Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Sep 2013

Einfach warten

Wirf eine Münze in den Fluss und suche nach ihr.
Dogen Zenji


Eine schöne Woche mit Alan Hozan Senauke liegt hinter uns, die ihren Abschluss in einem Sesshin mit anschließender Jukai-Zeremonie fand. Es war gleichzeitig auch die Gelegenheit, unser Zendo samt dem fast fertigen Teeraum durch viele Bodhisattva-Füße einzuweihen und auch ein guter Anlass, fast alle verfügbaren, wunderschönen Oryoki-Bänkchen zu benutzen.
Vielen Dank für Euer Kommen!

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Hozan sprach unter anderem über Shunryu Suzuki Roshis Satz „Unsere Probleme sind unsere wahren Schätze“.
Auf die Frage einer Teilnehmerin hin, was denn zu tun sei, wenn gerade keine Probleme bestünden, antwortete Hozan: „Dann warte einfach ein bisschen.“
Das war keineswegs ironisch gemeint, obgleich es meistens nicht allzu lange dauert, bis nach einer Phase des ruhigen Fahrwassers neue Wogen erscheinen.
Viel an unserer Praxis besteht aus Warten. Geduld, das dritte Paramita nach Großzügigkeit und den Grundsätzen für ethisches Handeln, steht nicht ohne Grund in der Mitte der „sechs Vollkommenheiten“ - vor den eher aktiven Tugenden wie „freudige Anstrengung“, „Konzentration“ und „Weisheit“.


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Warten bedeutet: aushalten. Nicht Ausschau halten und auf etwas „Besseres“ hoffen, nicht hinwegträumen zu „Schönerem“, nicht aufstehen und davonrennen, sondern dabeibleiben. Bleiben und schauen. Sein, mit dem, was gerade ist. Auch wenn wir kalte Füße bekommen. Weiterschauen. Warten. Lauschen. Das ist Zazen.
Und zwar, ob es jenem Teil in uns, der es gerne ein bisschen anders hätte, gefällt oder nicht. Es wird ihm nie gefallen.
Hier setzt unsere Übung an - jene Orte zu besuchen, die wir scheuen und lieber verdecken möchten. Dieser Versuch an sich ist Illusion und Bumerang zugleich. Illusion, weil nichts in unserer Übung „privat“ bleibt. Bumerang, weil jene Manöver des Wegschauens nur von kurzer Wirkung sind und wir immer stärkere Anstrengungen unternehmen müssen, um hinweg zu fegen, was wir tunlichst übersehen möchten.

Wenn wir in einer Sangha üben, wird das ohnehin nicht gelingen, denn so sehr wir uns auch anstrengen und Umwege in Kauf nehmen: wir werden gesehen.
Alles in uns kommt hier zu Tage. Das ist nicht enthüllend oder peinlich, sondern es bedeutet unsere große Chance. Die Chance, „nicht länger zurückzuhalten“, sondern diese Energie für etwas gesünderes zu benutzen: alles an uns miteinzuschließen und bereit sein, die Gebiete jenseits unserer Vorlieben und Befindlichkeiten zu betreten.


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Unsere Probleme und Schwächen, unsere Schwierigkeiten, werden durch unser Zazen nicht völlig verschwinden. Einige vielleicht. Neue werden hinzukommen. Es kann gar nicht das Ziel der Praxis sein, ein Leben ohne sie zu führen. Vielmehr ist es unser Ziel, nicht länger vorzugeben oder zurückzuhalten, nicht länger zu verbergen. Auf Dauer ist dies enorm anstrengend. Viel besser können wir lernen, wie wir mit all dem üben.
Selbst die dunkelsten Ecken werden etwas heller, wenn wir sie unter die Lupe nehmen. Selbst die unangenehmsten Eigenschaften unserer selbst sehen etwas freundlicher aus, wenn wir dahinter zu blicken wagen - auf ihre Ursachen, auf die Ängste, die ihnen zugrunde liegen.

In diesem Sangha-Juwel wird uns in einem geschützten Rahmen die Gelegenheit gegeben, zu sein, wie wir sind - sofern wir dies erlauben. Das ist Erleichterung und Arbeitspensum zugleich. Erleichterung, weil wir in Ruhe gelassen werden - im Unterschied zur Arbeits- oder Familienwelt.

Arbeitspensum, weil wir zwar innerhalb einer Sangha üben, aber über lange Strecken hinweg mit uns alleine sind. Wir, die Wand - wenig dazwischen. Ich komme nicht umhin, wenn ich denn irgendwann des Träumens müde geworden bin, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Für viele von uns zum ersten Mal.
Es ist eines der schwersten Dinge, mit mir alleine zu sein und zu erkennen, dass die meisten unserer inneren Berge von uns selbst errichtet wurden.

Auch hierin besteht unser Warten, unser Verweilen, unser Aushalten. Dann wird die Münze ganz von selbst zu uns kommen. Und der Fluss, er wird gar nicht so bitterkalt und gefährlich sein, wie wir es von unserem Versteck aus immer vermutet haben.

Wenn ihr geduldig genug seid, wenn ihr stark genug seid, eure Probleme anzunehmen, dann könnt ihr ruhig und friedlich sitzen, im Vertrauen auf Buddha und im Vertrauen auf euer eigenes Sein...
Shunryu Suzuki

Gassho,
Juen



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