Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Aug 2013

Nicht mit mir

Wo ist der Weg der Befreiung?

Im Buddhismus wird nicht unterschieden zwischen der objektiven Welt und unserem Geist. Diese Welt IST unser Geist. Nichts ist außerhalb von dem, was „uns“ ausmacht - was dies eigentlich ist, wird zugegeben immer schwieriger, je länger wir uns damit beschäftigen.

Objektive Welt und unser Geist sind wechselseitig voneinander abhängig, aufeinander angewiesen, werden voneinander definiert. Der Buddha verglich dies mit Gold von Schmuck oder einem Atom und einem Lehmklumpen: er wäre kein Klumpen geworden, würde er nicht aus Staubatomen entstehen. Der Buddha bezeichnete den ursprünglichen Zustand unseres Geistes als den der „Täuschungslosigkeit“.

In zahllosen Gleichnissen spricht er von einem wesentlichen Merkmal unseres Geistes: der Fähigkeit, zu unterscheiden - Form, Gefühl, Wahrnehmung, Willenstätigkeit. Sie münden in das, was wir unser Bewusstsein, unser „Ich“ benennen: wir sind so und nicht so und mittels diverser Merkmale unterscheiden wir uns von anderen. Buddhistisch gesprochen, ist dies die Welt des Samsara, der Dualität.
Sie hat an sich nichts Unrühmliches - wenn wir sie als solche erkennen und wenn wir sehen, dass auch Samsara nicht unabhängig existiert von Nicht-Samsara, das wir Nirvana nennen.
Nun würde dies ein erstaunliches, zweitausendjähriges Denkkonstrukt bleiben, wenn wir es dabei beließen und uns fortan den Kopf darüber zermartern, wie wir es nur fertigbringen können, zwei Dinge gleichzeitig zu „sehen“.

Das galt auch damals schon und daher ist die Empfehlung des Buddha schlicht und knapp:
„... deshalb ... sollst Du Dich üben in Leerheit, Nichtentstehen, Nichteigennatur und Nichtdualität.“
Offensichtlich führt unser duales Denken und Handeln zu Leiden. Das war der Ansatz des Buddha. Unsere Geschichte bietet vielfältige Beispiele. Nicht nur die Geschichte unserer Erde, sondern auch unsere eigene. Wann leide ich? Wann leiste ich Widerstand? Meistens dann, wenn es einen klaren Unterschied gibt zwischen „mir“ und „anderen“, dem was ich „habe“ und was ich „nicht habe“, zwischen „drinnen“ und „draußen.“

Daher betrachtet unsere Übung die Lehre vom Selbst, von dem, was mich ausmacht, auch aus einem anderen Blickwinkel: wenn es mich nicht dauerhaft glücklich macht, mich mittels meiner erfundenen Merkmale von anderen zu unterscheiden - dann könnte ich versuchen, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen.

Sobald ich dies auch nur ein wenig getestet habe - und das Kissen ist ein idealer Ort hierfür - sein Übungsfeld heißt Sangha - werde ich nach einer Weile nicht mehr so klar sagen können, wo ich aufhöre und wo der andere anfängt.
Sich Selbst studieren ist sich Selbst vergessen.
Dieses Selbst wird nicht „vergessen“, das ist unmöglich. Es wird nicht beachtet, es bleibt a-reaktiv.
Es hat, vielleicht nur kurz, keine Meinung. Es ist weder alt noch jung, weder geizig noch großzügig, weder hier noch dort, weder reich gefüllt noch ausgestorben. Es ist. Hat den Raum verlassen. Wir sehen es gerade nicht. Wir suchen nicht danach. Wenn wir denken könnten, ohne wieder wir selbst zu werden, würden wir feststellen, dass wir es kein bisschen vermissen. So bleibt uns nur seufzend, dies im Nachhinein festzustellen. Und den riesigen Unterschied, den dieser Augenblick bewirkt. Er ist es letztendlich, der uns zu einem Stromeinkehrer, zu einem Zen-Menschen macht.
Wir können uns wieder finden in einer Schneeflocke, einem Ton, einer spontanen Handlung, einem Lächeln, einer Abfalldose, einer Falte. Wir müssen nicht immer „ich“ sein. Wir dürfen einfach sein.

Robert Aitken Roshi bezeichnete diese Fähigkeit des menschlichen Geistes als etwas „einzigartig individuelles“ - es ist das Gegenteil dessen, was wir gemeinhin dafür halten.
Erstaunlicherweise entsteht aus diesem Zustand, was einen Bodhisattva ausmacht:
grenzenloses Mitgefühl und eine selbstvergessene Handlung, die das Große Ganze niemals aus den Augen verliert. Die Familie der Shakyas bietet uns seit Jahrhunderten täglich an, eine der schönsten und individuellsten Ausdrucksmöglichkeiten unseres Menschseins auch in unser Haus einzuladen.

Meine Lehre besteht aus dem Aufhören des Leidens, das aus der Unterscheidung der dreifachen Welt entsteht: das Aufhören von Nichtwissen, Begehren und Verursachung.
Shakyamuni Buddha



Gassho,
J.


Hockenhorn 2013 014


hockenh 2



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