Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
Navigation
May 2012

Boden-los

Eines der vielen Missverständnisse über Zen, welche in unserem Oberstübchen nach altem Muster zusammengezimmert werden, besteht in dem Glauben, wir müssten unser Ich in irgendeiner Form loswerden: jenen seit Freud vielgescholtenen Teil in uns, der immer nur will und ganz allein für sich, welcher stets bohrenden Hunger hat, am meisten auf Pommes, Sofa und Kino. Der Teil, welcher, kaum endlich satt, trotz bester Vorsätze nach kurzer Zeit eine neue Bude entdeckt und uns an dieser unsichtbaren, doch schier untrennbaren Leine dorthin zerren wird. Und der, selbst wenn wir länger standhaft bleiben, genau jenen Punkt abpassen wird, zu dem wir gerade ein bisschen vom Wege abgekommen sind. Und der dies immer früher zu merken scheint als wir selbst.
Jener Teil, der pausenlos alles will, aber ganz bestimmt nicht still sitzen und sich nach innen wenden.
Die Zen-Literatur wimmelt von Ratschlägen, selbst die kleinsten Muckser dieses lästigen Anhängsels der von Dekadenz und Ignoranz geprägten Prä-Achtsamkeitsjahre im Rahmen unserer aufrichtigen Bemühungen bereits im Keim zu ersticken. Oder zumindest „wegzusitzen“.
„Der Weg ist das Ziel“ - und auf ihm dürfen wir weder suchen noch irgendwie sein und schon gar nicht irgendeine Vorstellung davon haben, wohin er denn führen soll.
Erreichen? Ganz schlecht!
Wollen? Sofort ausatmen!
Das hier ist Zen.
Und Zen ist gut für gar nichts!
Anstrengung! Geht gar nicht - bei uns ist Anstrengung verpönt, denn sie entspringt meistens dem Ego. Wir aber streben nach urteilsfreier Wahrnehmung, nach dem Nicht-Wollen, Nicht-Erreichen. Verstehst Du?

Leider - nein.

Jeder, der auch nur eine Einheit auf einem Kissen verbracht hat, weiß, wie anstrengend das ist.
Jeder, der ein wenig länger diesen Weg geht, weiß, dass es ohne einen starken, zielgerichteten Willen nicht auszuhalten ist - nicht mit unserem Kissen, nicht mit einer Art des Weges, nicht mit einer Gruppe und am wenigsten mit uns selbst. Die Sangha, der dritte Juwel, kann nur erstrahlen, wenn wir ihn alle scheinen lassen. Und das ist - jeder von Wind und Wolken weiß dies - auch: anstrengend und ohne Vertrauen unmöglich. Dazu gehört auch: Vertrauen in unsere spirituellen Visionen.

Wenn die Befleckungen alter Gewohnheiten erschöpft sind, erscheint das ursprüngliche Licht, strahlt auf Deinen Schädel, ohne dass noch etwas anderes daneben wäre.
Menschen, denen der Boden aus dem Eimer gefallen ist, finden vollkommenes Vertrauen.

Honghzi


„Der Boden aus dem Eimer“ - das ist der gesamte Eimer. Das sind wir, und alles, was uns ausmacht. Der Boden ohne Eimer kann nur „ohne Eimer“ sein, wenn wir „leer vom Ich sind“. Und das ohne Anstrengung = ohne Hinzutun, Wegnehmen, Verleugnen, Ungeschehen machen, Ausmalen und so weiter.
Denn „Leer vom Ich“ ist voll mit allem. Das beinhaltet unser Großes Ich und unser Kleines Ich: Quengelndes, Wollendes, Bemühtes, Gelangweiltes, Strebsames, Ehrliches, Gerissenes, Knauseriges, Wohltätiges Ich.
Voll vom gesamten Ich ist leer vom vereinzelten Ego.
Nur, wenn wir lernen - aneinander, miteinander -, unser letztlich doch kleines und ziemlich durchschaubares, noch dazu allen anderen gemeines Ego-Ich zu integrieren, mitzunehmen, einzuschulen, einzureihen und einzubürgern in jenes riesige Sein, das jenseits von unserer Haut lebt und wirkt, können wir es loswerden, ablegen, anschauen, zur Ruhe bringen.
Dies geschieht weder durch pummeln, noch durch ein möglichst ernstes zu Boden schauen, sondern in dem wir ihm und allen, die es mit uns teilen, die Hand reichen und es immer wieder dazu einladen auch von jener Kost zu probieren, die letztlich ebenfalls seinen großen Hunger stillen wird. Endlich und für immer.

Schaue achtsam jenseits Deines Schädels, und das Innerste kann sich schließlich verwirklichen und Du kannst aus der Vergänglichkeit heraustreten. Das Schilf blüht im strahlenden Mond; das alte Fährboot beginnt die Überfahrt; der Jadefaden passt in die goldene Nadel. Dann ergibt sich die Gelegenheit, sich umzuwenden, in die Welt einzutreten und auf die jeweiligen Bedingungen zu antworten. Aller Staub ist vollständig der Deine; alle Dharmas sind nicht die eines anderen.
Folge dem Strom und paddle dahin, natürlich und ungehindert.

Honghzi

Gassho,
Juen

P7200031 (1)




Comments

Hoher Himmel, Großer Wind

Ein warmer Frühlingsabend in Charlottenburg. Im Hinterzimmer des Traditionsbuchladens blüht ein kleiner Feigenbaum. In der Abendsonne zischen Schwalben die Backsteinfassaden hinab, auf der Schaufensterseite strömen die Menschen ihrem Feierabend entgegen. Rhythmisch rattert der einladende Dielenboden mit einer Trambahn wie aus Zilles Zeiten, versetzt dabei das kleine Nähschränkchen in Bewegung und lädt die auf ihm ruhende Avalokiteshvara ein wenig zum Tanz.

Später wird ein kleiner Mann mit wippendem Hut diese Straße herunterkommen, einen schmalen Karton mit Papier und Tusche unterm Arm. Dann wird sich in einem gut gefüllten Raum ein Kreis schließen, der sich seit nunmehr sieben Jahren weit gen Osten, weit gen Westen spannte.

Der Kreis erzählt von einem Helden des neunzehnten Jahrhunderts, welcher sich nicht scherte um Linienführung oder Purpurroben, weder um Standesdünkel noch seiner nächtlichen Tränen. Er berichtet auch von der Sprache Poesie, die mühelos Landesgrenzen und Ozeane überwindet und nahezu keine Worte der Erklärung braucht, einem Buch, das nicht geschrieben werden sollte sowie einem neuen Kreis, der sich schleichend aus den immer länger werdenden Häuserschatten in seine noch taufrische Umlaufbahn lösen wird.

Am vergangenen Donnerstag fand in Berlin eine Lesung und Kalligraphiedemonstration aus unserem gemeinsamen Buch, Daigu Ryokans „Hoher Himmel, Großer Wind“, statt.

Gassho,
Juen

kaz

bk

Comments