dinge selbst sind Raum, konkret spürbar, ein „Körper“, dem wir Leben geben sollten - und somit nicht getrennt oder außerhalb unserer täglichen Übung.
Raum ist daher auch: erwachter Raum. Ähnlich wie in seinem Kapitel über „Zeit“ (Uji) ruft uns Dogen dazu auf, den Raum zu sehen, in dem wir uns aufhalten - und ihn in unser Erwachen miteinzubeziehen.

In der Malerei, beim Zeichnen oder in der Kalligraphie wird dies besonders deutlich: ein Pinselstrich nimmt einen bestimmten Raum ein, für den Gesamteindruck des Werkes ist aber auch der ihn umgebende Raum entscheidend, sozusagen der Negativ- und der Positiv-Raum. Für ein Musikstück haben die Pausen eine große Bedeutung.
Während wir es in der Kunst noch relativ gut nachfühlen können, gelingt uns die Raumerfahrung in der Natur, mit dem Raum, der uns selbst umgibt oder dem Zwischenraum zwischen uns und anderen Menschen oft nicht so leicht. Dogen spricht in diesem Kapitel auch vom gesamten Universum „gefüllt mit Augen“. Gemeint sind die Augen Avalokiteshvaras - das Universum als ein Organ des Mitgefühls.

„Die täglichen Klänge der Berge und Wasser bieten ihre verwandelnde Stimme dar, selbst wenn wir unsere Ohren bedecken.“

Die ganze Fülle dieses Sommers, die Verwandlung der Natur seit dem Frühling, die Blütenpracht, der Sommerregen, die Cumuluswolken an unserem hohen Himmel, die brütenden Vögel - Ausdruck von Mitgefühl.

Wenn wir so denken, fällt es schwer, uns nicht auch um diese „Außenwelt“ kümmern zu wollen, unser Leben so zu leben, dass wir sie bewahren.
Raum als Form, Raum als Nicht-Form - Raum als Verbindung.
Für Dogen in seiner großartig weiten Sicht war klar: weder Raum noch Zeit stehen außerhalb von uns. Sie sind quicklebendig und mittendrin.

Zeit ist Leben. Raum ist Leben. Beide sind verwandt - denn ihnen fehlt die feste Form, das ist ihre gemeinsame Natur. Das gleiche gilt auch für uns selbst, doch ist es schwerer zu sehen. Es gelingt leichter, wenn wir uns den großen Altmeister vorstellen, für den nichts unbelebt war, nichts außerhalb des Potentials für unser Erwachen und sei es aus dem weiten Raum von gegenüber, in Form eines kräftigen Nasenstübers des eigenen Dharmabruders.

Gassho,
Juen


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Einfach warten

Wirf eine Münze in den Fluss und suche nach ihr.
Dogen Zenji


Eine schöne Woche mit Alan Hozan Senauke liegt hinter uns, die ihren Abschluss in einem Sesshin mit anschließender Jukai-Zeremonie fand. Es war gleichzeitig auch die Gelegenheit, unser Zendo samt dem fast fertigen Teeraum durch viele Bodhisattva-Füße einzuweihen und auch ein guter Anlass, fast alle verfügbaren, wunderschönen Oryoki-Bänkchen zu benutzen.
Vielen Dank für Euer Kommen!

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Hozan sprach unter anderem über Shunryu Suzuki Roshis Satz „Unsere Probleme sind unsere wahren Schätze“.
Auf die Frage einer Teilnehmerin hin, was denn zu tun sei, wenn gerade keine Probleme bestünden, antwortete Hozan: „Dann warte einfach ein bisschen.“
Das war keineswegs ironisch gemeint, obgleich es meistens nicht allzu lange dauert, bis nach einer Phase des ruhigen Fahrwassers neue Wogen erscheinen.
Viel an unserer Praxis besteht aus Warten. Geduld, das dritte Paramita nach Großzügigkeit und den Grundsätzen für ethisches Handeln, steht nicht ohne Grund in der Mitte der „sechs Vollkommenheiten“ - vor den eher aktiven Tugenden wie „freudige Anstrengung“, „Konzentration“ und „Weisheit“.


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Warten bedeutet: aushalten. Nicht Ausschau halten und auf etwas „Besseres“ hoffen, nicht hinwegträumen zu „Schönerem“, nicht aufstehen und davonrennen, sondern dabeibleiben. Bleiben und schauen. Sein, mit dem, was gerade ist. Auch wenn wir kalte Füße bekommen. Weiterschauen. Warten. Lauschen. Das ist Zazen.
Und zwar, ob es jenem Teil in uns, der es gerne ein bisschen anders hätte, gefällt oder nicht. Es wird ihm nie gefallen.
Hier setzt unsere Übung an - jene Orte zu besuchen, die wir scheuen und lieber verdecken möchten. Dieser Versuch an sich ist Illusion und Bumerang zugleich. Illusion, weil nichts in unserer Übung „privat“ bleibt. Bumerang, weil jene Manöver des Wegschauens nur von kurzer Wirkung sind und wir immer stärkere Anstrengungen unternehmen müssen, um hinweg zu fegen, was wir tunlichst übersehen möchten.

Wenn wir in einer Sangha üben, wird das ohnehin nicht gelingen, denn so sehr wir uns auch anstrengen und Umwege in Kauf nehmen: wir werden gesehen.
Alles in uns kommt hier zu Tage. Das ist nicht enthüllend oder peinlich, sondern es bedeutet unsere große Chance. Die Chance, „nicht länger zurückzuhalten“, sondern diese Energie für etwas gesünderes zu benutzen: alles an uns miteinzuschließen und bereit sein, die Gebiete jenseits unserer Vorlieben und Befindlichkeiten zu betreten.


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Unsere Probleme und Schwächen, unsere Schwierigkeiten, werden durch unser Zazen nicht völlig verschwinden. Einige vielleicht. Neue werden hinzukommen. Es kann gar nicht das Ziel der Praxis sein, ein Leben ohne sie zu führen. Vielmehr ist es unser Ziel, nicht länger vorzugeben oder zurückzuhalten, nicht länger zu verbergen. Auf Dauer ist dies enorm anstrengend. Viel besser können wir lernen, wie wir mit all dem üben.
Selbst die dunkelsten Ecken werden etwas heller, wenn wir sie unter die Lupe nehmen. Selbst die unangenehmsten Eigenschaften unserer selbst sehen etwas freundlicher aus, wenn wir dahinter zu blicken wagen - auf ihre Ursachen, auf die Ängste, die ihnen zugrunde liegen.

In diesem Sangha-Juwel wird uns in einem geschützten Rahmen die Gelegenheit gegeben, zu sein, wie wir sind - sofern wir dies erlauben. Das ist Erleichterung und Arbeitspensum zugleich. Erleichterung, weil wir in Ruhe gelassen werden - im Unterschied zur Arbeits- oder Familienwelt.

Arbeitspensum, weil wir zwar innerhalb einer Sangha üben, aber über lange Strecken hinweg mit uns alleine sind. Wir, die Wand - wenig dazwischen. Ich komme nicht umhin, wenn ich denn irgendwann des Träumens müde geworden bin, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Für viele von uns zum ersten Mal.
Es ist eines der schwersten Dinge, mit mir alleine zu sein und zu erkennen, dass die meisten unserer inneren Berge von uns selbst errichtet wurden.

Auch hierin besteht unser Warten, unser Verweilen, unser Aushalten. Dann wird die Münze ganz von selbst zu uns kommen. Und der Fluss, er wird gar nicht so bitterkalt und gefährlich sein, wie wir es von unserem Versteck aus immer vermutet haben.

Wenn ihr geduldig genug seid, wenn ihr stark genug seid, eure Probleme anzunehmen, dann könnt ihr ruhig und friedlich sitzen, im Vertrauen auf Buddha und im Vertrauen auf euer eigenes Sein...
Shunryu Suzuki

Gassho,
Juen



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Den Graben mit Schnee füllen

... „Es gibt Berge, welche in Schätzen verborgen sind. Es gibt Berge, welche in Sümpfen verborgen sind. Es gibt Berge, welche im Himmel verborgen sind. Es gibt Berge, welche in den Bergen verborgen sind. Es gibt Berge, welche im Verborgensein verborgen sind.
So üben wir.

Ein alter Buddha sprach: “Berge sind Berge, Wasser sind Wasser.“
Diese Worte bedeuten nicht, dass Berge Berge sind; sie bedeuten,
Berge sind Berge.
Daher solltest Du diese Berge gründlich erforschen. Wenn Du die Berge gründlich untersuchst, so wird dies zur Bemühung inmitten der Berge.
Derartige Berge und Wasser werden von sich aus zu weisen Menschen und Heiligen“.

Dogen Zenji
Sutra der Wasser und Berge


„Wenn es sich gut anfühlt, dann ist es bestimmt nicht Buddhismus“ wird einer der bekannteren tibetischen Lehrer zitiert.
Oho! Einerseits kommt das der auch kulturell bedingten Seite in uns entgegen, die ein mehr oder weniger ausgeprägt vorhandenes Schuldempfinden mit sich herumträgt: ich bin „schlecht“ oder zumindest nicht ganz in Ordnung - und irgendwo dort draußen befindet sich das höchst erstrebenswert „Gute“.
Um dorthin zu gelangen, muss ich mich anstrengen und immer weiter verbessern und dann, eines Tages, komme ich an, wo „alles“ besser ist.
Der Weg dorthin war für unsere Vorfahren mit meist sehr harter Arbeit verbunden, die sich oft „nicht gut“ angefühlt haben kann und welche auch von dem in Aussicht gestellten Heilsversprechen genährt wurde.
Aus ihm resultiert unsere vergleichsweise gute Arbeitsmoral. Sie hat wesentlich zu unserem heutigen Wohlstand beigetragen - aber auch die absoluten Katastrophen, welche zwei von uns initiierte Weltkriege mit sich zogen, mit verursacht.

Im Zen gibt es kein Versprechen auf irgendetwas in der Zukunft. Das wäre ein völliges Missverständnis von dem, was man als „Erleuchtung“ oder „Erwachen“ bezeichnet. Dies sind keine dauerhaft erlangbaren Zustände in einer fernen Zeit, sie waren es selbst bei den wachsamsten unserer Ahnen nicht - bei allem, was wir heute von ihnen wissen.

Erwachen, das ist erstens: Zufriedenheit, mit dem was ist.
Zweitens: Zufriedenheit mit dem, was kommen wird und drittens: Zufriedenheit mit dem, was war. Und viertens (oder erstens): Zufriedenheit, mit der Erfahrung, dass sich dies alles in einem steten Wandel befindet. Das heißt, ein bestimmter Zustand ist niemals von Dauer.
Ich darf stets „von Neuem“ mit etwas zufrieden sein. Das kommt der Dynamik eines erwachten Menschen relativ nahe.
Hierzu ist es leider erforderlich, mich bis in den letzten Winkel auszuloten, was sich oft „gar nicht gut“ anfühlt. Es fühlt sich im Gegenteil streckenweise total langweilig, hundsmiserabel oder einfach nur schrecklich an.
Und doch - führt kein Weg daran vorbei zu schauen, auf das was ist. Meine Starre, meine Angst, meine Sorge um Verlust von „Wohlbefinden“, meine kleinliche Art, meine eigentlich rührende Verteidigung dessen, was wir unser „Ich“ nennen - wenn es nicht so vollkommen lähmend und abgrundtief schmerzhaft wäre. Bei hellem Lichte gesehen, fühlt sich dies alles ebenfalls „gar nicht gut“ an.
Aber ist es nicht besser, mir einer unschönen Seite oder eines Versagens meiner selbst bewusst zu werden als diesen Teil vollkommen ahnungslos mit mir herumzuschleppen?
Ich kann nur handeln mit dem, was ich sehe. Ich kann nur etwas ändern, wenn ich es betrachtet habe. Und - wenn ich mich wirklich „gut“ fühlen möchte, werde ich nicht darum herumkommen, etwas zu verändern und mich zu verwandeln.

So geht es in unserer Übung um weit mehr als die Anerkennung von verdrängten Gefühlen oder schmerzhaften Kindheitserlebnissen.
Es geht erstens darum, zu sehen, wie viel an Schmerz und Leid wir in uns tragen und zweitens wie viel wir davon weitertragen: bei anderen verursachen. Drittens hilft die wachsende Erfahrung hiermit zu erkennen, wie flüchtig dieses Samsara ist und dass die unausweichliche Wahrheit für jeden von uns so aussieht:

1. Wir werden alle älter und fragiler.
2. Alles befindet sich in stetem Wandel.
3. Alles, was wir erreichen oder erreicht haben, was wir angehäuft und aufgebaut haben, wird mit der Zeit vergehen. Alle, die wir lieben und die uns nahestehen, werden nur vorübergehend mit uns sein.
4. Wir werden sterben.

Daher wird uns jede Übung, die sich diesem durch Stärkung dessen, was wir unser „Ich“ nennen, widersetzt oder zumindest unser Greifen nach Unsterblichkeit unterstützt, in die genau entgegengesetzte Richtung des Dharmas befördern. Und das Dharma ist so gar nicht zum Wohlfühlen.

Vielleicht könnten wir dem noch eine fünfte unausweichliche Wirklichkeit hinzufügen: das Leiden innerhalb dieses Samsara ist unendlich, un-end-lich. Wir brauchen hierfür nur eine Minute Radio zu hören.

Andererseits ... und das macht unsere Zen-Praxis so verwirrend wie sympathisch: können wir es hierbei keinesfalls belassen.
Wir müssen etwas tun und schon der kleinste Beginn mit nur einer einzigen Runde Zazen hat höchst heilsame Auswirkungen auf die Welt, in der wir leben. Hierbei dürfen wir uns zweifelsohne auch „richtig gut“ fühlen!

Wenn wir daran teilhaben möchten, die schillernd schöne und vollkommen verzweifelte Landschaft unserer Menschheit ein wenig zu glätten und zu erhellen, können wir dies auch tun, in dem wir dem nächsten Menschen einfach nur freundlich gegenübertreten.
Indem wir lernen, zuzuhören ohne eigene Agenda. Indem wir tun, was nötig ist. Nicht, weil es „gut“ ist oder wie auch immer bewertet wird. Indem wir uns die Stille unserer Meditation zum innigen Freund machen. Oder indem wir die nächste Tasse Tee von Anfang bis Ende mit Achtsamkeit und Sinneswachheit leeren.

„Jegliche Spuren von Erwachen fallen ab, man zieht seine Sachen an und nimmt ein Mahl. Wo spirituelle Energien in den zehntausend Dingen herumschlendern, gibt es keine Möglichkeit, etwas zu benennen oder zu rahmen. Ist dies nun ein gewöhnlicher Mensch oder ein Weiser?“

Dogen Zenji
(Koan)

Gassho,
Juen

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Shikantaza

Während des diesjährigen Rohatsu-Sesshins haben wir uns mit Dogens Fukanzazengi etwas näher beschäftigt. Dieses relativ zugängliche Kapitel Dogens befasst sich mit den Grundzügen unserer Übung. Im Mittelpunkt steht: Zazen.
Zazen, das bedeutet auch: nichts extra. Einfach hinsetzen. Unsere Arbeit tun. Zazen, das ist: „Ja!“ und es ist: „Punkt!“. Zazen ist vollkommen genug, wir brauchen weder zu hinterfragen, noch zu vergleichen. Es gibt kein Geheimnis. Wenn wir unserer inneren Stimme direkt zuhören, direkt, selbst ohne den willentlichen Versuch, ihr zuzuhören, befinden wir uns bereits mitten auf dem Weg. Das ist die Stimme Buddhas.

Daher: höre auf damit, Worte zu studieren und Schriften zu folgen. Übe Dich im Rückzug, wende das Licht nach innen und beleuchte das Selbst.
Dogen


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Rohatsu-Sesshin bedeutet auch, mit vielen, bekannt oder unbekannt, gemeinsam zu sitzen, durch alle Zeitzonen hindurch. Mitten auf dem einen Weg.

Sesshin, bedeutet „Herz und Geist zusammentragen“, zusammenbringen.
Es hat etwas Besonderes und Einzigartiges, sich in diesen Tagen nur der Übung zu widmen.
Obschon die Bedeutung von Sesshin manchmal überschätzt wird und das alleinige Besuchen von Sesshins ohne tägliche Übung nicht das ist, wovon Dogen, zum Beispiel in „Gyoji- fortwährende Übung“ sprach - ein Sesshin bildet die Verdichtung unserer Übung auf eine Weise, wie es kein noch so regelmäßiges Sitzen vermag.
Während eines Sesshin wird ein Mikrokosmos geschaffen, der es mir erlaubt, meine gesamte Energie auf mein Kissen zu konzentrieren. Indem wir alles andere beiseite legen, indem eine Struktur uns hält, die einen geschützen Raum garantiert, können wir uns vollkommen, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, der wichtigste Sache der Welt widmen.
Wir können hier sein. Wir haben Zeit. Jetzt. Wir können ankommen und sehen, wie gut es ist. Wie heimisch sich das anfühlt und wie natürlich und gesund. Das macht diese Tage des Jahres so einzigartig.

Das Zazen, von dem ich spreche, ist keine Meditationstechnik.
Es ist ganz einfach das Dharma-Tor der großen Leichtigkeit und Freude. Es ist die Übung-Erleuchtung des vollkommenen Erwachens. Im Zazen wird das Wesentliche verwirklicht, frei von Verstrickungen und Gefangensein.
Wenn Du dies erfährst, so bist Du wie ein schwimmender Drache oder ein Tiger in den Bergen.

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Das Tor zu Leichtigkeit und Freude macht es uns allerdings nicht immer leicht! Schmerzen, körperliche und seelische können hervorkommen. Es ist aber nicht so, dass sie aus dem Nichts hervortreten. Sie sind immer schon vorhanden und viele von uns tragen schwer daran. Was im Sesshin passiert, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was wir sonst in unserem Leben mit uns tragen. Wir können nur nicht aus. Das macht vielen Angst. Aber es ist eine Illusion, dass wir außerhalb des Zendos wirklich fliehen können! Wir tragen schwer an der Last, die wir zu verbergen versuchen. Letztendlich ist das nicht möglich und auch deswegen sagen wir im Zen: es gibt keine Geheimnisse. Indem wir ans Licht tragen, was ohnehin bereits darauf wartet, beleuchtet zu werden, tun wir einen guten Dienst, verabreichen wir uns eine gute Medizin. In diesem Sinne sind wir uns Arzt und Patient zugleich und genau darum geht es: uns selbst zu geben, was nötig ist. Uns zu nehmen, was unnötig und oft genug auch schädlich ist.
Wollen wir frei werden, müssen wir durch das große Tor. Es steht weit offen, hindurchgehen müssen wir schon selbst.

Diese einfache, schlichte Übung besteht darin, gegenwärtig zu sein, radikal gegenwärtig. Leer. Voll mit allem.
Ohne willentliche Wahrnehmung, ohne verschobene Wahrnehmung, ohne nicht-willentliche Wahrnehmung, ohne Vernichten der Wahrnehmung - einfach sitzen, aushalten und die Türen sich langsam öffnen lassen.

Nichts zurückhalten. Nicht zurückhalten. Nicht versuchen, etwas davon zu bekommen, nicht versuchen, nichts zu bekommen. Nicht zurückhalten vom gegenwärtigen Augenblick inklusive aller unserer herumschwirrender Gedanken, nicht zurückhalten vor der Ganzheit der gegenwärtigen Erfahrung - ob sie gut ist oder schlecht, angenehm oder unangenehm oder keines von alledem. Das ist das Herz unserer Übung - zumindest in der Tradition Dogens.

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Da der Sesshin eine so einfache und klare Form hat, da so vieles vorgegeben ist und uns die meisten der herkömmlichen Verantwortungen abgenommen wurde, bekommen wir die Gelegenheit, unser Leben klarer zu sehen, zu erden, neu auszurichten.
Sich in den Fluss entspannen. Die Zeit verschwinden lassen, den Signalen folgen. Lauschen. Spüren, wie einfach das Leben sein kann. Wie tief zufrieden wir sein können. Merken, wer wir sind, was uns ausmacht. Wie wir sein und wie wir leben möchten.
Deswegen ist Sesshin so wichtig. Nicht als Flucht, sondern als Grundlage für unser gesamtes Leben, Alltagsleben. In diesem sind wir vollkommen gleich.
Gleichzeitig werden in der Stille, in dem für alle gleichen Ablauf, die Unterschiede zwischen uns noch deutlicher als sonst.

Nichts Tun. Für ein paar wenige Tage im Jahr einfach nicht Tun. Nur sitzen und sein. Nichts von mir selbst zurückhalten. Schauen und sehen. Leichtigkeit und Freude kommen von selbst, so wie wir Bergtigern und schwimmenden Drachen meist ganz zufällig begegnen.

Gassho, Juen

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Von der Sein-Zeit in der Neu-Zeit

Wir haben ein weiteres Kapitel aus dem Shobogenzo übersetzt: Uji - "Sein-Zeit". Jetzt. Jetzt und noch einmal: jetzt. In diesem Kapitel beschreibt Dogen, dass auch ein halber Augenblick, auch ein halber Kreis, ein runder Kreis, eine vollkommene Bewegung, ein perfekter Augenblick sein kann. Er enthebt uns somit dem Hechten nach der schöneren Welt andernorts, bietet uns Unabhängigkeit von unseren jeweiligen Umständen und entwirft ein sehr modernes Konzept zum Glücklichsein - jetzt.
Wo auch immer.

Gassho, Juen


Ein alter Buddha (Yaoshan) sagt:

Manchmal auf einem riesig hohen Berggipfel stehen.
Manchmal am Grund des tiefsten Meeresgrundes gehen.
Manchmal drei Köpfe und acht Arme sein,
Manchmal acht oder sechzehn Fuß sein.
Manchmal Stab und Wedel sein,
Manchmal Pfeiler oder Laterne sein.
Manchmal Maier und Schmidt sein.
Manchmal große Erde und leerer Himmel sein.

Dogen, Uji


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Flüchtiges

Neulich hatten wir eine interessante Diskussion über das, „was der Buddha fand“. Natürlich wissen wir das nicht. Aber es ist anregend, darüber nachzudenken.
Unsere Unterhaltung kreiste um Siddharthas Erwachen aus der Illusion der Beständigkeit, des Nicht-Vergehens. Eine der Grundlagen unserer Übung stellt die Lehre von der Vergänglichkeit dar. In dem Text, den wir als Grundlage hatten, wurde das Erkennen der Vergänglichkeit als ein Zustand bezeichnet, in dem auch der Tod eingeschlossen wird und wir daher „blinde Hoffnung“ (auf Bestand, auf ein Andauern) und Enttäuschungen vermeiden können.
Es kommt nicht selten vor, dass sich hierbei Protest regt. Denn der als erstrebenswert bezeichnete Zustand kann missverstanden werden als eine Geistesverfassung, in der wir entweder pessimistisch, nihilistisch, fatalistisch oder zumindest „kontaktlos“ durch unser Leben gehen sollen.

Im Dhammacakka Sutra, der ersten Dharmarede, die der Buddha hielt, lehrte er unter anderem, dass ein Anhaften im Sein (in der Existenz) genauso ungesund ist wie ein Anhaften im Nicht-Sein. Erstes ist unsere Situation ohnehin, zweites mit etwas Ausdauer erfahrbar. Dennoch, das ist nicht, was wir üben.

Wenn alle Dinge BuddhaDharma sind, gibt es Verblendung, Erwachen, Übung, Leben und Sterben, Buddhas und fühlende Wesen. Da die zahllosen Dinge ohne festes Ich sind, gibt es keine Verblendung, keine Erwachen, keinen Buddha, keine fühlenden Wesen, kein Leben und Sterben. Der Buddha-Weg reicht seinem Wesen nach weit jenseits von Kargheit und Fülle; daher gibt es Leben und Sterben, Verblendung und Erwachen, fühlende Wesen und Buddhas. Dennoch welken Blütenblätter während unserer Zuneigung und Unkraut sprießt in unserer Abneigung.

Dogen Zenji, Genjokoan


Normalerweise fassen wir den ersten Satz so auf, dass es Erwachte (Buddhas) und Unerwachte (fühlende Wesen) gibt und der Weg, welcher uns von hier nach dort führt, unsere Übung darstellt. Im zweiten Satz, der uns auch aus dem Herzsutra vertraut ist, folgt die Verneinung - keine Verblendung, kein Erwachen, kein Leben, kein Sterben. Häufig ist es gerade diese Sichtweise, die seit Nagarajuna im Zen betont wird und welche als ein Zustand der Überwindung von zum Beispiel „Haben wollen“, Anhaften, Wut, Zweifel, etc. bezeichnet wird.
Nicht so für Dogen.
Für ihn bedeutet Überwinden, was im dritten Satz beschrieben wird.
Wenn wir die Vier Edlen Wahrheiten auf der Grundlage von Prajna sehen - welche die Substanzlosigkeit aller Dinge erkennt, dann ist sowohl Sterben vorhanden wie auch kein Sterben und dennoch leiden wir, wenn Blumen welken.
Sind wir traurig, so sind wir einhundert Prozent traurig. Unsere Traurigkeit stellt in diesem Augenblick keinen Gegensatz zu Freude dar. Sind wir traurig, gibt es kein Ende. Wir sind vollkommen traurig.
Sind wir glücklich, so sind wir einhundert Prozent glücklich. Unser Glücklichsein stellt dann keinen Gegensatz zu unserer Traurigkeit dar.
Wir sind nicht halb und halb.

Beides sind in sich geschlossene, absolute, sozusagen perfekte Daseinszustände, innerhalb derer Blumen trotz unserer Fürsorge welken und Unkraut spriesst trotz unserer Abneigung.
Das ist der Weg, den wir üben.

Gassho, Juen

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Ein Zen-Berg zu Besuch an der Küste: Hozan Alan Senauke

Ein letzter Blick zurück: Fenster geputzt, Vorgarten geharkt, Essensliste am Kühlschrank, Fragen im Kopf - wir brausen los, winken erleichtert bei der Arbeitsabzweigung und fahren weiter, immer weiter, bis in die an diesem Montagmorgen sonnige Stadt an der Alster. Dort parken wir vor einem ansehlichen Hotel am Jungfernstieg. Ich gehe in die weitläufige Halle, schaue mich um - und halte inne. Etwas ist anders als in den sich oft verloren anfühlenden Eingangsbereichen eines Großstadthotels - etwas Weiches, Samtenes liegt im Raum.
An einem Tisch unterhält sich eine Gruppe tibetanischer Mönche mit einigen Laien. Daneben beherbergt ein riesigen Ledersessel einen älteren Herrn mit buschigen Augenbrauen, der sein I-Pad bearbeitet. „Oh“ sagt er zur Begrüßung. „Weißt Du, seine Heiligkeit ist gerade abgereist.“ Wir verbeugen uns voreinander, was sich in dieser Umgebung keineswegs seltsam anfühlt, und gehen zum Auto.
„Wo fahren wir eigentlich hin?“ fragt Alan beiläufig, während wir das Gepäck verstauen. Wir beide schauen uns an und finden keine Antwort.

Zuhause angekommen, wird zunächst einmal alles einer Generalinspektion unterworfen. Nach den Verbeugungen im Zendo - „Hmm, guter Raum“ - und unserem Bodhi, den der Burmabereiste sachkundig mustert, haben es Alan Senauke besonders unsere Instrumente angetan. Noch vor allem anderen werden Klangton und -Farbe der Doan-Instrumente einer musikalischen Gehörprobe unterzogen, wobei sogar die Brille aufgesetzt werden muss, um die jeweilige Herkunft der einzelnen Bestandteile unserer Rezitation zu mustern. Zufrieden widmet er sich danach Zazen-Glocke, Han und dem Rest des Hauses.

Es folgten dreieinhalb gefüllte Tage mit morgendlichem Zazen, Besuchen bei Sangha-Mitgliedern, Erkundungsfahrten in unsere schöne Umgebung, inklusive der Zazen-Räume in Schleswig sowie zwei Sangha-Abenden in Gettorf.
Alan Senauke, Vize-Abt des Berkeley-Zen Centers, dessen Dharma-Name „Form“ und „Leere“ vereint, ist ein traditionsbewusster Lehrer. Viele unserer Gespräche kreisten um die Herkunft unserer Praxis und deren mögliche Integrationswege in den westlichen Lebensraum. Seit über fünfundzwanzig Jahren lebt Alan mit seinem Lehrer, Sojun Mel Weitsman Roshi und deren Familien in diesem Zentrum. Mel Weitsman diente lange Jahre als Co-Abt des San Francisco-Zen Centers und gründete 1967 das Berkeley-Zen Center.
Unbenommen dieser alten Form des Miteinanders in der Übung und jahrzehntelanger Erfahrung im Dharma: wir konnten mehrfach seine kreative, sowohl praktische als auch sympathisch menschliche Art im Bezug auf die Interpretation von Dharma-Texten oder Zen-Formen zu bestaunen.
Genauso wahrt Alan in seiner Musik die Tradition, gibt ihr aber in seiner persönlichen Interpretation eine eigene Note und hält sie hiermit lebendig.

...Wenn der Weg dem Weg anvertraut wird, erlangen wir den Weg. Wenn wir den Weg erlangen, dann wird der Weg ohne Fehl dem Weg anvertraut.
...Wir schenken uns uns selbst und andere den anderen.

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In unserer Übung werde ich selbst mir selbst geschenkt. Ohne Fehl, was auch bedeutet: mit allen Ecken und Kanten - wettergegerbt, gebraucht, mit einem Sprung versehen, unförmig.
So wie weder geben noch empfangen alleine ausreichend sind, ist es auch nicht genug, nur nach innen zu schauen. Schauen und Handeln sind eins - samana-arthata (pali) - doji (zusammen-arbeiten) bedeutet „nicht gegen andere zu sein, im Einklang mit sich und anderen zu leben.“ Es bedeutet auch: eins zu werden mit der Handlung, die ich gerade ausführe. Das schließt mein Versagen ebenso ein wie die Überwindung von Widerständen.
Die Übung besteht darin, wie ich gebe, wie ich schenke und was. Das ist meine Verantwortung als Mensch. Dies steht im Kern unserer Praxis.
Wir alle haben es letzte Woche gesehen.

Gassho,
Juen



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Sangha

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Hungrige Reiskuchen im gemalten Leben

Im Rahmen des letzten Sanghatages haben wir uns, neben einer Oyryoki-Auffrischung, mit Dogens Kapitel „Gabyo - gemalte Reiskuchen“ beschäftigt.
Alan Senauke, der uns kommenden Monat besuchen werden wird, möchte unter anderem gerne hierüber sprechen und so war dies eine Einführung in ein Kapitel, in dem sich Dogen unter anderem mit unserer Vorstellungskraft, Imagination und Kreativität beschäftigt.

Ein alter Buddha, Meister Kyogen Chikan, sagte:
„Das Malen eines Reiskuchens sättigt keinen Hunger“.


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Dieser Satz wird Kyogen Chikan (China, ca. 820-898) zugeschrieben und war zur damaligen Zeit recht bekannt. Kyogen, der durch den Fall fünf des Mumonkans vielleicht einigen vertraut ist, war ein bekannter Wissenschaftler. Zusammen mit seinem Dharma-Bruder Isan lernte er unter Hyakujo. Eines Tages konnte Kyogen, der sonst immer sehr wortgewandt gewesen war, auf folgende Frage Isans keine Antwort geben: „Was ist Dein wahres Ich - das Ich, welches es gab, bevor Du geboren wurdest, bevor Du Ost von West unterscheiden konntest?“
Kyogen zermarterte sich den Kopf und schlug alle möglichen Antworten vor, die Isan allesamt zurückwies. Schlussendlich gab Kyogen auf und bat Isan, ihm bitte die richtige Antwort mitzuteilen.
Isan aber antwortete: „Was ich sage, gehört zu meinem eigenen Verständnis. Wie kann es Deinem geistigen Auge nützen?“
Kyogen vertiefte sich in alle seine Bücher und Notizen, welche er sich auf seiner Wanderschaft bei den Lehrern aller damals vorhandenen Zen-Schulen gemacht hatte. Nirgendwo war eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Da sagte er seufzend zu sich selbst: „Du kannst einen leeren Magen nicht mit Bildern von Reiskuchen füllen“.
Er packte seine Mönchsrobe zusammen, verbrannte alle seine Bücher, verließ Isan tieftraurig und heuerte als Friedhofswärter an.
Als er eines Tages die Wege fegte, traf ein Stein auf einen Bambusstamm. Isan horchte auf, vergass sich für eine Weile, brach dann in schallendes Lachen aus und wurde erleuchtet. Zurück in seiner Hütte, zündete er Räucherstäbchen an und dankte Isan von ganzem Herzen - auch dafür, ihm damals keine Antwort gegeben zu haben.

Dann schrieb er folgenden Vers:

Ein Schlag - alles verschwunden
Was gibt es noch für mich zu üben?
Was gibt es noch für mich zu bändigen?
Alles und jedes bezeugt den Weg der Alten.
Ich bewege mich voller Leichtigkeit und verspüre keinerlei Trübsinn.
Wo auch immer ich bin, hinterlasse ich keine Spuren.
Erwachen ist jenseits von Form und Klang.
All jene, die befreit sind in den zehn Richtungen
nennen es das Unübertreffliche.


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Der Satz mit dem Reiskuchen kann so verstanden werden, dass Theorien zwar wichtig und gut sind, aber wenn sie ohne Einfluss auf unsere Übung bleiben, keinen wirklichen Wert haben. Das kann für das damals oft ausgiebig praktizierte Rezitieren von Sutren genauso zutreffen wie auf ein besonders starkes (und striktes) Hervorheben der Form, z.B. während einer buddhistischen Zeremonie, der Zen-Formen insgesamt.
Heute würden wir ergänzen: zu viele Bücher, zu viele „you-tubes“ über andere Zentren, etc. helfen uns nicht wirklich weiter. Auch in unserem Zen gibt es inzwischen eine „Szene“, in der wir uns, wie in allen anderen Verbänden auch, verstecken können.
Hinzu kommt noch eine gewisse „Zen-Sprache“, die es ermöglicht, stundenlang über die Leere allen Seins zu philosophieren ohne dass etwas weitergetragen wird.
Das ist eines der typischen Paradoxe im Zen: „Still sitzen und nochmals still sitzen“ sowie: „Sag endlich etwas und verleih Deinem Sitzen Ausdruck“.
Beides ist wichtig, muss geübt werden, zusammenfließen, sich gegenseitig bereichern und in kontinuierlichem Austausch miteinander stehen.

kreis 3

Dogen wäre nicht Dogen, wenn er nicht den obigen Satz einfach weiter ausführen würde. In Gabyo erläutert Dogen, dass ein „gemalter Reiskuchen“ sehr wohl unseren Hunger sättigen kann. Für Dogen gibt es keinen Unterschied zwischen dem Bild des Reiskuchens und dem „echten“ Reiskuchen. Was sich in meinem Kopf befindet, ist genauso real wie das, was wir "Wirklichkeit" nennen.

Die Farben, die für Reiskuchen benutzt werden, sind die gleichen wie in der Malerei von Bergen und Flüssen. Um Berge und Flüsse zu malen, benötigt man blaugrüne und rote Farben. Um Reiskuchen zu malen, benötigt man Reismehl. Daher werden sie auf dieselbe Art gemalt und auf dieselbe Art untersucht.

Es gibt keine zwei Wirklichkeiten, eine im Kopf und eine in der Welt.
Drinnen ist draußen und draußen ist drinnen. Drinnen ist drinnen und draußen ist draußen.
Das setzt vieles in ein anderes Licht: unsere Wirklichkeit beginnt nicht allein mit unserer Wahrnehmung und schon gar nicht wird sie von außen an uns herangetragen.
Wir erschaffen sie fortwährend - mit unserer Intention, mit unseren Visionen, mit unserem Hunger.
Ihre Ausdrucksformen mögen noch so unterschiedlich sein, ihre Substanz noch so „ohne bleibendes Element“, noch so symbolisch oder „leer“ - Wirklichkeit kann erst entstehen, indem wir ihr - mit der uns eigenen Formenvielfalt - ein Gesicht verleihen. Auch das, was wir im Buddhismus als „leer“ und „ohne bleibende Gestalt“ bezeichnen, trägt einen Namen, hat eine Form - nachdem wir wieder am Marktplatz angekommen sind.
Form ist Leere: Manchmal wird im Zen vielleicht etwas zu stark betont, dass wir aus keiner bleibenden Substanz bestehen, unterschiedslos miteinander verwoben sind - „leer“ sind.
Leere ist aber auch Form, denn ohne uns gäbe es keines von beidem. Wir haben daher auch die Aufgabe, in Achtsamkeit der Leere Ausdruck zu verleihen - ob in den Zen-Formen wie beim Oryoki, bei der Rezitation, beim Kochen oder telefonieren.
Nur so werden wir frei von beidem - der Form, die uns gegeben ist, der Leere, die uns ausmacht sowie dem Haften am einen oder anderen.

Ein alter Buddha sagt:
Den Weg erlangen - tausend Schneeflocken erfüllen die Welt.
Grüne Berge malen - zahllose Rollbilder erscheinen.


Gassho,
Juen

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Besuch von Doko Waskönig Roshi

In einer vom Rat der DBU formulierten Orientierungshilfe für spirituell Suchende wird unter anderem die Frage gestellt: gibt es Kontakt und Austausch mit anderen Gruppen oder Lehrenden?
Am vergangenen Wochenende konnten wir einmal wieder erfahren, warum dies so wichtig ist: um uns selbst von einem etwas anderen Blickwinkel betrachten zu können, um gesehen zu werden, um all dies gemeinsam zu betrachten, um etwas zu lernen.
Um die eigene Übung angesichts der für uns frischen Worte des Dharmas überprüfen zu können.
Wie könnte dies besser geschehen als durch den Besuch einer der bekanntesten Soto-Zen-Lehrerinnen Deutschlands?
So waren dies beste Voraussetzungen für einen zweiten Sangha-Tag in neuen Räumen, die schon etwas weniger ungewohnt erschienen, hervorgehoben durch strahlendes Nordlicht, einem aufkeimenden Frühling und unseren neuen Bodhi. Der Ablauf war, bis auf einige Klippen während des Oryoki in für uns neuer Form, sehr harmonisch. Er folgte einem immer entschiedenerem Fluss, wie er sich nur durch die kontinuierliche gemeinsame Übung von inzwischen neun Jahren ausbilden kann.
In Harmonie mit dem kristallklaren Tag wurden wir nicht nur mit der reinen Anwesenheit, die an sich bereits eine Form der Lehre darstellt, sondern auch mit einem sehr beeindruckenden Dharma-Vortrag belohnt, in der sich Doko Roshi den Grundlagen unserer Übung, ausgehend von jener berühmten Passage aus Meister Dogens Genjokoan, widmete:

Den Erleuchtungsweg zu studieren bedeutet, das Selbst zu studieren. Das Selbst zu studieren, bedeutet, das Selbst zu vergessen. Das Selbst zu vergessen, ist von zahllosen Dingen verwirklicht zu werden. Wenn durch zahllose Dinge verwirklicht, fällt Dein Körper und Geist und der Körper und Geist aller anderen ab. Keine Spur des Erwachens verbleibt, und dieses "Ohne-Spur" besteht für immer.

bdi blog


Gewahr werden.
Was ist? Was passiert jetzt gerade? Das kann mit so scheinbar einfachen Dingen wie meiner Körperhaltung beginnen.

Untersuche die Welt im Augenblick des Sitzens. Ist sie senkrecht oder waagrecht? Im Augenblick des Sitzens, was ist Sitzen? Ist es der grazile Salto eines Artisten oder das pfeilschnelle Sausen eines Fisches? Ist es Denken oder Nicht-Denken? Ist es Tun oder Nicht-Tun? Ist es Sitzen inmitten des Sitzens? Ist es Sitzen inmitten des Körper-Geistes? Ist es das Sitzen und das Loslassen des Sitzens inmitten des Sitzens oder ist es das Loslassen des Sitzens inmitten des Körper-Geistes? Untersuche dies auf alle nur erdenkliche Weisen. Sitze in der Körperhaltung der Meditation. Sitze in der Geisteshaltung der Meditation. Sitze in der Meditationshaltung des Loslassens von Körper und Geist.
Eihei Dogen: Zanmai o Zanmai

Entfalten.
Haben wir uns eingehend damit beschäftigt, eine Bestandsaufnahme aller Dinge unseres Hauses zu erheben, geht es ans „Putzen und Fegen“. Es ist möglich, Dinge wie Gier, Hass und Unwissenheit so lange zu entstauben, bis sie in Großzügigkeit, Güte und Weisheit übergehen. Nur wenn wir alle unsere Gäste einladen, können wir frei werden von Gastgeber, Gast und Haus, frei für das Kultivieren des leeren Feldes.

P1020493


Sich überlassen.
Immer wenn ich denke, es besser zu wissen, als das Leben, werde ich leiden. Immer wenn ich denke, etwas bleibendes Schaffen zu können, werden meine Spuren in Vergessenheit geraten. Wir alle wissen, wie es ist, wenn jemand unheilsames Karma hinterlässt. Wir sprechen oft davon, gutes Karma zu hinterlassen. Können wir auch so vollkommen in unserem Tun verschwinden, dass „keine Spur“ mehr zu sehen ist?
Dann sind unsererseits weder gute noch schlechte Töne zu hören: das gesamte Universum im Einklang.

Jedoch kann ein Vogel die Fährten von hunderten oder tausenden kleiner Vögel sehen, welche in Scharen vorbeigeströmt sind oder die Fährten von vielen großen Vogelzügen, die nach Norden oder nach Süden geflogen sind. Diese Spuren mögen sogar deutlicher sein als Wagenspuren auf einer Straße oder Hufabdrücke eines Pferdes im Gras. Auf diese Weise sieht ein Vogel eines Vogels Fährte.
Eihei Dogen: Yuibutsu Yobutsu

Gassho,
Juen

Besuch DWR web

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Dotoku

Wir haben ein weiteres Kapitel aus dem Shobogenzo übersetzt: Dotoku - Ausdruck des Weges, der Wahrheit.
Dieses Kapitel handelt davon, inwiefern und warum es so wichtig ist, unserem Weg, unserer Wahrheit Ausdruck zu verleihen, mit Körper, Geist und jenem, was dazwischen liegt.

Ein Mönch fragte Joshu:
„Welche Bedeutung hat Bodhidharmas Kommen aus dem Westen?“
Joshu antwortete: „Der Eichbaum dort im Garten“.
Mumonkan


Alle Koans handeln davon, wie wir unserem Erkennen Ausdruck verleihen können, sollen. Die Umstände hierbei sind immer die gleichen: an uns wird eine Frage gestellt, die wir beantworten müssen. Sonst kommen wir „nicht weiter“.
Diese vielleicht etwas stilisierte Form der Übung bildet unser Leben in kondensierter Form ab: wir können nicht umhin, uns gewissen Fragen zu stellen und so lange nach einer Antwort zu suchen, bis wir sie gefunden haben. Wir können ferner nicht umhin, unserer Praxis Ausdruck zu verleihen.

Haben wir nach ein paar Jahren eine gewisse körperliche Verankerung im Zazen erreicht, ist es hier genauso wie andernorts möglich, mich in mein Kissen zu verstecken.
Ich kann dort alles tun: das Nicht-Denken denken, träumen, Wutausbrüche pflegen oder großartige Pläne zur Verbesserung unserer Erde schmieden - kaum einer wird hiervon etwas mitbekommen. Vielleicht werden wir ein wenig ruhiger. Immerhin.
Obschon im Zen gilt: „Sei still und sitze“ - für zwei Jahre, zwanzig Jahre, zweihundert Jahre ... reicht unser Streben weit über das blanke Sitzen, die heilsame Tiefenentspannung, hinaus.

Ohne Ausdruck, ohne sichtbare Verwirklichung dessen, was wir auf dem Kissen erfahren, bleibt unser Sitzen unreif, uninspiriert, leblos. Buddha - jener und jener - muss am Leben erhalten werden, muss sich zeigen. Das geht nur durch und mit uns. Sonst betreiben wir bestenfalls Enzyklopädie und sollten vielleicht besser Briefmarken sammeln, einen Baum pflanzen oder die Kinder zum Turnen begleiten.

Das Selbst hoch halten und die zahllosen Dinge beleuchten, ist Verblendung. Dass die zahllosen Dinge hervorkommen und das Selbst beleuchten, ist Erwachen.
Genjokoan


Keine Befreiung ohne Ausdruck. Freiheit und Ausdruck gehören zusammen wie „der Fuß voran und der Fuß hintan“. Sonst können weder die zahllosen Dinge hervorkommen noch das Selbst verschwinden.
Wir sollten beiden diese wundervolle Chance geben.

Gassho, Juen


hands

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Glaube nichts! Glaube alles, alles!

„Sich nicht auf Wort und Schrift zu verlassen“ gilt, seit Zen in China einzog, als einer der Grundsätze unserer Übung.
„Ein gemalter Reiskuchen macht nicht satt“ - wir müssen unsere Erfahrungen selber machen, sie können nicht erlernt, erlesen oder kopiert werden.
In leuchtendem Rot prangte über der riesigen Spüle in Kalifornien: „Glaube nichts!“

Das ist die eine Seite und es ist vielleicht diejenige, die manchen von uns im Zen anfangs gut gefällt. Endlich müssen wir nichts mehr glauben! Vor allem: müssen wir nicht erst sehr lange glauben, bevor irgendetwas geschieht. Und: wir müssen all das nicht glauben, was wir ohnehin noch nie so richtig glauben konnten, tief in unserem Innersten.
Wir können ab jetzt unsere eigenen, ureigenen Erfahrungen machen - unbenommen äußerer Vorgaben wie „richtig“ und „falsch“. Die Wertung ist uns vollkommen selbst überlassen. Nur wir selbst wissen, ob unsere Erfahrungen echt sind oder bloß eine weitere Spiegelung von außen.
Wir können munter darauf los erfahren und neugierig endlich, endlich unsere eigenen Erfahrungen machen. Ein anderes Leben erscheint.

Allerdings: wir kommen nicht umhin, hierfür einiges abzulegen. Denn um „das Gesicht zu wenden und das Mark zu erzielen“ müssen wir in vieler Hinsicht von vorne anfangen. Komplett. Zurück auf Null. In vielem, was uns vollkommen selbstverständlich erscheint.
Wie wenn wir eine ganz neue Sprache lernen. Zumindest habe ich mich lange so gefühlt.

Machen wir eine Liste von Dingen, die wir an uns schätzen, die wir in unserem Leben mögen. Fügen wir noch unsere wichtigsten Umgangsmechanismen mit unliebsamen Situationen hinzu. Und Dinge, von denen wir felsenfest überzeugt sind. Vergessen wir ein für alle Male das Wörtchen „man“ oder Satzanfänge wie: „Ich habe gelesen...“, „in soundso steht aber...“. Da ist noch mehr, was wir ablegen sollten, um dichter herantreten zu können. Es geht immer noch ein wenig näher.
Das ist der Preis. Er ist hoch. Für viele ist er zu hoch.
Das ist die eine Seite.

Gleichzeitig ist unsere Übung unmöglich, ohne zu glauben. In der gesamten Geschichte des Buddhismus, noch lange vor der Entwicklung des Zen, hat Glaube, shraddha in Sanskrit, im Leben der Meditierenden eine große Rolle gespielt.
Auch hier, wie in so vielen anderen religiösen Traditionen, hilft es sehr, zu glauben. Zunächst.
Jemand kommt zum ersten Mal zu uns und wir rezitieren das Herzsutra, einen Text auf altjapanisch. Beim Mitsingen glauben wir, dass dies auf Schriften beruht, die etwa im achten Jahrhundert von Indien nach China gelangten. Wir glauben, dass ihr Inhalt im Kern mit dem, was wir selbst für gut halten, übereinstimmt.
Gerade am Anfang beim Sitzen hilft es enorm, zu glauben, dass diese unbequeme Haltung wirklich gesund und heilsam ist. Unterstützend wirkt hierbei die jahrtausendelange Tradition, aber sie ist kein Garant.
Nach einer Weile wird der Sitzende die Lehren Buddhas mit seinen eigenen Erfahrungen verbinden und von jetzt an vermengt sich Erfahrungs“wissen“ mit Glauben.
Im Gegensatz zum Beispiel zum Christentum, in dem Glaube immer eine zentrale Rolle spielt, wird im Laufe unserer Übung unser anfänglicher Glaube verwandelt. Wie alle Meister nicht müde werden zu betonen, machen wir einen großen Unterschied zwischen dem Glauben, dass wir kein eigenständiges Ich besitzen und der Erfahrung, dass es tatsächlich so ist.


Es gibt ganz verschiedenen Arten von Glaube: an bestimmte Worte oder Personen. An Dinge, die ich nicht nachprüfen kann. Glaube, der daraus resultiert, weil etwas sich ständig wiederholt wie: mitten im tiefsten Winter - irgendwann Frühlingserwachen.

Glaube im Buddhismus zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass unsere Übung irgendwann die Wahrheit bezeugen wird - unsere eigene Buddha Natur.
Daher konnte der Buddha sagen: „Das große Tor der Lehre Buddhas wird geöffnet durch die Tür des Glaubens“.

Dogen Zenji:
„Wenn alle Dharmas diese (eine) Wirklichkeit bezeugen - sie zeigen -, dann ist das so, selbst für ein Staubkorn, für Gräser, für Bäume. Der eine Geist ist das Dharma, alle Dharmas sind der eine Geist, sind der gesamte Körper“.
Auch Meister Mazu‘s „Dieser Geist ist Buddha“ besagt nichts anderes.
Es gibt nichts außerhalb Buddha.

Ohne Glauben an diesen Weg könnten wir uns nicht so regelmäßig treffen. Wir glauben an die Grundlagen für ethisches Handeln, an ihren Erhalt, an die beschützende Kraft unserer Rakusu, an die Vier Gelöbnisse, an die Zufluchtnahme, an unsere Reue. Unsere Übung ist auch Glaube.

Zazen ist Glaube.
Wie sonst wollen wir erklären, dass wir nach nichts suchen, nichts anstreben, nichts „denken“? Stundenlang. Unser Leben dafür umkrempeln. Uns immer wieder hinsetzen. Seit Jahren. Unter teilweise nicht unerheblichen körperlichen und seelischen Schmerzen?

Das „Selbst vergessen“ ist Glaube. Unser endloses Suchen nach Bestätigung, nach Geschichtenerzählen und Gewinn erhaschen wird umso kleiner, desto mehr unser Glaube wächst.
Worin? Uns in Buddhas Haus zu werfen, werfen zu können. Uns jenem anderen zu überantworten, das wir Buddha nennen. Allem anderen. Es erscheint, wenn wir „shinjin datsuraku“ erfahren, das Abfallen von Körper und Geist.

In unserem Zazen geschieht dies. Ob wir es wahrnehmen oder nicht. Echtes Zazen - nicht sitzen und Denken denken, nicht sitzen und Dramen erfinden, sondern echtes Zazen - ist eine Handlung, die frei ist von jeglicher Selbstbesorgtheit.
Wir bilden keine Meinungen, wir haften nicht an, wir verabscheuen nicht.
Während dieses Zazen halten wir alle Precepts ein.
Während dieses Zazen haben wir das Selbst vergessen.
Während dieses Zazen sind wir Buddha.
Ob wir es glauben oder nicht.

Gassho,
Juen


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Suzuki's Zen

Unser Sangha-Tag November war dem Aufenthalt in San Francisco/Berkeley und dem „Zen Translation Forum“ gewidmet. Nach etwa drei Stunden Zazen beendeten wir den formalen Teil und widmeten uns bei Tee, „blue-“ bzw. „cholocate-“ Chips, unseren Erlebnissen, die von Nanzan in eine musikalisch untermalte Bildergalerie verwandelt worden war. Der Abend endete zu den Klängen der „Old songs from the Southern School“. Eine Reise endet. Eine neue beginnt. Vielen Dank für Euer Zazen, Euer Kommen, Hören und Lauschen.

Gassho, Juen



Der Besuch in San Francisco führte uns zunächst in die zentral gelegene Page Street zum „City Center“. Das ältere Haus im sympathischen Neuengland-Stil entpuppt sich innen als überaus geräumiges, aus insgesamt drei Stockwerken bestehendes Gebäude, in dem etwa fünfzig Zen-Übende sowie mehrere Lehrer wohnen.
Im Erdgeschoß befindet sich neben einem Buchladen auch ein römisch anmutender Innenhof, der von einem Säulengang gesäumt wird. Überall im Haus trifft man auf Spuren von Shunryu Suzuki in Form von Portraits, Kalligraphien oder Photos. Das Haus, eine ehemalige Schule, wirkt trotz seiner Weitläufigkeit wohnlich, westlich, mit seinen vielen Sitzgelegenheiten und dekorativen Ecken zum Verweilen beinahe gemütlich. Die in mehr als vierzig Jahren erworbene Sitzenergie bleibt spürbar, selbst bei einer gewissen Geschäftigkeit, die dieses Haus zu bewohnen scheint.


Trotz der zahllosen antiken Raritäten und großformatiger Bilder wirkt der Gemeinschaftsbereich schlicht. Sein Essen schöpft man sich aus riesigen Töpfen, die auf einem Herd, der beinahe so groß ist wie die gesamte Küche in Lindau, bereit gestellt werden.
Im City Center lehren etwa 5-6 Zen-Lehrer, jetziger Abt ist der aus Irland stammende Paul Haller. Unser Eindruck bestätigte, was wir bereits von der Website erfahren hatten: hier finden eine Vielzahl von Kursangeboten statt, die von engagiertem Buddhismus mit lokaler Sozialarbeit über Möglichkeiten zum künstlerischen Ausdruck bis zu Textstudium reichen.
Etwa fünfzig Minuten weiter nördlich liegt Green Gulch Farm, die dem Zen Center von einem Amerikaner vor ein paar Jahrzehnten zur Verfügung gestellt wurde.
Auch das, wie so vieles, was wir gesehen haben, konnte nur auf dem Boden einer beeindruckenden Spendenbereitschaft für das Dharma geschehen. Überall befinden sich Dana-Behälter und im Laufe des Dogen-Wochenendes wurde der spirituelle Leiter, Steve Stücky, nicht müde daran zu erinnern, dass die Eintrittsgebühr Flugkosten, Unterkunft und abendliches Essen für die Vortragenden nicht abdecken können. Spontan spendete eine ältere Dame 500 Dollar für die Premiere der „Livestream“-Übertragung, eine weitere 3000 Dollar für eine Kalligrafie von Kaz, welche sie wiederum dem Zen Center spendete.
Mahlzeiten oder Pausenverpflegung waren für die Teilnehmer unentgeltlich, mit überall gut sichtbaren Spendenboxen vom Ausmaß einer Schatztruhe. Wiederholt wurde an die „Wunschlisten“ erinnert - im Klostermagazin und an bestimmten Informationsständen ausgehängte Listen von Dingen, die benötigt werden.

Das Wochenende wurde von insgesamt 12 freiwilligen Helferinnen und Helfern unterstützt. Die nebenbei entstandene Begleit-DVD zum Film über Dogen wurde ebenfalls von freiwilligen Kameraleuten durchgeführt.


Zen ist angekommen in diesem reich beschenkten Staat am Pazifik.
Ein paar Mal wurden wir in Geschäften nach dem Grund unserer Reise gefragt und erhielten neugierige und überwiegend freundliche, teilweise auch recht kenntnisreiche Fragen über unsere Übung.
Ausnahmesituation oder Vorbote für die Entwicklung bei uns in den kommenden zehn, zwanzig Jahren?
Kaz berichtete, dass damals, vor etwa fünfunddreißig Jahren, alle Welt ihn davon abhalten wollte, Dogen zu übersetzen: zu schwer, zu lang und außerdem: gab es bereits zwei veröffentlichte Ausgaben.
Er hat nie an der Sinnhaftigkeit seines Unterfangens gezweifelt, ebensowenig die Verantwortlichen des San Francisco Zen Centers, die ihm dabei finanzielle Unterstützung über mehr als eine Generation hinweg zugesagt haben. Vielleicht auch deswegen sein kontinuierliches Bemühen um eine Fortsetzung der bisherigen Übersetzungen Dogens ins Deutsche.

Wir waren zu kurz dort, um tiefere Einblicke in die Strukturen und Umgangsweisen miteinander zu haben. Nach der durch den Nachfolger von Shunryu Suzuki verursachten Erschütterung hat sich das Zen-Center neu strukturiert, die jeweiligen Äbte (vier insgesamt) werden für einen befristeten Zeitraum gewählt, in insgesamt über neunzig Gremien werden Entscheidungen gemeinsam getroffen. Es hat den Anschein, als ob für etwaige Unebenheiten, zum Beispiel zwischen Lehrer und Schüler, ein Forum besteht, in dem diese Dinge gegebenenfalls offen angesprochen werden können. Trotz der Kürze der Zeit und der gewissen Ausnahmesituation, die bei größeren Ereignissen dieser Art immer entsteht, waren wir überrascht durch die freundliche und offene Art, mit der auch die Lehrer uns gegenüber traten. Alan Senauke, Vize-Abt des Berkeley Zen-Centers und langjähriger Präsident des von Robert und Anne Aitken 1978 auf Hawaii gegründeten Buddhist Peace Fellowship, beschreibt Shunryu Suzuki so: „He was just somone you loved to be with“. Das ist bis heute spürbar und ein lebendiges Beispiel dafür, was gutes Karma vermag.

Die Green Gulch Farm besteht aus mehreren Gebäudekomplexen:
- einem wunderschönen Zendo, das seinen rustikalen Charakter durch die freiliegenden alten Holzbalken unterstreicht, umsäumt von einer breiten Veranda, die auch für Kinhin genützt wird.
- einem Teehaus, nach japanischen Vorgaben erbaut und von einem japanischen Garten umgeben.
- einem Konferenzgebäude, Essensräumen, Hauswirtschaft und der Küche.
- Bibliothek, kleinem Laden und der „Wolkenhalle“ für die Bewohnerinnen und Bewohner sowie kleineren anliegenden Bereichen für die Lehrer.
- sowie einem weitläufigem Gärtnereibetrieb, der als einer der ersten ökologische Landwirtschaft anbot, vor allem Gemüse. In einer stillen Ecke befindet sich ein Erinnerungsgarten.

Von den Gärten und Anbaugebieten führt ein Pfad durch Seegrasfelder und Dünen zum Strand, wo der Pazifik seine kräftigen Wellen an dunklen Felsen auslaufen lässt.

Ein Mal im Monat findet zu Beginn des Dharma-Vortrages eine Viertelstunde lang Austausch mit den kleinen Buddhas statt - Kindern-, an diesem Sonntag zwischen fünf und zehn Jahre alt. Still lauschen sie dem fremdländischen Herrn mit seinem langen Bart, der ihnen die Kunst des Gemüse-Einmachens näher bringt und zum Schluss empfiehlt, die neue Ausgabe des Shobogenzo zum Beschweren der Einmachgläser zu benutzen.
Verdutzt verlassen die Kleinen den Raum...

Neben diesen beiden gehört noch das in den kalifornischen Bergen gelegene Kloster Tassajara zum Komplex des Zen Centers. An der Stelle, an der bereits die Ureinwohner Amerikas wegen der heißen Quellen zusammenkamen, gründete Shunryu Suzuki 1967 das erste Zen-Kloster außerhalb Asiens. Neben den zwei intensiven Übungseinheiten im Herbst/Winter (von Ende September bis Mitte April) und einer Arbeitseinheit von etwa einem Monat lebt Tassajara von seiner Sommerperiode, in der es für alle Besucher öffnet, die das berühmt gute Essen, die schöne Natur und den Badebereich genießen möchten. Daneben besteht ein reiches Angebot in Zen, Yoga, Kreativität und Achtsamkeitstraining.

Das San Francisco Zen Center hat zahlreiche angegliederte Gruppen. Die Spannbreite reicht von etablierten Zentren mit eigenem Lehrer vor Ort bis hin zu Sitzgruppen, die Schülerinnen und Schüler gegründet haben und wo man ein Mal pro Woche zum Zazen zusammenkommt.
Eines der etabliertesten Zentren darunter ist das Berkeley Zen Center, welches 1967 von Shunryu Suzuki mit Hilfe seines damaligen Schülers Mel Weitsman gegründet wurde, dem heutigen Abt. Das Berkeley Zen Center liegt mitten in einem Wohngebiet und ist von außen kaum als solches zu erkennen. Durch einen schmalen Gang betritt man einen kleinen Innenhof, um den insgesamt vier Gebäude gruppiert sind, in denen etwa zehn Zen-Übende sowie ein Zen-Lehrer mit seiner Familie wohnen. Das Zendo ist etwas höher gelegen, besteht aus viel Holz, wirkt nicht so beeindruckend wie die oben erwähnten, dafür aber umso überschaubarer.

Damit nicht genug... hatte das Zen Center Anfang der siebziger Jahre die Idee zu „Greens“ - (Grünzeug) - dem zuvor erwähnten Restaurant, das sich in einer Lagerhalle mit Blick auf die Golden Gate Brücke befindet. Sie bestand damals darin, das Zen Center finanziell zu unterstützen und durch gute, gesunde Kost die Übung einem breiteren Publikum näher zu bringen. Was wäre hierfür besser geeignet als unser Gaumen? Edward Espe Brown („How to cook your life“) verhalf mit seinen inzwischen zu Klassikern avancierten Kochbüchern nicht nur Tassajara zur Eröffnung einer Bäckerei in San Francisco, sondern machte auch Zen einem breiteren Publikum bekannt. Die Verbindung zwischen dem Zen Center und dem Restaurant ist bis heute vorhanden, wenngleich keine Mönche mehr dort kochen.


Am Abend nach unserer Rückkehr kamen wir zu Rezitationstraining und unserem Donnerstags-Zazen zusammen. Draußen stürmte es, drinnen gutes Sitzen, unisones und kraftvolles Singen - kein besserer Ort, nirgends!

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