Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Einfach bleiben

Gibt es, so mögen wir fragen, während der Januar als Monat der Gelübde in den Februar, Monat des Pari-Nirvana übergeht, so etwas wie eine Essenz dessen, was wir hier tun?

Selbst der Buddha tat sich schwer. Er versuchte alle Arten von Übungswegen, bis er sich schlussendlich unter den Bodhi-Baum setzte. Der Überlieferung nach führten ihn die unabänderlichen Tatsachen in unserem Leben - Alter, Krankheit, Tod - dazu, sein behütetes Zuhause zu verlassen, um sich auf die Suche zu begeben. Die Suche nach etwas wie Friedsamkeit, innerer Ruhe - Zufriedensein.

Wir alle sitzen unter einem Bodhi-Baum. Mindestens ein, für manche zwei Mal die Woche, treffen wir uns dort gemeinsam. Wir nehmen unseren Platz ein. Anfangs meistens hochmotiviert. "Heute! Vollkommene Ruhe! Kensho!"
Dreißig Minuten später mögen diese guten Absichten mehr oder weniger ferne Erinnerung sein. Viele von uns haben bereits ein klein wenig erfahren, dass es - wie in den Geschichten um den Buddha unter dem Bodhi-Baum - eine Vielzahl von Besuchern gibt, die unseren anfänglichen Schwung untergraben möchten.
Die meisten von uns bringen, spätestens ab Tag zwei eines Sesshins, ihre inneren "Dämonen" mit ins Zendo. Wir bemühen uns lange, sie zu verbergen. Es gelingt selten und ist meist dann für andere noch gut sichtbar. Nach zahllosen Sesshin, Kursen oder Sangha-Tagen, Jahren auf dem Kissen, werden wir aber irgendwann mürbe.

Ähnlich wie sich die Aufmerksamkeit eines quengelnden Kindes bei Nichtbeachtung nach einer Weile auf etwas anderes konzentrieren wird, verlieren unsere Dämonen daraufhin langsam das Interesse an uns.
Warum? Weil wir uns nicht länger vor ihnen verstecken. Weil wir sitzen bleiben, wenn sie uns bedrohen. Weil wir uns inzwischen so oft selbst angeschaut haben, in- und auswendig, dass sie uns nichts Neues sagen können. Es gibt nichts mehr zu verbergen: wir lächeln. Wenn unsere Monster zu unseren Maskottchen geworden sind, haben wir gewonnen.
Es ist der einzige Weg, sie zu befrieden. Wir müssen sie aushalten, all ihre Raffinessen - ungeschönt.

Insofern ist Sitzen auch immer: Kapitulation. Unser Ich hat auf viele Arten versucht, diesem kleinen Leben einen Sinn zu geben, es möglichst angenehm für uns zu gestalten. Es hat nicht wirklich funktioniert, zumindest nicht dauerhaft. Das nagende Gefühl: von jenem etwas, das fehlt, immer noch... - es bleibt. Sonst hätten wir nie den Weg in ein Zendo gefunden.

Wenn wir aufgeben, hört die Suche ebenfalls auf. Wie auch unsere oft quälenden Fragen. Wir lassen unseren Körper sitzen, damit sich in unserem Kopf die zehntausend Dinge setzen. Wir bleiben dabei und gestatten, ermattet wie wir mittlerweile sind, unseren Lebenshöhen und -tiefen, sich in uns heimisch zu fühlen. Wir halten alles aus: unsere peinliche Hypochondrie. Unsere theatralische Eifersucht. Unseren vollkommen unbegründeten Geiz. Unser Hang zum Schummeln. Unsere klebrige Trägheit. Unsere auf Angst begründete Arroganz. Unseren geerbten Jähzorn.

bodhi

Dieses Sitzen wird irgendwann, wie alles in unserer Übung, zum Symbol. Wir brauchen uns nicht mehr umzuschauen, denn wir haben schon überall nachgesehen.
Wir sitzen, wie es im Zen heißt, "ohne Ziel". Das ist nicht fatalistisch gemeint und es soll auch nicht bedeuten, dass Ziele gut oder schlecht sind. Es bedeutet: wir bleiben. In dieser angenehm-unangenehm-schmerzhaft-entspannend-stabil-federleichten Haltung.
Wir lauschen. Wir warten. Wir sind entschlossen, dieses Mal nicht zu reagieren. Je weniger wir tun, desto mehr geschieht. Bis irgendwann, irgendwo, die Frage, mit der wir alle geboren wurden und die uns bewegt hat, diesen wunderbaren Weg zu gehen, zu unserem eigenen Leben wird. Zu unserer Frage, zu unserer Antwort. Täglich und immer wieder. Für immer.

Gassho, Juen

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