Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Oct 2013

leerer Raum

... Niemand kann noch nicht einmal ein einziges Sutra erklären, ohne leerer Raum zu sein. Das Herzsutra und das Sutra unseres Körpers erklären: beides geschieht durch leeren Raum. Mit leerem Raum wird sowohl das Denken als auch ein Jenseits des Denkens verwirklicht. Leerer Raum bedeutet Weisheit mit einem Lehrer, ohne einen Lehrer, bedeutet Wissen von Geburt an, bedeutet Wissen durch Erlernen. Ein Buddha werden, eine Ahne werden, das ist ebenfalls leerer Raum.
Dogen Zenji

Ein „leerer“ Geist, ein Geist, der nichts tut als „Shikantaza“ zu üben, empfängt die Dinge dieser Welt ohne Bewusstsein darüber, ob sie gefallen, nicht gefallen, nützlich sind oder nicht. Ein leerer Geist nimmt Glück an und weiß um die Krankheit darin, nimmt Reichtum an und weiß um Armut darin, sieht Schönheit und erkennt das Unschöne darin.
Wenn wir aus unserem Ich heraus urteilen, ergibt sich automatisch eine Einteilung der Welt in „Nützliches“ und „Schönes“, in „Brauchbares“ und „Unangenehmes“ usw.
Wir werden krank und obschon dies für die meisten von uns ein begrenzter und überaus überschaubarer Zustand ist, sind wir verärgert. Wir warten in einer Schlange und regen uns auf. Wir werden um etwas gebeten und haben keine Lust dazu. Immer, wenn auch nur ein Hauch von unserem Ich mitschwingt, wird eine Trennung entstehen zwischen uns selbst und dem Leben.

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Oft geht das so: wir leben so dahin, sind gesund, die Sonne scheint, das Auto ist geparkt und das Dach dicht, wir sind in guter Gesellschaft oder mögen unsere Einsamkeit - es sieht ganz gut aus. Im Moment.
Dann wandert unser Geist - rechts, links, ... und plötzlich haben wir etwas gefunden, das uns nicht gefällt. Gar nicht. Wir leiden. Woran? Daran. Glauben wir zumindest. Es gibt 1001 Gründe zu leiden, denn es gibt 1001 Dinge, die wir nicht haben, aber gerne hätten!
Wir versuchen, unsere Situation zu verbessern, wir trainieren, wir trösten uns im Vergleich mit anderen, denen es „noch schlechter“ geht, wir lenken uns ab. Manchmal hilft es und verschwindet, manchmal nicht. Nahezu immer wird es wiederkommen.
Ganz einfach deswegen, weil wir meistens unsere Aufmerksamkeit nahezu ausschließlich auf unser Leiden und den vermeintlichen Tatbestand richten, selten hingegen auf denjenigen, der dieses Leiden verursacht: wir selbst. Diese Erkenntnis ist ein wenig hart. Aber es ist der einzige Weg, dem, was der Buddha „Dukkha“ nannte - ein unrund laufendes Rad (skt) - und was wir für gewöhnlich mit „Leiden“ übersetzen, konstruktiv gegenüber zu treten. Freiheit von Leiden ist Abwesenheit von diesem Ich, das ständig klagt und möchte.

Hierzu benötigen wir das, was die Alten mit Weisheit umschreiben. Zum Beispiel:
1. Stille.
2. Die Grundsätze für Ethisches Handeln.
3. Mut, dem steten Wandel zu folgen. Schon alleine, wenn wir uns darauf konzentrieren, dass unser Leben einen Zustand darstellt, der auf Vergänglichkeit basiert, können wir unser Ich getrost liegen lassen. (Es wird uns wieder finden, keine Sorge!)

Mit zunehmendem Zazen werden wir Momenten begegnen, in denen uns unser Gefühl für uns selbst abhanden kommen wird. Weil wir uns gerade davon frei gemacht haben! Weil wir dem Fluss des Lebens einfach folgen. Scheinbar unbesorgt segeln wir durch den Tag und nichts, gar nichts, bleibt an uns haften. Das ist „Leere“. Gefüllt mit dem ganzen Reichtum, der sich auftut, wenn wir auch nur einen Millimeter beiseite treten. Es lohnt zumindest den Versuch. Heute noch.

... Die zwölf Stunden des Tages benutzen und durch die zwölf Stunden des Tages benutzt werden, das ist „Raum erkennen“.

Gassho,
Juen

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