Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Hungrige Reiskuchen im gemalten Leben

Im Rahmen des letzten Sanghatages haben wir uns, neben einer Oyryoki-Auffrischung, mit Dogens Kapitel „Gabyo - gemalte Reiskuchen“ beschäftigt.
Alan Senauke, der uns kommenden Monat besuchen werden wird, möchte unter anderem gerne hierüber sprechen und so war dies eine Einführung in ein Kapitel, in dem sich Dogen unter anderem mit unserer Vorstellungskraft, Imagination und Kreativität beschäftigt.

Ein alter Buddha, Meister Kyogen Chikan, sagte:
„Das Malen eines Reiskuchens sättigt keinen Hunger“.


kreis 4

Dieser Satz wird Kyogen Chikan (China, ca. 820-898) zugeschrieben und war zur damaligen Zeit recht bekannt. Kyogen, der durch den Fall fünf des Mumonkans vielleicht einigen vertraut ist, war ein bekannter Wissenschaftler. Zusammen mit seinem Dharma-Bruder Isan lernte er unter Hyakujo. Eines Tages konnte Kyogen, der sonst immer sehr wortgewandt gewesen war, auf folgende Frage Isans keine Antwort geben: „Was ist Dein wahres Ich - das Ich, welches es gab, bevor Du geboren wurdest, bevor Du Ost von West unterscheiden konntest?“
Kyogen zermarterte sich den Kopf und schlug alle möglichen Antworten vor, die Isan allesamt zurückwies. Schlussendlich gab Kyogen auf und bat Isan, ihm bitte die richtige Antwort mitzuteilen.
Isan aber antwortete: „Was ich sage, gehört zu meinem eigenen Verständnis. Wie kann es Deinem geistigen Auge nützen?“
Kyogen vertiefte sich in alle seine Bücher und Notizen, welche er sich auf seiner Wanderschaft bei den Lehrern aller damals vorhandenen Zen-Schulen gemacht hatte. Nirgendwo war eine Antwort auf diese Frage zu finden.
Da sagte er seufzend zu sich selbst: „Du kannst einen leeren Magen nicht mit Bildern von Reiskuchen füllen“.
Er packte seine Mönchsrobe zusammen, verbrannte alle seine Bücher, verließ Isan tieftraurig und heuerte als Friedhofswärter an.
Als er eines Tages die Wege fegte, traf ein Stein auf einen Bambusstamm. Isan horchte auf, vergass sich für eine Weile, brach dann in schallendes Lachen aus und wurde erleuchtet. Zurück in seiner Hütte, zündete er Räucherstäbchen an und dankte Isan von ganzem Herzen - auch dafür, ihm damals keine Antwort gegeben zu haben.

Dann schrieb er folgenden Vers:

Ein Schlag - alles verschwunden
Was gibt es noch für mich zu üben?
Was gibt es noch für mich zu bändigen?
Alles und jedes bezeugt den Weg der Alten.
Ich bewege mich voller Leichtigkeit und verspüre keinerlei Trübsinn.
Wo auch immer ich bin, hinterlasse ich keine Spuren.
Erwachen ist jenseits von Form und Klang.
All jene, die befreit sind in den zehn Richtungen
nennen es das Unübertreffliche.


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Der Satz mit dem Reiskuchen kann so verstanden werden, dass Theorien zwar wichtig und gut sind, aber wenn sie ohne Einfluss auf unsere Übung bleiben, keinen wirklichen Wert haben. Das kann für das damals oft ausgiebig praktizierte Rezitieren von Sutren genauso zutreffen wie auf ein besonders starkes (und striktes) Hervorheben der Form, z.B. während einer buddhistischen Zeremonie, der Zen-Formen insgesamt.
Heute würden wir ergänzen: zu viele Bücher, zu viele „you-tubes“ über andere Zentren, etc. helfen uns nicht wirklich weiter. Auch in unserem Zen gibt es inzwischen eine „Szene“, in der wir uns, wie in allen anderen Verbänden auch, verstecken können.
Hinzu kommt noch eine gewisse „Zen-Sprache“, die es ermöglicht, stundenlang über die Leere allen Seins zu philosophieren ohne dass etwas weitergetragen wird.
Das ist eines der typischen Paradoxe im Zen: „Still sitzen und nochmals still sitzen“ sowie: „Sag endlich etwas und verleih Deinem Sitzen Ausdruck“.
Beides ist wichtig, muss geübt werden, zusammenfließen, sich gegenseitig bereichern und in kontinuierlichem Austausch miteinander stehen.

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Dogen wäre nicht Dogen, wenn er nicht den obigen Satz einfach weiter ausführen würde. In Gabyo erläutert Dogen, dass ein „gemalter Reiskuchen“ sehr wohl unseren Hunger sättigen kann. Für Dogen gibt es keinen Unterschied zwischen dem Bild des Reiskuchens und dem „echten“ Reiskuchen. Was sich in meinem Kopf befindet, ist genauso real wie das, was wir "Wirklichkeit" nennen.

Die Farben, die für Reiskuchen benutzt werden, sind die gleichen wie in der Malerei von Bergen und Flüssen. Um Berge und Flüsse zu malen, benötigt man blaugrüne und rote Farben. Um Reiskuchen zu malen, benötigt man Reismehl. Daher werden sie auf dieselbe Art gemalt und auf dieselbe Art untersucht.

Es gibt keine zwei Wirklichkeiten, eine im Kopf und eine in der Welt.
Drinnen ist draußen und draußen ist drinnen. Drinnen ist drinnen und draußen ist draußen.
Das setzt vieles in ein anderes Licht: unsere Wirklichkeit beginnt nicht allein mit unserer Wahrnehmung und schon gar nicht wird sie von außen an uns herangetragen.
Wir erschaffen sie fortwährend - mit unserer Intention, mit unseren Visionen, mit unserem Hunger.
Ihre Ausdrucksformen mögen noch so unterschiedlich sein, ihre Substanz noch so „ohne bleibendes Element“, noch so symbolisch oder „leer“ - Wirklichkeit kann erst entstehen, indem wir ihr - mit der uns eigenen Formenvielfalt - ein Gesicht verleihen. Auch das, was wir im Buddhismus als „leer“ und „ohne bleibende Gestalt“ bezeichnen, trägt einen Namen, hat eine Form - nachdem wir wieder am Marktplatz angekommen sind.
Form ist Leere: Manchmal wird im Zen vielleicht etwas zu stark betont, dass wir aus keiner bleibenden Substanz bestehen, unterschiedslos miteinander verwoben sind - „leer“ sind.
Leere ist aber auch Form, denn ohne uns gäbe es keines von beidem. Wir haben daher auch die Aufgabe, in Achtsamkeit der Leere Ausdruck zu verleihen - ob in den Zen-Formen wie beim Oryoki, bei der Rezitation, beim Kochen oder telefonieren.
Nur so werden wir frei von beidem - der Form, die uns gegeben ist, der Leere, die uns ausmacht sowie dem Haften am einen oder anderen.

Ein alter Buddha sagt:
Den Weg erlangen - tausend Schneeflocken erfüllen die Welt.
Grüne Berge malen - zahllose Rollbilder erscheinen.


Gassho,
Juen

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