Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
Navigation

Mond im Westen

So leise wie möglich verlassen wir das kleine Haus mit den tiefblauen Stufen. Draußen weht ein frischer Wind, es riecht nach Regen. Ich bekomme ein wenig Heimweh. Vorbei an Persimonenbäumen, Passionsfrüchten und hohen Zedern gehen wir schnellen Schrittes die noch im Halbdunkel liegenden Straßen entlang. In der Ferne hört man das rhythmische Tuten des Fernzuges nach Vancouver. Auf der breiten Einfallstrasse kommt uns ein alter Mann entgegen. Auf seinem Rücken türmen sich riesige Berge, in denen gesammelte Plastikflaschen stecken, die er in den letzten Stunden aus den Mülltonnen geholt hat. Ein wenig Recycling für ein warmes Essen. Alltag in Berkeley, der sympathischen Studentenstadt auf der anderen Wasserseite von San Francisco.

P1030420

P1020774

P1020924

P1020925

Ein unscheinbares Tor mit dem gerade noch erkennbaren Hinweisschild in einer von hohen Bäumen gesäumten Wohngegend - mehr ist es nicht, das auf dieses 1967 von Shunryu Suzuki Roshi gegründete Zen Center hinweist. Prägnant, doch leise klingen die Takkus durch die überwiegend noch dunklen alten Häuser und ihre üppigen Gärten. Gerade noch kann ich die Umrisse einer Jizo-Figur an einer Steinbank erkennen. Plötzlich geht im Raum darüber das Licht an und wirft im hohen Bogen einen Strahl wie eine Brücke zwischen beiden Gebäuden auf die Efeu-umrankte Hauswand. Bald darauf wird das Zendo geöffnet. Wir betreten den schönen Raum mit seinen warmen Holztönen und schwingen uns auf die Tan. Nach und nach kommen die anderen, bis der Raum mit zehn bis fünfzehn Menschen gefüllt ist. Teilweise leben sie in den Wohnungen des Zentrums, teilweise kommen sie aus der Umgebung. Allen ist gemeinsam, dass sie nach Ende des Zazens, das von einer kurzen Einheit Samu abgelöst wird, ihrem Broterwerb nachgehen werden. Einige von ihnen sind bereits seit über dreißig Jahren aktiv dabei. Der erste Gong. Langsam versinken die Geräusche der aufwachenden Stadt in der sich ausbreitenden Stille.

P1020912

P1020911

P1020918
An diesem Sonntagabend ist der Gemeinschaftsraum des Zen Centers gut gefüllt. Alan Senauke berichtet über seine kürzliche Reise nach Indien und insbesondere über seinen Abstecher nach Burma. Alan hatte Burma zuletzt 2009 besucht und zeigte sich angenehm überrascht über den vormals eher verlassen wirkenden Flughafen, der jetzt deutlich belebter wirkte, die verbesserten Straßenverhältnisse, Renovierungsarbeiten an Gebäuden und die größere Auswahl an Waren.
Alan hat sich mit vielen Menschen unterhalten können: ehemaligen Gefangenen, Mönchen, Politikern, Sozial- und Friedensarbeitern. Alle hatten den gleichen Eindruck: im Moment herrscht eine Klimaveränderung, die lange auf sich warten ließ. Vorsichtiger Optimismus scheint angebracht zu sein in einem Land, das die letzten Jahrzehnte unter dem strikten Joch einer Militärjunta verbracht hat. Natürlich ist Skepsis geboten, zu frisch sind die Gewalttaten der vergangenen Jahre im Gedächtnis der Menschen, insbesondere die gewaltsame Beendigung der „Saffranrevolution“, bei der viele Mönche getötet wurden. Immer noch ist von über 2000 politischen Gefangenen die Rede, immer noch gibt es kriegerische Auseinandersetzungen in Grenzgebieten, zum Beispiel im Norden.
Burma, dieses zutiefst buddhistische Land, findet sich im Zuge der zunehmenden Öffnung seiner Märkte zwischen den beiden Großmächten China und Indien. So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass President Obama Anfang November von „hoffnungsvollem Flackern an Fortschritt“ spricht und demnächst seine Außenministerin nach Burma entsenden wird, was die letzten 50 Jahre nicht vorgekommen ist. Ein Treffen mit Aung San Suu Kyi, der charismatischen Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin von 1991, ist geplant. Zum Abschluss zeigt uns Alan Bilder von Fischern auf dem von hohen Bergen umgebenen Inle-See im Morgengrauen.

P1030410

P1020880

PB240247

Montagmorgen an der U-Bahn Station in Berkeley. Noch sind alle Parkplätze leer. Am Fahrkartenschalter bettelt jemand um Essen. Es riecht nach Putzmittel, frischem Kaffee und Urin. Wenig später empfängt uns die Stadtmitte mit ihrem gerade beginnenden Berufsverkehr. Wir gehen die breiten Straßen Richtung Westen, vorbei an glitzernden Hochhausfassaden, vor deren vergitterten Eingängen Menschen, die niemals in diese Hallen vorgelassen werden, ihr mageres Konto eröffnet haben: einige Plastiktüten, ein paar alte Decken, bemalte Pappe und Zeitungen, ein löchriger Eimer. Jemand liegt mitten auf dem Bürgersteig, ohne Unterlage oder Zudecke. Zwei Schritte weiter bildet sich eine Busschlange. Die Menschen reihen sich ein, telefonieren oder lesen Zeitung. Ein kleiner Junge hüpft über den schlafenden Körper.

P1030421

P1020868

P1030336

Den Geruch der Extreme noch im Nacken betreten wir die weitläufige Halle der Page Street. Durch den Säulengang stiebt Frühlingsgrün vom üppigen Innenhof auf die alten Dielen. Aus der Dunkelheit des langen Ganges löst sich ein Schatten. Zenkei Blanche Hartman Roshi kommt auf uns zu. Lächelnd verbeugen wir uns.

P1020896

P1020892

Später werden wir bei Ingwertee ein langes Gespräch führen, in jenem Raum, in dem bereits Shunryu Suzuki saß. Ihr Leben, ihre Übung, ihr Vermächtnis. Staunend betrachte ich diese Hände und ihre Gestalt, welche 45 Jahre intensiver Übung haben leicht werden lassen. „Oh, my arthritis“, sagt sie, lächelt amüsiert und kommt auf die Jahre zu sprechen, in der sie Äbtissin des Zen Centers war - als erste Frau in dieser Position. Gemeinsam gehen wir, an Suzukis Bild vorbei, zurück in den Eingang. Wir verbeugen uns. Danach eine Umarmung, die mich zu Tränen rührt. Jahre später finden wir uns auf den Eingangsstufen wieder. Die schöne Holztüre hat sie fest hinter sich zugezogen. Kein Laut dringt nach außen.
Im kleinen Vorgarten wetteifern Ahornbäume in Rot. Strahlend leuchten sie uns den Weg hinunter zum Wasser.

P1020895

Blanche2

P1020767

Gassho,
Juen
blog comments powered by Disqus