Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Nichts denkt, also ist alles

In diesen Wochen haben wir uns erneut mit jenem beschäftigt, was wir unser „Ich“ nennen. Diese definierbar undefinierte Substanz aus persönlicher Biografie, aktuellen Lebensumständen, sozialem Kontext, kulturellen Gegebenheiten, intellektuellen Vorstellungen, emotionalem Gedächtnis und schierem Überlebenstrieb, dem wir unseren eigenen Namen geben.

Der Buddha sprach von drei Welten, in denen wir uns bewegen: der materiellen Welt, der Welt in Beziehung mit anderen, der spirituellen Welt.
Wir bewegen uns ständig in diesen drei Bereichen und alle bieten uns eine andere Sichtweise unseres Ichs. Wir sagen: „Ich sehe so und so aus. Ich komme aus Neumünster“. Oder: „mein Bankkonto, meine Email-Adresse“. Das ist die materielle Welt.
Zweitens haben wir eine nationale Identität. Wir sind Geschwister, wir sind Kinder. Viele sind Eltern, Ehepartner, Lehrer, Schüler. Der Buddha war sehr eindeutig in seinen Lehrreden: wir müssen in diese Welt der Beziehungen erwachen, uns in ihr eingliedern und sehen, wie sehr wir verbunden sind. Wenn wir unsere Handlungen unter dem Gesichtspunkt betrachten, was sie für unsere Eltern, Lehrer und Freunde bedeuten, werden wir anders handeln.
Und wir sind auch spirituelle Wesen mit einem reichen - primär unsichtbaren - Innenleben an Phantasie und Humor, an Wertvorstellungen, an Mitgefühl und Gleichmut, an Sehnsüchten.
Wir streben danach, in diesen Welten zu erwachen und uns möglichst frei in ihnen zu bewegen. Somit erhält unsere Meditationspraxis eine andere Dimension: der Stellenwert der ethischen Grundsätze, die einen der Pfeiler unserer Übung bilden, wird klarer. Wir sind andauernd aufgerufen, sie auf unserer Reise durch die verschiedenen Welten immer wieder aufs Neue zu konkret zu verwirklichen. Unsere angewandte Praxis hierin ist es, die den gegenwärtigen Moment bereichert und so lebendig werden lässt.

Im klaren Himmel des Herbstes ist der Mond kalt, sein Strahlen badet die Nacht... Lass alle Unterscheidungen sich auflösen und fege sie fort. Wenn Du aus Dir heraus verstehst und einfach leuchtest, kann sich der Duft der heiteren Gelassenheit verbreiten. Weisheit erscheint im inneren des Kreises und die zehntausend Dinge bleiben außerhalb des Tores... Tritt einen Schritt zurück und kehre heim. Aufrichtig gebe ich Dir diese Worte mit.
Honghzi


Im Zen beschäftigen wir uns damit, dieses Ich zu vergessen. Das ist ungefähr so leicht, wie wenn wir versuchen, unseren Namen zu vergessen. Es ist also unmöglich. Und doch, und doch...
Wir können es versuchen. Zunächst auf dem Kissen, jenem halbwegs überschaubarem Terrain, zeitlich begrenzt und noch dazu in einem geschützten Rahmen. Wir sitzen und sitzen und plötzlich denken wir einen Moment lang nicht mehr an uns selbst. Das geschieht einfach. In diesen anfänglich nur kurzen Augenblicken können wir sehen, dass das, was an Stelle unseres unverzichtbar geglaubten Ichs rückt, viel weiter reicht als jener streng begrenzte Rahmen, den wir so gut kennen. Und dass es keine bare Ödlandschaft der unbewohnten Leere ist, die uns erwartet.
Das, was dann erscheint, ist grenzenlos, grenzenlose Lebendigkeit: die „zehntausend Dinge“ kommen nach vorne. Sie zeigen sich uns in ihrer ganzen Ehrlichkeit und Schönheit, in ihrer Fülle und Vielfalt. Sie laden uns ein, mitten in ihr Leben. Es ist das unsrige. Ohne uns wären auch sie nicht.
Wir sind es, die sie in Erscheinung bringen. Dadurch werden sowohl wir selbst als auch unsere Umwelt erst lebendig. Das ist unser Auftrag.
Ohne uns wäre der Buddha eine historische Figur in weiter Ferne. Durch unsere Praxis, während der wir Tag für Tag, Zazen für Zazen lernen, ihn einzuatmen und auszuatmen und wieder einzuatmen, immerfort - bleibt er am Leben, gibt das, was er verkörpert uns Energie, Imagination, Stille, Mitgefühl und Verbundenheit. Das ist die „Weisheit innerhalb des Kreises“. Sie kann nicht erdacht, nur erfahren werden. Sie kennt weder Form noch Nicht-Form. Sie gehört nicht zu uns und doch entsteht sie in uns. Sie leitet uns und doch tut sie rein gar nichts. Sie ist überall und doch sehen wir sie nicht. Wir müssen sie weder suchen noch angestrengt hervorbringen. Nur lassen und schauen, lassen und schauen - Tag für Tag, Zazen für Zazen.

Alles denkt, also ist nichts.
Nichts denkt, also ist alles.

Gassho,
Juen



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