Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Glaube nichts! Glaube alles, alles!

„Sich nicht auf Wort und Schrift zu verlassen“ gilt, seit Zen in China einzog, als einer der Grundsätze unserer Übung.
„Ein gemalter Reiskuchen macht nicht satt“ - wir müssen unsere Erfahrungen selber machen, sie können nicht erlernt, erlesen oder kopiert werden.
In leuchtendem Rot prangte über der riesigen Spüle in Kalifornien: „Glaube nichts!“

Das ist die eine Seite und es ist vielleicht diejenige, die manchen von uns im Zen anfangs gut gefällt. Endlich müssen wir nichts mehr glauben! Vor allem: müssen wir nicht erst sehr lange glauben, bevor irgendetwas geschieht. Und: wir müssen all das nicht glauben, was wir ohnehin noch nie so richtig glauben konnten, tief in unserem Innersten.
Wir können ab jetzt unsere eigenen, ureigenen Erfahrungen machen - unbenommen äußerer Vorgaben wie „richtig“ und „falsch“. Die Wertung ist uns vollkommen selbst überlassen. Nur wir selbst wissen, ob unsere Erfahrungen echt sind oder bloß eine weitere Spiegelung von außen.
Wir können munter darauf los erfahren und neugierig endlich, endlich unsere eigenen Erfahrungen machen. Ein anderes Leben erscheint.

Allerdings: wir kommen nicht umhin, hierfür einiges abzulegen. Denn um „das Gesicht zu wenden und das Mark zu erzielen“ müssen wir in vieler Hinsicht von vorne anfangen. Komplett. Zurück auf Null. In vielem, was uns vollkommen selbstverständlich erscheint.
Wie wenn wir eine ganz neue Sprache lernen. Zumindest habe ich mich lange so gefühlt.

Machen wir eine Liste von Dingen, die wir an uns schätzen, die wir in unserem Leben mögen. Fügen wir noch unsere wichtigsten Umgangsmechanismen mit unliebsamen Situationen hinzu. Und Dinge, von denen wir felsenfest überzeugt sind. Vergessen wir ein für alle Male das Wörtchen „man“ oder Satzanfänge wie: „Ich habe gelesen...“, „in soundso steht aber...“. Da ist noch mehr, was wir ablegen sollten, um dichter herantreten zu können. Es geht immer noch ein wenig näher.
Das ist der Preis. Er ist hoch. Für viele ist er zu hoch.
Das ist die eine Seite.

Gleichzeitig ist unsere Übung unmöglich, ohne zu glauben. In der gesamten Geschichte des Buddhismus, noch lange vor der Entwicklung des Zen, hat Glaube, shraddha in Sanskrit, im Leben der Meditierenden eine große Rolle gespielt.
Auch hier, wie in so vielen anderen religiösen Traditionen, hilft es sehr, zu glauben. Zunächst.
Jemand kommt zum ersten Mal zu uns und wir rezitieren das Herzsutra, einen Text auf altjapanisch. Beim Mitsingen glauben wir, dass dies auf Schriften beruht, die etwa im achten Jahrhundert von Indien nach China gelangten. Wir glauben, dass ihr Inhalt im Kern mit dem, was wir selbst für gut halten, übereinstimmt.
Gerade am Anfang beim Sitzen hilft es enorm, zu glauben, dass diese unbequeme Haltung wirklich gesund und heilsam ist. Unterstützend wirkt hierbei die jahrtausendelange Tradition, aber sie ist kein Garant.
Nach einer Weile wird der Sitzende die Lehren Buddhas mit seinen eigenen Erfahrungen verbinden und von jetzt an vermengt sich Erfahrungs“wissen“ mit Glauben.
Im Gegensatz zum Beispiel zum Christentum, in dem Glaube immer eine zentrale Rolle spielt, wird im Laufe unserer Übung unser anfänglicher Glaube verwandelt. Wie alle Meister nicht müde werden zu betonen, machen wir einen großen Unterschied zwischen dem Glauben, dass wir kein eigenständiges Ich besitzen und der Erfahrung, dass es tatsächlich so ist.


Es gibt ganz verschiedenen Arten von Glaube: an bestimmte Worte oder Personen. An Dinge, die ich nicht nachprüfen kann. Glaube, der daraus resultiert, weil etwas sich ständig wiederholt wie: mitten im tiefsten Winter - irgendwann Frühlingserwachen.

Glaube im Buddhismus zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass unsere Übung irgendwann die Wahrheit bezeugen wird - unsere eigene Buddha Natur.
Daher konnte der Buddha sagen: „Das große Tor der Lehre Buddhas wird geöffnet durch die Tür des Glaubens“.

Dogen Zenji:
„Wenn alle Dharmas diese (eine) Wirklichkeit bezeugen - sie zeigen -, dann ist das so, selbst für ein Staubkorn, für Gräser, für Bäume. Der eine Geist ist das Dharma, alle Dharmas sind der eine Geist, sind der gesamte Körper“.
Auch Meister Mazu‘s „Dieser Geist ist Buddha“ besagt nichts anderes.
Es gibt nichts außerhalb Buddha.

Ohne Glauben an diesen Weg könnten wir uns nicht so regelmäßig treffen. Wir glauben an die Grundlagen für ethisches Handeln, an ihren Erhalt, an die beschützende Kraft unserer Rakusu, an die Vier Gelöbnisse, an die Zufluchtnahme, an unsere Reue. Unsere Übung ist auch Glaube.

Zazen ist Glaube.
Wie sonst wollen wir erklären, dass wir nach nichts suchen, nichts anstreben, nichts „denken“? Stundenlang. Unser Leben dafür umkrempeln. Uns immer wieder hinsetzen. Seit Jahren. Unter teilweise nicht unerheblichen körperlichen und seelischen Schmerzen?

Das „Selbst vergessen“ ist Glaube. Unser endloses Suchen nach Bestätigung, nach Geschichtenerzählen und Gewinn erhaschen wird umso kleiner, desto mehr unser Glaube wächst.
Worin? Uns in Buddhas Haus zu werfen, werfen zu können. Uns jenem anderen zu überantworten, das wir Buddha nennen. Allem anderen. Es erscheint, wenn wir „shinjin datsuraku“ erfahren, das Abfallen von Körper und Geist.

In unserem Zazen geschieht dies. Ob wir es wahrnehmen oder nicht. Echtes Zazen - nicht sitzen und Denken denken, nicht sitzen und Dramen erfinden, sondern echtes Zazen - ist eine Handlung, die frei ist von jeglicher Selbstbesorgtheit.
Wir bilden keine Meinungen, wir haften nicht an, wir verabscheuen nicht.
Während dieses Zazen halten wir alle Precepts ein.
Während dieses Zazen haben wir das Selbst vergessen.
Während dieses Zazen sind wir Buddha.
Ob wir es glauben oder nicht.

Gassho,
Juen


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