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Aug 2015

Raum – Koku

Wir denken selten daran und sind doch immer mittendrin. Er beeinflusst uns in unserem Wohlbefinden, unserer Körperhaltung, unserem Atem, unseren Gedanken und doch nehmen wir ihn meist nicht wahr. In welcher Beziehung wir zu ihm stehen, hat auf uns großen Einfluss. Ohne ihn könnten wir nicht sein und dennoch beachten wir ihn kaum: Raum.

Dogens Kapitel aus dem Shobogenzo beginnt mit der Geschichte zweier Brüder, Shigong Huizang (jap. Shakkyo Ezo), und sein jüngerer Dharmabruder Xitang Zhizang (jap. Seido Chizo 735-814):

„Weißt Du, wie man Raum packen kann?“
Zhizang: „Klar“.
Shigong: „Na, wie denn?“
Zhizang streicht mit seiner Hand durch die Luft.
Shigong: „Nein, Du weißt es eben nicht.“
Zhizang: “Wie machst Du es denn, älterer Bruder?“
Shigong zieht kräftig am Nasenloch seines Bruders.
Zhizang schreit auf vor Schmerz: „Willst Du mich umbringen?“
Shigong sagt: „Jetzt kannst Du ihn packen!“

Etwas später sagt er: „Raum ist ein Stück, aber er kann in einem Streich geteilt werden. Sobald geteilt, ist der Raum zu Boden gefallen“.

Für Dogen ist Raum nicht nur die Luft zwischen zwei Dingen, sondern etwas ganz Lebendiges - belebte Form. Die Dinge selbst sind Raum, konkret spürbar, ein „Körper“, dem wir Leben geben sollten - und somit nicht getrennt oder außerhalb unserer täglichen Übung.
Raum ist daher auch: erwachter Raum. Ähnlich wie in seinem Kapitel über „Zeit“ (Uji) ruft uns Dogen dazu auf, den Raum zu sehen, in dem wir uns aufhalten - und ihn in unser Erwachen miteinzubeziehen.

In der Malerei, beim Zeichnen oder in der Kalligraphie wird dies besonders deutlich: ein Pinselstrich nimmt einen bestimmten Raum ein, für den Gesamteindruck des Werkes ist aber auch der ihn umgebende Raum entscheidend, sozusagen der Negativ- und der Positiv-Raum. Für ein Musikstück haben die Pausen eine große Bedeutung.
Während wir es in der Kunst noch relativ gut nachfühlen können, gelingt uns die Raumerfahrung in der Natur, mit dem Raum, der uns selbst umgibt oder dem Zwischenraum zwischen uns und anderen Menschen oft nicht so leicht. Dogen spricht in diesem Kapitel auch vom gesamten Universum „gefüllt mit Augen“. Gemeint sind die Augen Avalokiteshvaras - das Universum als ein Organ des Mitgefühls.

„Die täglichen Klänge der Berge und Wasser bieten ihre verwandelnde Stimme dar, selbst wenn wir unsere Ohren bedecken.“

Die ganze Fülle dieses Sommers, die Verwandlung der Natur seit dem Frühling, die Blütenpracht, der Sommerregen, die Cumuluswolken an unserem hohen Himmel, die brütenden Vögel - Ausdruck von Mitgefühl.

Wenn wir so denken, fällt es schwer, uns nicht auch um diese „Außenwelt“ kümmern zu wollen, unser Leben so zu leben, dass wir sie bewahren.
Raum als Form, Raum als Nicht-Form - Raum als Verbindung.
Für Dogen in seiner großartig weiten Sicht war klar: weder Raum noch Zeit stehen außerhalb von uns. Sie sind quicklebendig und mittendrin.

Zeit ist Leben. Raum ist Leben. Beide sind verwandt - denn ihnen fehlt die feste Form, das ist ihre gemeinsame Natur. Das gleiche gilt auch für uns selbst, doch ist es schwerer zu sehen. Es gelingt leichter, wenn wir uns den großen Altmeister vorstellen, für den nichts unbelebt war, nichts außerhalb des Potentials für unser Erwachen und sei es aus dem weiten Raum von gegenüber, in Form eines kräftigen Nasenstübers des eigenen Dharmabruders.

Gassho,
Juen


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