Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
Navigation
Jan 2015

WWS Neujahr 2015 s

Comments

Einfach üben

Von der aus Bangladesh stammenden Vipassana-Lehrerin Dipa Ma (1911-1989) ist eine Episode überliefert, in der sie ihre durch Flugturbulenzen zutiefst erschreckte Schülerin unter anderem mit den Worten tröstet: „ … hab keine Angst. Die Töchter des Buddhas sind furchtlos“.

Was zunächst klingt wie ein paar nette Worte, die auch als ein Verharmlosen der erlebten Furcht ihrer Schülerin bewertet werden könnten, kann auch so  verstanden werden:

Obgleich der Buddha nach einigem Zögern der Ordination von Frauen zustimmte, ist der frühe Buddhismus im Bezug auf das weibliche Geschlecht eindeutig: Frauen war es unter anderem unmöglich, ein Brahmane, ein das Dharma-Rad-drehender König oder ein Buddha zu werden. Auch in späteren Jahrhunderten sprach man neben den allgemeinen Fünf Hindernissen für Erwachen (Geistige Unruhe, ständige Sinnesverlangen, Übelwollen, Beharren im Gewohnten, Zweifel/Daseinssorge) von fünf weiteren Hindernissen, die speziell für Frauen galten: die Verpflichtung, auf einen Ehemann zu warten, die Verpflichtung, die eigene Familie zu verlassen, um in die des Mannes zu ziehen, Menstruation, Geburt und Schwangerschaft. Die weibliche Biologie - ein Hindernis schlechthin. 
Das galt auch für Dipa Ma, die mit 12 Jahren an ihren Ehemann verheiratet wurde und in jungen Jahren keine Schule besuchen durfte. 

Heute, ca. 50 Jahre nachdem Dipa Ma in Kalkutta zu lehren begann, finden wir an dem Ausdruck „Töchter des Buddhas“ nichts Besonderes. 
Das Zen im Westen, wie alle die meisten anderen spirituellen Wege,  zeichnet sich unter anderem durch das Überwiegen der Laienpraxis und die Tatsache aus, dass Frauen inzwischen gleichwertige Mitglieder jeder Sangha sind.
Das klösterliche Leben, in unserer Tradition stark japanisch geprägt, neigt dazu, die „männlichen Eigenschaften“ zu betonen und vielleicht manchmal auch die hier geschaffene Ausnahmewelt in ein zu sonniges Licht zu setzen. Das Leben dort ist jedoch nicht „besser“. In vieler Hinsicht ist es einfacher - ein geregelter Tagesablauf, für Essen und Unterbringung ist gesorgt, die zu verrichtenden Arbeiten sind zwar oft körperlich anstrengend, aber meistens überschaubar. Und sie haben mit dem Gong ein klares Ende.

Meistens gibt es keinen Zugang zu Medien, was schon allein damit zu tun hat, dass diese Orte an sehr entlegenen Plätzen zu Hause sind. Die amerikanische Zen-Lehrerin Cheri Huber sagte manchmal, wenn jemand von einem Ungeschick während der Woche berichtete: „Keine Sorge. Ist nicht das Schlimmste, was Euch hier geschehen kann, dass Ihr Euren Wäschezeitpunkt verpasst?“ Die private Wäsche konnte wegen steter Wasserknappheit nur ein Mal alle 8-12 Tage erledigt werden. Hatte man seinen Einsatz verpasst, was in einem scheinbar zeitlosen Schweigekloster durchaus vorkommen konnte, musste man eine weitere Woche mit verstaubter und verschwitzter Kleidung verbringen. Das tat damals schrecklich weh! 
Im Vergleich zu den Herausforderungen, die uns in der Laienpraxis begegnen, ist es ziemlich nebensächlich:

Wir sausen von der Arbeit nach Hause. Müde und hungrig. Der Kühlschrank ist leer. 
Im Kloster kauft der Koch ein. Es gibt immer gutes Essen, drei Mal am Tag.

Das Bett ist nicht gemacht. 
Der Schlafsack sieht immer hübsch aus.

Auf dem Küchentisch stehen Frühstücksreste. 
Wir haben immer alle gemeinsam abgeräumt.

Es ist gerade noch Zeit zum Umziehen. Was lesen wir heute? 
Im Kloster gehen alle ruhigen Schrittes gemeinsam zum Zazen, wenn der Han erklingt. 

Die Klosterwelt ist wunderbar. Alles ist darauf ausgerichtet, dass wir uns um nichts anderes kümmern als um unsere eigene Praxis. Die Rahmenbedingungen sind „für“ uns. Und alle eint die eine gemeinsame Angelegenheit.

Die Welt, in der ich während des Telefonats jemandem mit Gesten etwas mitteile, während ich gerade mit einer anderen Handreichung beschäftigt bin, ist eine vollkommen andere. 
Hier werden wir andauernd hin- und hergeschoben, wir werden ausgenutzt und manchmal respektlos behandelt. Von uns werden hohe Geschwindigkeiten und viel Flexibilität verlangt - dazu die Fähigkeit, stets mit guter Laune das Beste geben zu wollen. Mitarbeitermotivation ist überwiegend immer noch ein Fremdwort. Positive Rückmeldungen sind selten, kleine Versäumnisse werden hingegen sofort ausgebreitet und nicht immer erfahren wir selbst davon. Wir werden zum Objekt von Machtgebärden, die meistens persönliche Defizite zu kaschieren versuchen. 

Kurzum: wir sind umgeben von Menschen, die außerhalb des Dharmas leben. Und nicht selten sind wir von ihnen abhängig.

Oder: wir sind umgeben von Ignoranz. Von Ignoranz und - buddhistisch gesprochen - von unglaublichem Leiden.

Das ist zumindest sehr häufig unser Erleben. Gleichzeitig könnten wir genauso berechtigt sagen, dass es nur eine Unwissenheit gibt: die unsrige. Und nur ein Leiden: unser eigenes. Und sich niemand außerhalb des Dharma befinden kann.
Die Arbeit, die wir hier tun können - ist die eines Bodhisattvas. Katagiri Roshi nannte es „mit den Lücken üben“. Ganz natürlich wird aus unserer Praxis und der Erfahrung, dass es durchaus einen fließenden Übergang zwischen mir und den anderen, zwischen "mein" und "Dein" gibt, Mitgefühl erwachsen. Wir möchten uns kümmern: nicht nur um uns. Zumindest möchten wir versuchen, inmitten des alltäglichen Samsaras der Gegensätze , diese zu verbinden: Subjekt und Objekt in eine Handlung fließen lassen.
Wir können es üben: beim Tanz zwischen „ich will heute nicht sitzen, sondern fernsehen!“
Und: "Kann sie nicht einmal ..."
Und: “Heute ist Zazen. Warum sollte ich nicht hingehen? Was habe ich Besseres zu tun?“

Wir üben es, wenn wir morgens für unsere Familie Brötchen holen, Brote schmieren, den Tisch decken, Zettel schreiben, Aufmunterungen verteilen und dennoch pünktlich zur Arbeit fahren. 

Wir üben es, wenn wir den Abfall im Teeraum leeren und die Blumen richten. 
Und wir üben es, wenn wir hinter der Verletzung, die uns gerade zugefügt wurde, die Ängste „der anderen“ sehen können. 

Wir müssen diese weder erklären, bekämpfen, reparieren, minimieren. Wir müssen gar nicht tun. Nur diese einatmen, mit unserer Verwundung, mit unserem Leiden und dies in uns verteilen, es schmerzen lassen, betrachten - bis es irgendwann verklingt.

Dogens „nur Sitzen“ bedeutet, mich der jeweiligen Situation vollkommen auszusetzen. Es ist radikales Bleiben. Was extrem klingt, ist doch nichts anderes als die einzig gesunde Antwort auf unser Hiersein. Kein Verhandeln, kein Ausweichen, kein Abschirmen. Kein Dünner oder Schöner. Kein Hierhin, kein Dorthin. Kein Höher oder Weiter, kein Wichtiger oder Besser. 
Wenn wir in Zazen sitzen, gibt es keine Vergleiche. Wir sitzen: hier. Jetzt. Mit diesem Körper. In diesem Moment. Und erwachen zu dem, was ist.

Nirvana ist kein verzückter Daseinszustand, der einigen Auserwählten vorbehalten ist. Nirvana ist auch kein Land, das sich außerhalb von Samsara befinden würde. Wenn wir „Nirvana“ nicht innerhalb von „Samsara“ erleben, werden wir keinen Frieden finden. Weder in „männlicher“ noch in „weiblicher“ Form. Weder im Kloster noch im Alltagsleben. 
Denn die Töchter des Buddhas sind vollkommen furchtlos.

Gassho, Juen

P1010107




Comments