Wind & Wolken Sangha
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Feb 2015

Kongshi Daorens Badetuch

Kongshi Daorens (1050-1125, China) inniger Wunsch nach einer klösterlichen Lebensweise wurde von von ihrem Ehemann, Eltern und Brüdern mehrfach strikt abgelehnt.
Sie versuchte sich selbst im Dharmastudium und blieb viele Jahre hierin auf sich gestellt - ohne Lehrer, ohne Sangha. Jahrzehnte später, als es keine männlichen Angehörige mehr gab, die sie hätten binden können, fand sie einen Lehrer und zog in sein Kloster. Eines Tages verließ sie ihn und errichtete vor den Toren eines anderen Klosters ein Badehaus.
Bekannt wurde von den vielen Gedichten, die sie am Eingang immer wieder anbrachte, vor allem jenes:

„Wenn es nichts gibt, keinen Schmutz, gar nichts, warum badest Du dann?
Ein Staubkörnchen - wo soll es denn herkommen?
Sag etwas Wahres und Du darfst eintreten.
Wenn die Ahnen nur Deinen Rücken schrubben können, wie kann dann ich, die Gründerin, Klarheit in Deinen Geist bringen?
Wenn Du frei sein möchtest von Schmutz, dann solltest Du Dich zunächst so lange verausgaben, bis Dein ganzer Körper schweißdurchtränkt ist.
Es wird gesagt, dass Wasser den Schmutz zu lösen vermag, wie aber können die Menschen erkennen, dass Wasser an sich auch Schmutz bedeutet?
Auch wenn Du mit einem Schlag den Unterschied zwischen Wasser und Schmutz hinweg wischst, musst Du immer noch alles vollkommen abwaschen, bevor Du dieses Badehaus betrittst“.

Erst gen Ende ihres Lebens, als sie längst lehrte, ihre Gedichte bekannt geworden waren und ihre Schrift „Aufzeichnungen über das Klären des Geistes“ in ganz China zirkulierte, wurde sie zur Nonne ordiniert.

Vielleicht ist Kongshis Wunsch für uns heute nicht mehr ganz so gut nachvollziehbar - vor allem im Hinblick auf die Zwänge, welche dem einzelnen durch sein soziales Umfeld und Gesellschaft als Ganzes auferlegt wurden.
Aber auch in unseren Leben der überwiegend erfüllten Grundbedürfnisse gibt es dennoch Dinge, die wir uns sehnlichst wünschen und die einfach nicht eintreffen wollen - weil „etwas“ sie ständig zu vereiteln scheint. Weil jenes …geschehen ist. Weil …
In uns entsteht der Eindruck, wenn wir dies … hätten, zurückerhalten würden, neu haben könnten oder wären, dann würden wir glücklich sein, glücklich und erfüllt.
Durch ihren so lang verhinderten Wunsch, ihre Wut auf … Männer, Lebensumstände - was auch immer, konnte sie irgendwann erkennen, dass es nicht die Roben waren, die ihrem Leben Sinn verleihen würden.
Sondern die Bedeutung, die sie ihnen gab.

Wenn es aber an mir liegt, einem „etwas“ eine Bedeutung zu geben oder zu nehmen, wieso leide ich dann noch so an jenem „etwas“?
Oder: kann ich das, was auch immer mit dieser Bedeutung verbunden ist, auch sein/darstellen, ohne dieses „etwas“?

Kann ich gesund bleiben inmitten meiner Krankheit?
Kann ich Vater sein ohne Kind?
Kann ich reich sein ohne Geld?
Kann ich Zazen üben ohne still zu sitzen?
Kann ich Nonne sein ohne Robe?
Kann ich das Dharma lehren ohne dass es sofort von außen erkennbar wäre?

Kongshi hat durch die Widerstände, die sich ihr in den Weg gestellt haben, sehen können, worauf es einzig und allein ankommt: auf unsere Handlung.
Selbst reich können wir ziemlich arm dran sein. Selbst in einem Kloster kann ich „abhängen“. Selbst während des Zazen kann ich nur so dahin dümpeln.
Unserem Wunsch, diesem Lebens seinen für mich bestmöglichen Ausdruck zu verleihen, steht letztendlich keiner meiner viel gescholtenen äußeren Umstände entgegen. Nur ich selbst und meine mehr oder weniger stark ausgeprägte Unfähigkeit, die eigene Sichtweise zu verändern.
Für Kongshi war es am Ende egal, ob sie ein Badetuch oder ein Verbeugungstuch faltete. Denn Robe und Tuch waren dasselbe geworden: lebendiger Ausdruck ihres Dienens.

Gassho,
Juen Ryushin

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