Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Jul 2014

von bodenlosen Eimern

Chiyono, eine Frau aus einfachen Verhältnissen, diente in einem Zen-Kloster. Eines Tages näherte sie sich ehrfürchtig einer Nonne und fragte diese: „Ich kann weder lesen noch schreiben und ich muss die ganze Zeit arbeiten. Gibt es irgendeine Möglichkeit, den BuddhaWeg zu erlangen, obgleich ich keinerlei Fähigkeiten besitze?“
Die Nonne antwortete: „Das ist ganz wunderbar, meine Liebe. Im Buddhismus gibt es keinen Unterschied zwischen den Menschen. Es gibt nur dies - jede und jeder muss von ganzem Herzen die Sehnsucht verspüren, wach zu werden und ein Herz des großen Mitgefühls zu kultivieren. Die Menschen sind vollkommen, so wie sie sind. Wenn Du nicht in Verblendung verfällst, gibt es weder Buddhas noch fühlende Wesen; es gibt nur eine vollkommene Wesenheit. Wenn Du Deine wahre Natur erkennen möchtest, musst Du Dich der inneren Quelle Deiner verblendeten Gedanken zuwenden. Das nennt man Zazen.“

Chiyono sagte: „Mit dieser Praxis als meinem Begleiter kann ich ganz normal meinem Alltag nachgehen. Ich werde Tag und Nacht üben“.

Nach vielen Monaten ging sie des nachts hinaus und zog etwas Wasser aus einem Brunnen. Der Vollmond schien über ihr, als der Boden des Bambusbehälters, der nur durch ein paar Streifen zusammengehalten war, plötzlich nachgab. Die Spiegelung des Mondes verschwand mit dem Wasser. Als sie dies sah, erwachte sie plötzlich.

Mit diesem oder jenem habe ich versucht, den Eimer zusammenzuhalten,
doch dann fiel der Boden heraus -
wo das Wasser sich nicht sammelt, kann der Mond nicht verweilen.

Alle Zen-Praktiken fordern den alten Eimer heraus: ich kann mich nicht dauerhaft auf Zen einlassen, ohne zumindest ansatzweise bereit zu sein, meinen bisherigen Boden herzugeben, den Griff an den Eimer meiner Überzeugungen, Vorlieben, Urteile, und Meinungen. 
Früher oder später werde ich ihn ohnehin loslassen müssen, meinen teuren Eimer. Dann wird alles, was ich denke zu haben oder zu sein, mit dem Fluss gehen. Wenn ich Glück habe, und der Mond mir wohlgesonnen ist, wird er keine Spiegelung darin finden können.

Zazen verlegt diesen Zeitpunkt in unsere Lebensspanne und gibt uns daher mitten im Sein die Gelegenheit, frei zu werden. Mond zu werden, Wasser zu werden, beides zu werden, oder nichts von alledem oder etwas von jedem, bis vielleicht etwas Neues daraus entsteht.

Einerseits. 

Andererseits … werden wir immer viel daran setzen, unseren Eimer festzuhalten. Er gibt uns Sicherheit und Handlungsfähigkeit. Er kann uns sehr nützlich sein. Er ist auch immer bereit, sich reparieren zu lassen. Wir brauchen ihn allerdings nicht ständig mit uns herumzutragen. Wir sind nicht der Eimer. Er hingegen ist ein Aspekt unserer selbst, ein zuweilen durchaus nützlicher. 

In diesem Wechselspiel zwischen Festhalten und Loslassen, Spannung und Anspannung, Form und Nicht-Form bewegt sich unser Leben. Es ist wesentlich größer als eine der beiden Seiten und beide gemeinsam. 
Grund genug, zu entspannen. Und zu erkunden, was uns trägt.

Menschen, denen der Boden aus dem Eimer gefallen ist, finden völliges Vertrauen.
Hongzhi Zhengjue


Gassho,
Juen



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