Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Dec 2011

Shikantaza

Während des diesjährigen Rohatsu-Sesshins haben wir uns mit Dogens Fukanzazengi etwas näher beschäftigt. Dieses relativ zugängliche Kapitel Dogens befasst sich mit den Grundzügen unserer Übung. Im Mittelpunkt steht: Zazen.
Zazen, das bedeutet auch: nichts extra. Einfach hinsetzen. Unsere Arbeit tun. Zazen, das ist: „Ja!“ und es ist: „Punkt!“. Zazen ist vollkommen genug, wir brauchen weder zu hinterfragen, noch zu vergleichen. Es gibt kein Geheimnis. Wenn wir unserer inneren Stimme direkt zuhören, direkt, selbst ohne den willentlichen Versuch, ihr zuzuhören, befinden wir uns bereits mitten auf dem Weg. Das ist die Stimme Buddhas.

Daher: höre auf damit, Worte zu studieren und Schriften zu folgen. Übe Dich im Rückzug, wende das Licht nach innen und beleuchte das Selbst.
Dogen


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Rohatsu-Sesshin bedeutet auch, mit vielen, bekannt oder unbekannt, gemeinsam zu sitzen, durch alle Zeitzonen hindurch. Mitten auf dem einen Weg.

Sesshin, bedeutet „Herz und Geist zusammentragen“, zusammenbringen.
Es hat etwas Besonderes und Einzigartiges, sich in diesen Tagen nur der Übung zu widmen.
Obschon die Bedeutung von Sesshin manchmal überschätzt wird und das alleinige Besuchen von Sesshins ohne tägliche Übung nicht das ist, wovon Dogen, zum Beispiel in „Gyoji- fortwährende Übung“ sprach - ein Sesshin bildet die Verdichtung unserer Übung auf eine Weise, wie es kein noch so regelmäßiges Sitzen vermag.
Während eines Sesshin wird ein Mikrokosmos geschaffen, der es mir erlaubt, meine gesamte Energie auf mein Kissen zu konzentrieren. Indem wir alles andere beiseite legen, indem eine Struktur uns hält, die einen geschützen Raum garantiert, können wir uns vollkommen, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, der wichtigste Sache der Welt widmen.
Wir können hier sein. Wir haben Zeit. Jetzt. Wir können ankommen und sehen, wie gut es ist. Wie heimisch sich das anfühlt und wie natürlich und gesund. Das macht diese Tage des Jahres so einzigartig.

Das Zazen, von dem ich spreche, ist keine Meditationstechnik.
Es ist ganz einfach das Dharma-Tor der großen Leichtigkeit und Freude. Es ist die Übung-Erleuchtung des vollkommenen Erwachens. Im Zazen wird das Wesentliche verwirklicht, frei von Verstrickungen und Gefangensein.
Wenn Du dies erfährst, so bist Du wie ein schwimmender Drache oder ein Tiger in den Bergen.

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Das Tor zu Leichtigkeit und Freude macht es uns allerdings nicht immer leicht! Schmerzen, körperliche und seelische können hervorkommen. Es ist aber nicht so, dass sie aus dem Nichts hervortreten. Sie sind immer schon vorhanden und viele von uns tragen schwer daran. Was im Sesshin passiert, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was wir sonst in unserem Leben mit uns tragen. Wir können nur nicht aus. Das macht vielen Angst. Aber es ist eine Illusion, dass wir außerhalb des Zendos wirklich fliehen können! Wir tragen schwer an der Last, die wir zu verbergen versuchen. Letztendlich ist das nicht möglich und auch deswegen sagen wir im Zen: es gibt keine Geheimnisse. Indem wir ans Licht tragen, was ohnehin bereits darauf wartet, beleuchtet zu werden, tun wir einen guten Dienst, verabreichen wir uns eine gute Medizin. In diesem Sinne sind wir uns Arzt und Patient zugleich und genau darum geht es: uns selbst zu geben, was nötig ist. Uns zu nehmen, was unnötig und oft genug auch schädlich ist.
Wollen wir frei werden, müssen wir durch das große Tor. Es steht weit offen, hindurchgehen müssen wir schon selbst.

Diese einfache, schlichte Übung besteht darin, gegenwärtig zu sein, radikal gegenwärtig. Leer. Voll mit allem.
Ohne willentliche Wahrnehmung, ohne verschobene Wahrnehmung, ohne nicht-willentliche Wahrnehmung, ohne Vernichten der Wahrnehmung - einfach sitzen, aushalten und die Türen sich langsam öffnen lassen.

Nichts zurückhalten. Nicht zurückhalten. Nicht versuchen, etwas davon zu bekommen, nicht versuchen, nichts zu bekommen. Nicht zurückhalten vom gegenwärtigen Augenblick inklusive aller unserer herumschwirrender Gedanken, nicht zurückhalten vor der Ganzheit der gegenwärtigen Erfahrung - ob sie gut ist oder schlecht, angenehm oder unangenehm oder keines von alledem. Das ist das Herz unserer Übung - zumindest in der Tradition Dogens.

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Da der Sesshin eine so einfache und klare Form hat, da so vieles vorgegeben ist und uns die meisten der herkömmlichen Verantwortungen abgenommen wurde, bekommen wir die Gelegenheit, unser Leben klarer zu sehen, zu erden, neu auszurichten.
Sich in den Fluss entspannen. Die Zeit verschwinden lassen, den Signalen folgen. Lauschen. Spüren, wie einfach das Leben sein kann. Wie tief zufrieden wir sein können. Merken, wer wir sind, was uns ausmacht. Wie wir sein und wie wir leben möchten.
Deswegen ist Sesshin so wichtig. Nicht als Flucht, sondern als Grundlage für unser gesamtes Leben, Alltagsleben. In diesem sind wir vollkommen gleich.
Gleichzeitig werden in der Stille, in dem für alle gleichen Ablauf, die Unterschiede zwischen uns noch deutlicher als sonst.

Nichts Tun. Für ein paar wenige Tage im Jahr einfach nicht Tun. Nur sitzen und sein. Nichts von mir selbst zurückhalten. Schauen und sehen. Leichtigkeit und Freude kommen von selbst, so wie wir Bergtigern und schwimmenden Drachen meist ganz zufällig begegnen.

Gassho, Juen

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