Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Apr 2013

Wohin damit?

Neulich im Kloster haben wir uns über ein sehr interessantes Thema unterhalten, das man mit „soziale Verantwortung“ umschreiben könnte.
Wie stehe ich als Buddhist zu den täglichen Katastrophenmeldungen von Gewalt und Krieg?
Reagiere ich gleichmütig (eine buddhistische Tugend!) - könnte man auch sagen, das sei indifferent und ich sei nicht gleichmütig, sondern gleichgültig. Negiere ich es, ist die Linie bis zu dem, was man als egozentrische Nabelschau bezeichnen könnte, nicht mehr weit. Macht mich das alles wütend, bringe ich eine Emotion auf, die als einzige in den Silas erwähnt wird - weil sie so schädlich sein kann, wenn wir darin verweilen.
Unser Dilemma ist nicht lösbar, denn unser Bodhisattva-Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Dilemmata, aber es gab im Laufe unserer gemeinsamen Diskussion einige Vorschläge:

1. Medienpause.
Einen Tag, eine Woche, einen Monat pausieren mit Radio, Zeitung, Fernsehen, online-Nachrichten etc. Wir können dies als Teil unserer Aufmerksamkeitspraxis sehen und uns anschauen, welche Beziehung ich zu Informationen und den Überzeugungen, die darin immer auch enthalten sind, habe. Was davon erachte ich für „wahr“? Welche Informanten erkenne ich tendenziell als Autorität an und warum? Welche Reaktionen (haarklein!) laufen ab, sobald ich bestimmte Informationen aufgenommen habe - körperlich, emotional, sensorisch, intellektuell? Wie verläuft mein Tag ohne diese Dinge? Wird etwas vermisst und wenn ja, dann was?

2. Zuflucht.
Als Bodhisattvas nehmen wir uns die „Vier großen Gelöbnisse“ zu Herzen (Shigusei Ganmon): „Zahllose Lebewesen – ich gelobe, alle zu retten“. Alle. Ausnahmslos. „Ob Fischhändler oder Sakeladen, ich besuche sie alle“. Es ist unmöglich, die „silberne Schale voll Schnee“ aus dem Juwelenspiegel-Samadhi anzufüllen - wir geloben es dennoch. Just because. Weil wir als Bodhisattvas uns nicht darum scheren können, ob etwas effektiv ist oder logisch oder in gewisser Hinsicht sinnlos. Hier. Jetzt. Vorangehen und niemals zurücksehen. Wunderbar zusammengefasst im Dhammapadda, eine der ältesten Sammlungen des Buddhismus:

Tu nichts Böses
Tu Gutes
Halte Dein Herz rein
Das ist die Lehre Buddhas


3. Mitgefühl.
Was trennt uns von den Tätern? Wir alle sind gleich entstanden - aus einer sich fortwährend teilenden Zelle. Was hat dazu geführt, dass jemand anderen Unheil zufügt? Wenn mein Leben anders verlaufen wäre, hätte dies mir auch passieren können? Wie verzweifelt ist jemand, der auf andere schießt?

4. Ethik.
„Es ist unsere Verantwortung, uns um unsere Welt zu kümmern - um uns selbst, um unsere Mitmenschen, um alle Wesen, um den gesamten Planeten. Und dies im Geiste der Achtsamkeit zu tun. Der gesamte buddhistische Weg besteht aus den Silas, oder Ethik oder Precepts, Samadhi - Meditation oder Konzentration und Prajna, Weisheit. All diese Anteile sind jeweils ineinander enthalten. Achtsamkeit enthält Ethik, ist dem nicht so - dann ist es nicht samasatti, rechte Achtsamkeit, sondern bloße Aufmerksamkeit - kein Ausdruck des Dharmas. In diesem Sinne ist das nicht Ausdruck der Tiefe jeder religiösen Tradition. Achtsamkeit ist kein Garant für Erfolg, sondern gibt uns einen Weg, uns unserer selbst anzunehmen und somit uns füreinander zu kümmern“.
Hozan Alan Senauke

5. Haltung.
Wir alle tragen das Potential zum Mörder ebenso in uns wie die Fähigkeit zur Befreiung. Wir haben einfach gerade Glück gehabt, das ist alles. Unsere Geistesgifte zu erkennen und sorgsam zu analysieren, sie zu hüten und umzuwandeln, ist unsere lebenslange Aufgabe und Verantwortung - sowohl der Allgemeinheit als auch jenen gegenüber, die mit ungünstigeren Winden geboren wurden.

6. Vertrauen.
Der Buddha sprach: “Mönche, wenn ihr Euch stets bemüht, dann ist nichts zu schwierig. Daher solltet Ihr dies tun. Es ist wie der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Wenn Dein Geist anhaltend nachlässt, so ist dies, wie wenn man Pause beim Steine klopfen macht, bevor sie Funken sprühen; du kannst so kein Feuer bekommen. Wovon ich spreche ist „stetes Bemühen“.
Hachi Dai Nin Gaku, Dogen Zenji

Unser Zazen ist grenzenlos.
Seine Kraft reicht bis weit über unser Kissen hinaus. Der Mensch, den wir befreien können, kann die gesamte Welt beeinflussen. Niemals sonst hätte diese Praxis bis heute bestehen können, sie wäre nichts weiter als eine philosophische Betrachtung aus vergangenen Zeiten.
Heute ist es an uns: hier, für uns selbst und unsere Lieben, mit der Sangha als geschütztem Raum und beständigem Rückhalt - für alle, die kommen und gehen; für alle, die leiden und schweren Herzens sind.

Gassho, Juen


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