Wind & Wolken Sangha
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Patacara

Patacara ist eine prominente Figur im frühen Buddhismus. Sie lebte im sechsten Jahrhundert v.u.Z. und entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Savatthi, das im Königreich von Kosala lag.
Der Pali-Kanon beschreibt sie als eine der Schülerinnen Buddhas, die sich ausführlich mit dem Vinaya beschäftigte, einer Sammlung buddhistischer Ordensregeln, die zu Zeiten des Buddhas entstand.
Um ihr Leben, bevor sie dem Buddha begegnete, rankt sich eine Anekdote, die sie in kurzer Zeit den Tod ihres Ehemannes, ihrer beiden kleinen Söhne, ihres Bruders und ihrer Eltern erfahren lässt.
Verstört vor Schmerz und Trauer wanderte sie nackt umher, bis sie an einem Ort ankam, an dem der Buddha lehrte. Seine Mönche wollten sie wegschicken, aber der Buddha meinte:
„Schwester, komm zu Dir“.
Sodann wurde ihr bewusst, dass sie nackt war. Jemand schenkte ihr einen Umhang, dann berichtete sie dem Buddha von ihren Tragödien und bat ihn um Hilfe.
Der Buddha sagte: „Ich kann Dir nicht helfen. Zahllose Leben hindurch hast Du Deine Liebsten beweint. Deine Tränen füllen die vier Ozeane. Aber niemand kann sich ein Versteck vor dem Leiden sichern. Ein weiser Mensch erkennt dies und geht den Weg des Erwachens.“
Seine Worte beruhigten sie. Patacara schloss sich seiner Sangha an.

Es ist bemerkenswert, dass der Buddha als spiritueller Lehrer zu jemandem in großer Not als erstes sagt, er könne hier leider nicht helfen.
Radikaler kann er nicht sagen, wohin die Richtung deutet: nicht nach „außen“ - dorthin, wo es vieles gibt, was anzuschuldigen wäre. Die Sturmflut, die Schlange, das Feuer, den Adler. Unseren Chef, unser Wetter, den Verkehr, unsere Kindheit, unsere Eltern. Es ist endlos.
Radikaler kann er auch nicht sagen, dass wir in einer Opferrolle immer leiden werden. Wir jedoch, und auch das deutet er in seinen kurzen Sätzen so wunderbar an, sind weitaus mehr als unsere Trauer, unsere Geschichte, unsere „Gene“. Und wir haben ein unschätzbares Pfand, das in der Lage ist, unsere Sichtweise zu verändern: unsere Geistesgegenwart.
Deutlicher kann er auch nicht sagen, was wir oft nicht hören möchten: die erste der Edlen Wahrheiten - im Leben ist Leiden.
Im Leben ist auch vieles andere, aber Leiden ist ein unübersehbarer Teil des Ganzen. Wenn wir das annehmen könnten, bräuchten wir uns nicht widersetzen, müssten uns nicht länger als Opfer fühlen und könnten all die hierfür aufgewandte Energie in etwas Kreativeres stecken - zum Beispiel der Praxis des Dharmas.
Aber die Episode ist vielleicht auch wegen Patacaras Reaktion überliefert worden: seine Worte beruhigten sie. Da strandet sie vor ihm, verrückt vor Schmerz, vollkommen vulnerabel, nackt, bittet innständig um Hilfe und dieser große Lehrer antwortet, er könne nicht helfen.
Und sie ist beruhigt?
Sie ist beruhigt, weil sie die Wahrheit hört: das Leben ist vergänglich. Niemand kann ihr helfen außer sie selbst.

Wenn wir Wahres hören, werden wir verändert. Diese Wahrheit, sie kommt nicht wirklich „von außen“. Sie bringt etwas in uns zum Schwingen. Sie erzeugt ein Echo. Sie bestätigt eine heimliche Vermutung. Weil etwas gesagt wurde, das uns bekannt vorkommt und das schon sehr lange tief innen in uns schlummert. Und das nunmehr gehört und angeschaut wurde. Weil wir damit eine Verknüpfung wiederherstellen, die irgendwann durchtrennt wurde: zu uns selbst und zu jenen vermeintlichen Tätern „da draußen“. Weil wir hiermit wieder ein Stück mehr wir selbst geworden sind.
Und das ist überaus beruhigend.

Gassho, Juen


buidl











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