Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Andere sind nicht ich...

Tropische Hitze im sommerlichen China. Ein junger Mönch aus bester Familie, ehrgeizig und spirituell neugierig, vertreibt sich die Zeit im Keitoku-Tempel in der Chekiang Provinz in China. Er möchte seinen erkrankten Reisebegleiter und Rinzai-Lehrer, Myozen, besuchen.
Als er an der Buddha-Halle vorbeikommt, sieht er einen alten Mönch, der in der Mittagssonne Pilze im Hof zum Trocknen auslegt. Dogen beschreibt seinen Rücken als „gekrümmt wie ein Bogen“ und seine Brauen „weiss wie die Federn eines Kranichs“.
Der Mönch Yung muss einen Bambusstock zur Hilfe nehmen, denn die Steine im Hof sind glühend heiß.
Dogen empfindet Mitleid und fragt ihn: „Wie alt bist Du?“
Yung murmelt, weiter arbeitend: „Ich werde dieses Jahr achtundsechzig Jahre alt“.
Dogen antwortet: „Ein Mann in Deinem Alter sollte diese Art von Arbeit nicht mehr verrichten müssen. Warum bestimmst Du nicht jemand anderen dafür?“
Yung: „Andere sind nicht ich“.
Dogen, nicht locker lassend: „Na gut, das stimmt schon. Aber warum ruhst Du Dich nicht ein bisschen aus? Du solltest Deinen Körper nicht überbeanspruchen.“
Yung antwort mit noch etwas mehr Nachdruck: „Und auf welch eine andere Zeit sollte ich warten?“ und fährt mit seiner Aufgabe fort.
Dogen gibt auf.
Später schreibt er darüber: „Als ich den Gang hinunter ging, wurde mir immer klarer, was für eine wichtige Aufgabe er mit seiner Arbeit erfüllt“.


In China und Japan bilden Pilze bis zum heutigen Tag einen wichtigen Bestandteil im Essen der Mönche - sie im Hochsommer zu trocknen machte also großen Sinn.

In dieser Begegnung ist von vielem die Rede, dem wir auch in einer Sangha, in unserem Zazen und in unserer täglichen Übung begegnen: Bereitschaft, Geradlinigkeit, Offenheit, Unbekümmertheit ob jenem, was wir „uns selbst“ nennen.
Ist eine Lücke in meinem Kalender und wird sie angefragt, so komme ich - ohne abzuwägen, ob ich mag oder nicht oder welche Erinnerungen ich an eine zurücklegende Begegnung habe oder ob „ich“ mich gerade so fühle oder anders. Werde ich gebeten, schenke ich. Was ist daran zu diskutieren?

Offenheit des Herzens bringt Flexibilität hervor, Zärtlichkeit, Großzügigkeit.
So lange wir nur danach leben, was „ich“ sehe, werden wir leiden, auch in unserem spirituellen Leben. Solange wir uns nur danach richten, wie es mir geht, welche Empfindungen ich habe, welche Ansichten, usw. - wird dieses Ich unglücklich bleiben. Wir vergessen es auch dann nicht, wenn wir schon längst auf dem Kissen sitzen. Deswegen fühlen wir uns meist so oder so: unbehaglich, angsterfüllt, irritiert oder zumindest uninspiriert. Wie schade!
Denn wir verpassen so die gesamte weite Welt, die uns außerhalb jener kleinen Hülle von angesammelten Meinungen und kleinlichen Empfindsamkeiten zur Verfügung steht. Diese Welt ruft uns ständig.
Sie ist es, wonach wir uns sehnen und die uns dauerhaft heilen und erfreuen kann. Sie bringt unter anderem Gemeinschaftsinn, Ausgeglichenheit, Humor, Lebensfreude und Kreativität in uns hervor.
Wir können nur von ihr lernen: wenn wir es endlich wagen, diese Welt, welche uns sieht, und die Welt, welche wir sehen, nebeneinander leben zu lassen - mit offenen Türen nach beiden Seiten.

„Andere sind nicht ich“ bedeutet: jetzt, hier und sonst nirgendwo. Nicht in nur meinem Kopf, nicht nur in meinem Körper. Nicht besorgt nach jenem oder diesem. Sondern aufmerksam und konzentriert unter dem Dach des Buddha-Hauses: jetzt.
Einfach ja sagen, los gehen, frei geben, mutig voranschreiten, niemals zurückschauen und nur ab und an darüber nachsinnen.
Das bedeutet: eins mit Buddha, Dharma, Sangha. Deswegen üben wir.

Gassho, Juen

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