Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
Navigation
Jul 2011

Hungrige Reiskuchen im gemalten Leben

Im Rahmen des letzten Sanghatages haben wir uns, neben einer Oyryoki-Auffrischung, mit Dogens Kapitel „Gabyo - gemalte Reiskuchen“ beschäftigt.
Alan Senauke, der uns kommenden Monat besuchen werden wird, möchte unter anderem gerne hierüber sprechen und so war dies eine Einführung in ein Kapitel, in dem sich Dogen unter anderem mit unserer Vorstellungskraft, Imagination und Kreativität beschäftigt.

Ein alter Buddha, Meister Kyogen Chikan, sagte:
„Das Malen eines Reiskuchens sättigt keinen Hunger“.


kreis 4

Dieser Satz wird Kyogen Chikan (China, ca. 820-898) zugeschrieben und war zur damaligen Zeit recht bekannt. Kyogen, der durch den Fall fünf des Mumonkans vielleicht einigen vertraut ist, war ein bekannter Wissenschaftler. Zusammen mit seinem Dharma-Bruder Isan lernte er unter Hyakujo. Eines Tages konnte Kyogen, der sonst immer sehr wortgewandt gewesen war, auf folgende Frage Isans keine Antwort geben: „Was ist Dein wahres Ich - das Ich, welches es gab, bevor Du geboren wurdest, bevor Du Ost von West unterscheiden konntest?“
Kyogen zermarterte sich den Kopf und schlug alle möglichen Antworten vor, die Isan allesamt zurückwies. Schlussendlich gab Kyogen auf und bat Isan, ihm bitte die richtige Antwort mitzuteilen.
Isan aber antwortete: „Was ich sage, gehört zu meinem eigenen Verständnis. Wie kann es Deinem geistigen Auge nützen?“
Kyogen vertiefte sich in alle seine Bücher und Notizen, welche er sich auf seiner Wanderschaft bei den Lehrern aller damals vorhandenen Zen-Schulen gemacht hatte. Nirgendwo war eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Da sagte er seufzend zu sich selbst: „Du kannst einen leeren Magen nicht mit Bildern von Reiskuchen füllen“.
Er packte seine Mönchsrobe zusammen, verbrannte alle seine Bücher, verließ Isan tieftraurig und heuerte als Friedhofswärter an.
Als er eines Tages die Wege fegte, traf ein Stein auf einen Bambusstamm. Isan horchte auf, vergass sich für eine Weile, brach dann in schallendes Lachen aus und wurde erleuchtet. Zurück in seiner Hütte, zündete er Räucherstäbchen an und dankte Isan von ganzem Herzen - auch dafür, ihm damals keine Antwort gegeben zu haben.

Dann schrieb er folgenden Vers:

Ein Schlag - alles verschwunden
Was gibt es noch für mich zu üben?
Was gibt es noch für mich zu bändigen?
Alles und jedes bezeugt den Weg der Alten.
Ich bewege mich voller Leichtigkeit und verspüre keinerlei Trübsinn.
Wo auch immer ich bin, hinterlasse ich keine Spuren.
Erwachen ist jenseits von Form und Klang.
All jene, die befreit sind in den zehn Richtungen
nennen es das Unübertreffliche.


kreis 1


Der Satz mit dem Reiskuchen kann so verstanden werden, dass Theorien zwar wichtig und gut sind, aber wenn sie ohne Einfluss auf unsere Übung bleiben, keinen wirklichen Wert haben. Das kann für das damals oft ausgiebig praktizierte Rezitieren von Sutren genauso zutreffen wie auf ein besonders starkes (und striktes) Hervorheben der Form, z.B. während einer buddhistischen Zeremonie, der Zen-Formen insgesamt.
Heute würden wir ergänzen: zu viele Bücher, zu viele „you-tubes“ über andere Zentren, etc. helfen uns nicht wirklich weiter. Auch in unserem Zen gibt es inzwischen eine „Szene“, in der wir uns, wie in allen anderen Verbänden auch, verstecken können.
Hinzu kommt noch eine gewisse „Zen-Sprache“, die es ermöglicht, stundenlang über die Leere allen Seins zu philosophieren ohne dass etwas weitergetragen wird.
Das ist eines der typischen Paradoxe im Zen: „Still sitzen und nochmals still sitzen“ sowie: „Sag endlich etwas und verleih Deinem Sitzen Ausdruck“.
Beides ist wichtig, muss geübt werden, zusammenfließen, sich gegenseitig bereichern und in kontinuierlichem Austausch miteinander stehen.

kreis 3

Dogen wäre nicht Dogen, wenn er nicht den obigen Satz einfach weiter ausführen würde. In Gabyo erläutert Dogen, dass ein „gemalter Reiskuchen“ sehr wohl unseren Hunger sättigen kann. Für Dogen gibt es keinen Unterschied zwischen dem Bild des Reiskuchens und dem „echten“ Reiskuchen. Was sich in meinem Kopf befindet, ist genauso real wie das, was wir "Wirklichkeit" nennen.

Die Farben, die für Reiskuchen benutzt werden, sind die gleichen wie in der Malerei von Bergen und Flüssen. Um Berge und Flüsse zu malen, benötigt man blaugrüne und rote Farben. Um Reiskuchen zu malen, benötigt man Reismehl. Daher werden sie auf dieselbe Art gemalt und auf dieselbe Art untersucht.

Es gibt keine zwei Wirklichkeiten, eine im Kopf und eine in der Welt.
Drinnen ist draußen und draußen ist drinnen. Drinnen ist drinnen und draußen ist draußen.
Das setzt vieles in ein anderes Licht: unsere Wirklichkeit beginnt nicht allein mit unserer Wahrnehmung und schon gar nicht wird sie von außen an uns herangetragen.
Wir erschaffen sie fortwährend - mit unserer Intention, mit unseren Visionen, mit unserem Hunger.
Ihre Ausdrucksformen mögen noch so unterschiedlich sein, ihre Substanz noch so „ohne bleibendes Element“, noch so symbolisch oder „leer“ - Wirklichkeit kann erst entstehen, indem wir ihr - mit der uns eigenen Formenvielfalt - ein Gesicht verleihen. Auch das, was wir im Buddhismus als „leer“ und „ohne bleibende Gestalt“ bezeichnen, trägt einen Namen, hat eine Form - nachdem wir wieder am Marktplatz angekommen sind.
Form ist Leere: Manchmal wird im Zen vielleicht etwas zu stark betont, dass wir aus keiner bleibenden Substanz bestehen, unterschiedslos miteinander verwoben sind - „leer“ sind.
Leere ist aber auch Form, denn ohne uns gäbe es keines von beidem. Wir haben daher auch die Aufgabe, in Achtsamkeit der Leere Ausdruck zu verleihen - ob in den Zen-Formen wie beim Oryoki, bei der Rezitation, beim Kochen oder telefonieren.
Nur so werden wir frei von beidem - der Form, die uns gegeben ist, der Leere, die uns ausmacht sowie dem Haften am einen oder anderen.

Ein alter Buddha sagt:
Den Weg erlangen - tausend Schneeflocken erfüllen die Welt.
Grüne Berge malen - zahllose Rollbilder erscheinen.


Gassho,
Juen

kreis5

Comments

Reine Freude

Vieles am Zen ist fremd und schwierig. Manches erscheint auf den ersten Blick fast so etwas wie düster: dunkle Farben, genau festgelegte Formen, Plaudern ist unerwünscht und dann auch noch: stillsitzen!
Damit nicht genug, entfalten sich bei gewissenhafter Übung bald all die inneren Untiefen, an denen wir bisher so galant vorbeigebraust sind. Haben wir dann noch den Mut, auch nur ein einziges Mal ein wenig unter die Oberfläche zu lugen, gibt es kein wirkliches Zurück mehr auf die alte Fahrstraßen.
So mag sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen aufdrängen.
Dabei treffen wir auf Worte wie „tiefes Erwachen“ erfahren, „die Leere allen Seins“ erkennen, „unsere wahre Natur“ schauen lernen. Das klingt beeindruckend und erstrebenswert, aber es hört sich auch an wie etwas, das sich in großer Entfernung befindet.
Wenn wir darüber nachdenken, was wir uns von unserer Übung, von unserem Leben insgesamt wünschen, so fällt es nicht schwer: Glücklichsein. Besuchen wir dann eine Zen-Gruppe vielleicht zum ersten Mal, so schauen die Gesichter oft ernst aus und verziehen auch bei lustigen Dingen kaum eine Miene. Oben Gesagtes dazugenommen, so scheinen Zen und das Empfinden großer Freude nicht unbedingt eng miteinander verknüpft zu sein.

Der Buddha fand nichts Verwerfliches an unserem Streben nach Glücklichsein. Er fand nur den von uns oft gewählten Weg irreführend: unser Hasten nach Dingen/Menschen/Zuständen, die wir brauchen, um glücklich zu sein.

Meditiere. Lebe rein. Sei leise. Tue Deine Arbeit mit ganzer Hingabe.
Wie der Mond, komm hinter den Wolken hervor. Leuchte!


Die ersten vier Hinweise deuten in die gleiche Richtung: „Rein leben“ - jenseits von gut/böse, mögen/nicht mögen. Sobald wir uns außerhalb der Fänge unserer Selbst bewegen, wird der Himmel klar und glänzend.
Mit anderen Worten: wenn dieses Ich samt seiner fortwährenden Produktionsmaschinerie an Gedanken und Meinungen, Empfindungen und Gewohnheiten, zur Seite tritt, bleibt jenes flimmernde, vibrierende Sein übrig, welches wir Leben nennen, unser Leben.
Freude - wie auch Mitgefühl - entfalten sich, wenn wir alles lassen. Vor allem eines: unser Denken. Nun gehört das Denken zu unserem Kopf wie Wolken zum Himmel. Wie können wir, mit den uns gegebenen Mitteln, dieses Nicht-Denken denken?
Indem wir wahrnehmen, was gerade geschieht. Punkt!
Ohne uns selbst ins Spiel zu bringen. Es geht besser ohne uns. Das ist eine der schmerzlicheren Erfahrungen auf dem Kissen.
Das Leben, dieses riesige Kaleidoskop, es braucht uns einfach nicht. Es ist bereits perfekt. Wir können es, so sehr wir uns auch anstrengen, nicht weiter verbessern. Schon gar nicht durch unsere ständig besseren Ideen.
Was bleibt für uns überhaupt zu tun? Wir können nicht länger als ewig nörgelnde Betrachter im Abseits stehen. Wir können uns einbringen. Uns zum Leben gesellen, indem wir wir Gutes tun und Schlechtes lassen. Indem wir riechen, schmecken, fühlen, hören, schauen. Indem wir uns mit dem Unterschied zwischen diesem Sein und einem Leben in „ich mag/ich mag nicht“ auf körperlicher und geistiger Ebene so lange vertraut machen, bis der alte Schuh einfach nicht mehr passen will.
Dann sind wir in einem Augenblick dies und im anderen das. Nichts wird ausgeklammert, alles kann ans Licht treten, denn je mehr wir gerade die unschönen Seiten betrachten, desto tiefer wird unsere Zufriedenheit und Freude sein. Wir lernen, bei unserem Leiden zu sein und trotzdem weise zu handeln.
Ob Sonnenschein oder Dauerregen, im Auge des reinen Betrachters macht das keinen Unterschied. Wir haben unseren Platz gefunden. Wir sind frei. Endlich!

Wisse: Wasser ist Leben. Wisse: Himmel ist Leben. Vögel sind Leben und Fische sind Leben. Leben muss der Vogel sein und Leben muss der Fisch sein. Du kannst noch darüber hinausgehen. Es gibt Übung-Erwachen, die alles Leben, begrenzt und unbegrenzt, mit einschließt.
Versuchte nun ein Fisch oder Vogel, die Grenzen seines Gebietes zu erreichen, bevor er sich darin herumbewegt hat, so wird dieser Fisch oder Vogel weder seinen Weg noch Ort finden. Wenn Du Deinen Platz findest, da wo Du bist, geschieht die Übung, verwirklicht sich die allumfassende Erfahrung. Wenn Du Deinen Weg hier und jetzt findest, geschieht die Übung, verwirklicht sich die allumfassende Erfahrung; denn der Platz, der Weg, sind weder groß noch klein, gehören weder Dir noch anderen. Dieser Ort, dieser Weg, war weder seit jeher noch erscheint er erst jetzt.

Dogen Zenji, Genjokoan


Gassho,
Juen

sb

Comments