Wind & Wolken Sangha
eine Zen-Gemeinschaft in Schleswig-Holstein
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Flüchtiges

Neulich hatten wir eine interessante Diskussion über das, „was der Buddha fand“. Natürlich wissen wir das nicht. Aber es ist anregend, darüber nachzudenken.
Unsere Unterhaltung kreiste um Siddharthas Erwachen aus der Illusion der Beständigkeit, des Nicht-Vergehens. Eine der Grundlagen unserer Übung stellt die Lehre von der Vergänglichkeit dar. In dem Text, den wir als Grundlage hatten, wurde das Erkennen der Vergänglichkeit als ein Zustand bezeichnet, in dem auch der Tod eingeschlossen wird und wir daher „blinde Hoffnung“ (auf Bestand, auf ein Andauern) und Enttäuschungen vermeiden können.
Es kommt nicht selten vor, dass sich hierbei Protest regt. Denn der als erstrebenswert bezeichnete Zustand kann missverstanden werden als eine Geistesverfassung, in der wir entweder pessimistisch, nihilistisch, fatalistisch oder zumindest „kontaktlos“ durch unser Leben gehen sollen.

Im Dhammacakka Sutra, der ersten Dharmarede, die der Buddha hielt, lehrte er unter anderem, dass ein Anhaften im Sein (in der Existenz) genauso ungesund ist wie ein Anhaften im Nicht-Sein. Erstes ist unsere Situation ohnehin, zweites mit etwas Ausdauer erfahrbar. Dennoch, das ist nicht, was wir üben.

Wenn alle Dinge BuddhaDharma sind, gibt es Verblendung, Erwachen, Übung, Leben und Sterben, Buddhas und fühlende Wesen. Da die zahllosen Dinge ohne festes Ich sind, gibt es keine Verblendung, keine Erwachen, keinen Buddha, keine fühlenden Wesen, kein Leben und Sterben. Der Buddha-Weg reicht seinem Wesen nach weit jenseits von Kargheit und Fülle; daher gibt es Leben und Sterben, Verblendung und Erwachen, fühlende Wesen und Buddhas. Dennoch welken Blütenblätter während unserer Zuneigung und Unkraut sprießt in unserer Abneigung.

Dogen Zenji, Genjokoan


Normalerweise fassen wir den ersten Satz so auf, dass es Erwachte (Buddhas) und Unerwachte (fühlende Wesen) gibt und der Weg, welcher uns von hier nach dort führt, unsere Übung darstellt. Im zweiten Satz, der uns auch aus dem Herzsutra vertraut ist, folgt die Verneinung - keine Verblendung, kein Erwachen, kein Leben, kein Sterben. Häufig ist es gerade diese Sichtweise, die seit Nagarajuna im Zen betont wird und welche als ein Zustand der Überwindung von zum Beispiel „Haben wollen“, Anhaften, Wut, Zweifel, etc. bezeichnet wird.
Nicht so für Dogen.
Für ihn bedeutet Überwinden, was im dritten Satz beschrieben wird.
Wenn wir die Vier Edlen Wahrheiten auf der Grundlage von Prajna sehen - welche die Substanzlosigkeit aller Dinge erkennt, dann ist sowohl Sterben vorhanden wie auch kein Sterben und dennoch leiden wir, wenn Blumen welken.
Sind wir traurig, so sind wir einhundert Prozent traurig. Unsere Traurigkeit stellt in diesem Augenblick keinen Gegensatz zu Freude dar. Sind wir traurig, gibt es kein Ende. Wir sind vollkommen traurig.
Sind wir glücklich, so sind wir einhundert Prozent glücklich. Unser Glücklichsein stellt dann keinen Gegensatz zu unserer Traurigkeit dar.
Wir sind nicht halb und halb.

Beides sind in sich geschlossene, absolute, sozusagen perfekte Daseinszustände, innerhalb derer Blumen trotz unserer Fürsorge welken und Unkraut spriesst trotz unserer Abneigung.
Das ist der Weg, den wir üben.

Gassho, Juen

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