Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Und jetzt?

Der Januar ist im buddhistischen Kalender oft der Monat, an dem wir uns mit unserem Gelübde beschäftigen, wir haben schon ein paar Mal darüber gesprochen und auch hier geschrieben. Ein Gelübde ist nicht ein guter Vorsatz, sondern bezeichnet die Ausrichtung, welche wir unserem Leben insgesamt geben möchten.

Wie möchte ich mein Leben leben?
Was tue ich hier?
Was gibt diesem Leben Frieden, Frische und Energie?

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Ein Gelübde ist wie ein feiner Magnet, der uns in eine bestimmte Richtung lenken kann. Bereits der Buddha sprach davon, verkehrte Sichtweisen umzudrehen. Eine Orientierungshilfe können die meisten von uns gut gebrauchen, denn nicht nur herrscht bei uns selbst oft „Welt verkehrt“, sondern wir sehen dies auch bei anderen und werden bewusst oder unbewusst hiervon beeinflusst.

In dem halben Jahr, in dem wir den Achtfachen Pfad besprochen haben, wurde deutlich: was ich jetzt gerade für mein Leben möchte, ist die Summe aus meinem Kopf und meinem Körper. Von hier aus erschafft sich mein gesamtes Leben. Andauernd. Wir tragen es sprichwörtlich in uns, mit uns.
So, oder... so?

Auch deswegen - zum Depolarisieren - ist das gemeinsame wöchentliche Zazen wichtig.
Im Zendo ist das alles noch relativ einfach. Hinsetzen, loslassen, schweigen und einfach sitzen bleiben. Zazen ist der Magnet. Unsere Haltung wird zum Symbol. Fest verankert, können wir gar nicht anders, als sitzen zu bleiben. Wir bleiben dabei, dabei, dabei - bis zum Gong und dann wieder aufs Neue. Am deutlichsten wird dies und die heilsame Kraft des - Dabeibleibens - während eines Sesshin.

Außerhalb des Zendos lässt dieser Magnet oft etwas nach, das ist ganz natürlich. Wir denken, treffen Entscheidungen. Das beginnt schon beim Aufräumen nach dem Zazen. Fortan geschehen andauernd Dinge, die uns lieb und oft weniger lieb sind. Wir reagieren, denken, agieren und so weiter. In schneller Abfolge. Plötzlich kommt uns etwas abhanden. Wie können wir uns im Alltagsgeschehen wieder erden?

Was kann helfen, wenn wir unsere Orientierung verlieren?
Ein Gelübde bestimmt die Überschrift, unter die wir unseren Alltag stellen - alles, was wir jetzt gerade tun - vom Schuhe putzen bis zu wegweisenden Veränderungen.

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Hierbei sind diese selbst natürlich von Bedeutung, entscheidender zunächst aber ist, wie wir sie treffen. Die richtigen, die heilsamen Entscheidungen kommen von selbst, wenn wir wachsam sind und wachsam bleiben gegenüber dem Prozess, wie sie in uns zustande kommen.

Es ist gut, unsere Gelübde am Jahresanfang zu überdenken und, wo nötig, anzupassen und vor allem: zu erneuern.
Gelübde sind lebendige Wesen, die nur dann verinnerlicht werden können, wenn wir sie möglichst oft besuchen.
Ein Gelübde weist in die Zukunft, hilft uns in der Gegenwart und: es erinnert uns.
Woran? An unsere Möglichkeiten. An das große Potential, das in uns schlummert. Buddhas vollkommenes Erwachen - anuttara samyak sambodi - ist das Erwachen von allen gemeinsam. Deswegen „benötigt“ Buddha uns genauso wie wir ihn.

Ein Gelübde ist auch: Ausdruck des Glaubens an mich selbst, des Respektes mir gegenüber. Weichen wir ständig aus, geben wir uns wissend unseren Gewohnheitsenergien hin, ist das auch ein Ausdruck mangelnden Respektes uns selbst gegenüber - unseren Möglichkeiten gegenüber. Buddhas Weg in unserem Leben gegenüber.

Ich habe mich lange gefragt, warum in dem Schweigekloster in Kalifornien als einziger Satz „Diese Übung beginnt erst dann, wenn die Abneigung mir selbst gegenüber aufhört“ in großen Lettern im Essensraum prangte.

Mangelndes Selbstwertgefühl ist eine Form der Unterdrückung genauso wie es eine Form der Unterdrückung darstellt, wenn ich andere zu manipulieren versuche. Es leugnet die Buddha-Natur aller Wesen. Daher müssen wir uns wirklich gut, richtig gut, kennenlernen.
Frieden schaffen. Befreien.
Hierin ist unsere Übung zutiefst sozial.

Krieg, gesellschaftliche Unterdrückung, Umweltverschmutzung, Ressourcenraub sind eine Beleidigung für den Buddha. Jenen und den anderen. Nur beide können wirken. Yuibutsu yobutsu.

Dem Buddha-Weg zu folgen bedeutet, Vertrauen in das Glück anderer und das Leben als Ganzes zu entwickeln.

Das erscheint zunächst ziemlich groß.
Wir können damit beginnen, es für uns selbst zu erwirken. Schritt für Schritt, Fehlschritte inklusive. Diese insbesondere. Das Zurückgehen ist mindestens genauso wichtig wie das Vorankommen. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Bis wir damit halbwegs durch sind, dauert es ein wenig. Wir sollten uns dabei besser nicht umschauen.

Tun wir es schlussendlich, haben sich all die anderen, vor uns, hinter uns und um uns, längst hinter uns gesellt. Ihre Tür stand immer offen. Sie haben niemals an uns gezweifelt und freuen sich unbändig, fortan nicht mehr alleine zu sein.

Gassho, Juen

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