Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Apr 2014

Die vier Gelöbnisse eines Bodhisattvas

Es ist unmöglich, alle Dharmatore zu durchschreiten, wenn sie unendlich sind. Es ist ferner unmöglich, alle fühlenden Wesen zu retten, wenn sie zahllos sind.
Und dennoch werden diese „Vier Gelöbnisse“ als eine der Grundlagen unserer Praxis immer wieder rezitiert.
Soll uns das vor Augen führen, dass wir hoffnungslose Fälle sind? Oder ist das ein Ausdruck der verwegenen Kühnheit alter Meister? Oder eines dieser berühmten Paradoxe im Zen, mit denen man sich so prima den Kopf heiss denken kann?

Was unterscheidet einen Zen-Übenden, der das obige häufig rezitieren wird, von jemandem außerhalb einer spirituellen Praxis?

Der Mahayana-Buddhismus, zu dem unsere Praxis gehört, beantwortet diese Frage zum Beispiel so:
„Ein Bodhisattva ist eine gewöhnliche Person, die sich entschlossen hat, ein Buddha zu werden“.

Von außen betrachtet, mag es kaum Unterschiede geben. Manche sagen auch, es sollte sogar keinerlei Unterschied geben. Mit anderen Worten: keine Brokatgewänder, keine besondere Aura, keine übernatürlichen Kräfte.
Ein Bodhisattva hat seinen Zeiger in eine bestimmte Richtung gestellt. In Richtung des obigen Gelöbnisses. Dieses Gelöbnis bedeutet im Wesentlichen, dass ich versuche, meine Handlungen nicht durch eine Abfolge von Antworten auf meine Bedürfnisse, Befindlichkeiten und Zu- oder Abneigungen bestimmen zu lassen.
Es geht nicht darum, dass sich „die Welt“ meiner annimmt und mir dasjenige Gefühl zurückgibt, dass ich gerade meine, von ihr zu benötigen.

Meistens sind es Reaktionsketten aus unserer Kindheit, tief in uns verwurzelt, ein früher Überlebensmechanismus, den wir bis heute hin ausleben.
Mit dem kleinen Unterschied, dass wir uns in den meisten anderen Aspekten unseres Lebens als Erwachsene wähnen und auch bitteschön so behandelt werden möchten.
Ein Bodhisattva hat die Absicht, sich nicht in dieses Karussell von Aktion und Reaktion hineinwirbeln zu lassen. Ein Bodhisattva macht nicht so einen großen Unterschied zwischen „ihr dort draußen“ und „ich hier drinnen“. Diese Trennung resultiert fast immer in den verhärteten Fronten eines Ichs, das immer nur in seiner Illusion bestätigt werden möchte: ich bin hier, ich bin gut, ich bin geliebt, ich bin sicher.
Wie langweilig!
Und: wie unendlich einsam!
Ein Bodhisattva ist motiviert durch seine/ihre Erfahrung der Verbundenheit. Einer Verbundenheit, die auf dem Wissen beruht, dass es dieses „ich“ niemals ohne jenes „die“ geben kann. Und dass mein Wohl untrennbar mit dem der mich umgebenden 10000 Dinge - aller „fühlenden Wesen“- verknüpft ist.
Daher ist ein Bodhisattva jemand, der sich nicht scheut, erwachsen zu werden, auch in spiritueller Hinsicht.
Erwachsen werden bedeutet: die volle Verantwortung zu tragen für die Konsequenzen meines Handelns.
Ich habe die Grundsätze des Ethischen Handelns missachtet - ich beschuldige nicht die böse Welt, die mich schlecht behandelt hat, so dass ich gar nicht anders als auf diese Weise reagieren konnte, sondern ich selbst stehe für meine Antwort ein. Aufrecht, hoch motiviert, das Ganze im Blick, mit einem ruhigen Kopf und mit einem Lächeln.
So können wir selbst das zahlloseste aller Dharmatore locker durchschreiten.

Gassho,
Juen


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