Wind & Wolken Sangha
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Aug 2011

Achtsamkeit - Theorie und Praxis

Alan Senauke kam uns besuchen, nachdem er in Hamburg am „Internationalen Achtsamkeitskongress“ teilgenommen hatte, der buddhistische Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Traditionen, Mediziner, Psychologen, Pädagogen, Neurowissenschaftler und sozial aktive Buddhisten vereinte.

„Mindfulness“ ist in den angloamerikanischen Ländern schon lange ein Begriff, mit dem viele Menschen unabhängig ihrer etwaigen spirituellen Praxis etwas verbinden, von einer eigenen Zeitschrift über diverse Kurse, einer Vielzahl von Büchern zu allen Lebenslagen sowie dem von Jon Kabat-Zinn entwickelten Konzept der MSBR (mindfulness based stress reduction).
Letzteres wird auch bei uns immer bekannter, es gibt inzwischen eine große Anzahl von Kursangeboten und Literatur, in dem aufeinander abgestimmte Aufmerksamkeitsübungen gelehrt werden. In dem Augenblick, in dem diese wertvolle Arbeit Eingang findet in Kurse für Manager, Schulen, Hilfe für diverse Lebenslagen, Krankenhäuser und - in den USA - in Gefängnisse und militärische Ausbildung, kommt Ethik ins Spiel.
Ist Aufmerksamkeit und deren Training an sich bereits „richtig“?
Alan Senauke zitierte S.H., den Dalai Lama, der davon sprach, dass ein Selbstmordattentäter ebenfalls ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit aufbringen muss. Er führte weiter aus, dass Buddhismus sowie alle religiösen Traditionen, wie auch Gesellschaften - weltlich oder religiös - über ethische Richtlinien verfügen - Lücken und blinde Flecke eingeschlossen. Im Falle des Buddhismus ist es relativ einfach: der Buddhaweg spricht von „rechter Achtsamkeit“ (sammasati), wie wir sie im Achtfachen Pfad, eine der Grundlangen unserer Übung, wiederfinden. Dieser wird traditionell in drei Abschnitte gegliedert: Sila/Ethische Grundlangen: Rechte Rede, Rechte Handlung, Rechte Lebensart.
Samadhi/Meditation: Rechte Anstrengung, Rechte Achtsamkeit, Rechte Konzentration/Meditation.
Prajna/Weisheit: Rechte Sichtweise, Rechtes Verstehen.

Die Übung in gespitzter Aufmerksamkeit mit ihrem Übergang in die facettenreiche Praxis der Achtsamkeit kann nicht von ihren Grundlagen an ganzheitlich wirkenden Kofaktoren befreit und an sich genommen werden, sonst ist es einfach nur ein relativ eindimensionales „Aufpassen.“

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Alan erzählte von seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Gefängnisinsassen und war sehr ehrlich im Bezug auf seine Schwierigkeiten hiermit: „Wenn ich Achtsamkeit lehre - als sehr effektive Art, die Reaktivität herabzusetzen - lehre ich dann die Insassen, bessere Gefangene innerhalb eines z.T. unmenschlichen, autoritären Systems zu sein oder mache ich bessere Menschen aus ihnen? Lehre ich Unabhängigkeit und Mitgefühl oder bin ich ein Handlanger ihrer Wärter? In diesen Umständen sehe ich mich auch als jemand, der versucht, im Gefängnis als einen Ort sozialer Kontrolle und Sammelstelle für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen, zu lehren.
Wenn sich meine eigene Achtsamkeit auf einer soliden ethischen Grundlage befindet, besteht meine Verantwortung darin, die Wahrheit über das bedrückende amerikanische Rechtssystem zu sagen - und gleichzeitig achtsam zu sein gegenüber dem Bedürfnis der Gefangenen nach Ruhe und Wahrheit.“

Die Lehren Buddhas sind nicht nur etwas zum Lesen, Zuhören oder Philosophieren.
Sie waren damals wie heute etwas zum „Tun“, zum Handeln, zum Verkörpern. Etwas, das erst durch die eigene Erfahrung lebendig und erst durch eigenes Beispiel sichtbar wird. Unsere Tradition, dieser spirituelle Weg, er kann nur verstanden und erfahren werden, wenn wir uns dabei beteiligen - und zwar mit allem, was uns an Eigenschaften, Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Verfügung steht.
Ob wir es Dhamma/Vinaya - Lehre/Übung nennen oder Übung/Erwachen - beides gehört zusammen wie Form und Leerheit.
Nur durch die gelebte Untrennbarkeit von shoho - der Verschiedenheit und Individualität aller Dinge - mit shiso - der wahren Wirklichkeit, die alle Farben vereint, werden wir den Kreis des Weges vollenden. Das ist es, worauf alle Lehrerinnen und Lehrer, damals wie heute, berühmt und unbekannt, nicht müde werden hinzuweisen.

Gassho,
Juen

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Ein Zen-Berg zu Besuch an der Küste: Hozan Alan Senauke

Ein letzter Blick zurück: Fenster geputzt, Vorgarten geharkt, Essensliste am Kühlschrank, Fragen im Kopf - wir brausen los, winken erleichtert bei der Arbeitsabzweigung und fahren weiter, immer weiter, bis in die an diesem Montagmorgen sonnige Stadt an der Alster. Dort parken wir vor einem ansehlichen Hotel am Jungfernstieg. Ich gehe in die weitläufige Halle, schaue mich um - und halte inne. Etwas ist anders als in den sich oft verloren anfühlenden Eingangsbereichen eines Großstadthotels - etwas Weiches, Samtenes liegt im Raum.
An einem Tisch unterhält sich eine Gruppe tibetanischer Mönche mit einigen Laien. Daneben beherbergt ein riesigen Ledersessel einen älteren Herrn mit buschigen Augenbrauen, der sein I-Pad bearbeitet. „Oh“ sagt er zur Begrüßung. „Weißt Du, seine Heiligkeit ist gerade abgereist.“ Wir verbeugen uns voreinander, was sich in dieser Umgebung keineswegs seltsam anfühlt, und gehen zum Auto.
„Wo fahren wir eigentlich hin?“ fragt Alan beiläufig, während wir das Gepäck verstauen. Wir beide schauen uns an und finden keine Antwort.

Zuhause angekommen, wird zunächst einmal alles einer Generalinspektion unterworfen. Nach den Verbeugungen im Zendo - „Hmm, guter Raum“ - und unserem Bodhi, den der Burmabereiste sachkundig mustert, haben es Alan Senauke besonders unsere Instrumente angetan. Noch vor allem anderen werden Klangton und -Farbe der Doan-Instrumente einer musikalischen Gehörprobe unterzogen, wobei sogar die Brille aufgesetzt werden muss, um die jeweilige Herkunft der einzelnen Bestandteile unserer Rezitation zu mustern. Zufrieden widmet er sich danach Zazen-Glocke, Han und dem Rest des Hauses.

Es folgten dreieinhalb gefüllte Tage mit morgendlichem Zazen, Besuchen bei Sangha-Mitgliedern, Erkundungsfahrten in unsere schöne Umgebung, inklusive der Zazen-Räume in Schleswig sowie zwei Sangha-Abenden in Gettorf.
Alan Senauke, Vize-Abt des Berkeley-Zen Centers, dessen Dharma-Name „Form“ und „Leere“ vereint, ist ein traditionsbewusster Lehrer. Viele unserer Gespräche kreisten um die Herkunft unserer Praxis und deren mögliche Integrationswege in den westlichen Lebensraum. Seit über fünfundzwanzig Jahren lebt Alan mit seinem Lehrer, Sojun Mel Weitsman Roshi und deren Familien in diesem Zentrum. Mel Weitsman diente lange Jahre als Co-Abt des San Francisco-Zen Centers und gründete 1967 das Berkeley-Zen Center.
Unbenommen dieser alten Form des Miteinanders in der Übung und jahrzehntelanger Erfahrung im Dharma: wir konnten mehrfach seine kreative, sowohl praktische als auch sympathisch menschliche Art im Bezug auf die Interpretation von Dharma-Texten oder Zen-Formen zu bestaunen.
Genauso wahrt Alan in seiner Musik die Tradition, gibt ihr aber in seiner persönlichen Interpretation eine eigene Note und hält sie hiermit lebendig.

...Wenn der Weg dem Weg anvertraut wird, erlangen wir den Weg. Wenn wir den Weg erlangen, dann wird der Weg ohne Fehl dem Weg anvertraut.
...Wir schenken uns uns selbst und andere den anderen.

Dogen, Bodaisatta Shishobo

In unserer Übung werde ich selbst mir selbst geschenkt. Ohne Fehl, was auch bedeutet: mit allen Ecken und Kanten - wettergegerbt, gebraucht, mit einem Sprung versehen, unförmig.
So wie weder geben noch empfangen alleine ausreichend sind, ist es auch nicht genug, nur nach innen zu schauen. Schauen und Handeln sind eins - samana-arthata (pali) - doji (zusammen-arbeiten) bedeutet „nicht gegen andere zu sein, im Einklang mit sich und anderen zu leben.“ Es bedeutet auch: eins zu werden mit der Handlung, die ich gerade ausführe. Das schließt mein Versagen ebenso ein wie die Überwindung von Widerständen.
Die Übung besteht darin, wie ich gebe, wie ich schenke und was. Das ist meine Verantwortung als Mensch. Dies steht im Kern unserer Praxis.
Wir alle haben es letzte Woche gesehen.

Gassho,
Juen



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