Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
Navigation

Reine Freude

Vieles am Zen ist fremd und schwierig. Manches erscheint auf den ersten Blick fast so etwas wie düster: dunkle Farben, genau festgelegte Formen, Plaudern ist unerwünscht und dann auch noch: stillsitzen!
Damit nicht genug, entfalten sich bei gewissenhafter Übung bald all die inneren Untiefen, an denen wir bisher so galant vorbeigebraust sind. Haben wir dann noch den Mut, auch nur ein einziges Mal ein wenig unter die Oberfläche zu lugen, gibt es kein wirkliches Zurück mehr auf die alte Fahrstraßen.
So mag sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen aufdrängen.
Dabei treffen wir auf Worte wie „tiefes Erwachen“ erfahren, „die Leere allen Seins“ erkennen, „unsere wahre Natur“ schauen lernen. Das klingt beeindruckend und erstrebenswert, aber es hört sich auch an wie etwas, das sich in großer Entfernung befindet.
Wenn wir darüber nachdenken, was wir uns von unserer Übung, von unserem Leben insgesamt wünschen, so fällt es nicht schwer: Glücklichsein. Besuchen wir dann eine Zen-Gruppe vielleicht zum ersten Mal, so schauen die Gesichter oft ernst aus und verziehen auch bei lustigen Dingen kaum eine Miene. Oben Gesagtes dazugenommen, so scheinen Zen und das Empfinden großer Freude nicht unbedingt eng miteinander verknüpft zu sein.

Der Buddha fand nichts Verwerfliches an unserem Streben nach Glücklichsein. Er fand nur den von uns oft gewählten Weg irreführend: unser Hasten nach Dingen/Menschen/Zuständen, die wir brauchen, um glücklich zu sein.

Meditiere. Lebe rein. Sei leise. Tue Deine Arbeit mit ganzer Hingabe.
Wie der Mond, komm hinter den Wolken hervor. Leuchte!


Die ersten vier Hinweise deuten in die gleiche Richtung: „Rein leben“ - jenseits von gut/böse, mögen/nicht mögen. Sobald wir uns außerhalb der Fänge unserer Selbst bewegen, wird der Himmel klar und glänzend.
Mit anderen Worten: wenn dieses Ich samt seiner fortwährenden Produktionsmaschinerie an Gedanken und Meinungen, Empfindungen und Gewohnheiten, zur Seite tritt, bleibt jenes flimmernde, vibrierende Sein übrig, welches wir Leben nennen, unser Leben.
Freude - wie auch Mitgefühl - entfalten sich, wenn wir alles lassen. Vor allem eines: unser Denken. Nun gehört das Denken zu unserem Kopf wie Wolken zum Himmel. Wie können wir, mit den uns gegebenen Mitteln, dieses Nicht-Denken denken?
Indem wir wahrnehmen, was gerade geschieht. Punkt!
Ohne uns selbst ins Spiel zu bringen. Es geht besser ohne uns. Das ist eine der schmerzlicheren Erfahrungen auf dem Kissen.
Das Leben, dieses riesige Kaleidoskop, es braucht uns einfach nicht. Es ist bereits perfekt. Wir können es, so sehr wir uns auch anstrengen, nicht weiter verbessern. Schon gar nicht durch unsere ständig besseren Ideen.
Was bleibt für uns überhaupt zu tun? Wir können nicht länger als ewig nörgelnde Betrachter im Abseits stehen. Wir können uns einbringen. Uns zum Leben gesellen, indem wir wir Gutes tun und Schlechtes lassen. Indem wir riechen, schmecken, fühlen, hören, schauen. Indem wir uns mit dem Unterschied zwischen diesem Sein und einem Leben in „ich mag/ich mag nicht“ auf körperlicher und geistiger Ebene so lange vertraut machen, bis der alte Schuh einfach nicht mehr passen will.
Dann sind wir in einem Augenblick dies und im anderen das. Nichts wird ausgeklammert, alles kann ans Licht treten, denn je mehr wir gerade die unschönen Seiten betrachten, desto tiefer wird unsere Zufriedenheit und Freude sein. Wir lernen, bei unserem Leiden zu sein und trotzdem weise zu handeln.
Ob Sonnenschein oder Dauerregen, im Auge des reinen Betrachters macht das keinen Unterschied. Wir haben unseren Platz gefunden. Wir sind frei. Endlich!

Wisse: Wasser ist Leben. Wisse: Himmel ist Leben. Vögel sind Leben und Fische sind Leben. Leben muss der Vogel sein und Leben muss der Fisch sein. Du kannst noch darüber hinausgehen. Es gibt Übung-Erwachen, die alles Leben, begrenzt und unbegrenzt, mit einschließt.
Versuchte nun ein Fisch oder Vogel, die Grenzen seines Gebietes zu erreichen, bevor er sich darin herumbewegt hat, so wird dieser Fisch oder Vogel weder seinen Weg noch Ort finden. Wenn Du Deinen Platz findest, da wo Du bist, geschieht die Übung, verwirklicht sich die allumfassende Erfahrung. Wenn Du Deinen Weg hier und jetzt findest, geschieht die Übung, verwirklicht sich die allumfassende Erfahrung; denn der Platz, der Weg, sind weder groß noch klein, gehören weder Dir noch anderen. Dieser Ort, dieser Weg, war weder seit jeher noch erscheint er erst jetzt.

Dogen Zenji, Genjokoan


Gassho,
Juen

sb

blog comments powered by Disqus